Nun kam für mich ein neuer Lebensabschnitt. Beim Magistrate in Mureck war Syndikus Paul Leschanz Amtsvorstand, welcher nebenbei die Justitiär-Advokatengeschäfte betrieb und hierzu einen Schreiber namens Baschker für den ganzen Tag bei sich hatte.
Herr Benedikter war Kanzlist und Grundbuchführer, hatte acht Kinder und betrieb auch im Schreiben Winkel-Geschäfte. Als Baschker erkrankte, dachte Herr Leschanz zufällig an mich, dass ich einige Tage die Stelle des Schreibers vertrete, bis dieser gesund würde. Ich sagte zu, jedoch mit dem Vorbehalte, dass ich im Falle eines vorkommenden Fiakergeschäftes nicht aufgehalten sein dürfte. (92) Zum Glück hatte ich trotz vieler schwerer Arbeit zum Schreiben eine flinke Hand und schrieb tüchtig drauf los.
Nun kam richtig eine Fuhre nach Graz, und Baschker war inzwischen gestorben. Leschanz machte mir nun den Antrag, dass ich ganz bei ihm bleiben sollte. Da ich in einem halben Tag so viel schreibe wie Roscher in acht Stunden, so dürfte ich täglich nur von 8 bis 12 vormittags da sein, wofür ich per Monat 8 Gulden erhielt. Ehe ich noch ein Wort darauf sagen konnte, sprach der Grundbuchführer: «Ei, da können Sie zufieden sein!» Ich nahm also die Stelle an, denn 8 Gulden oder 4 Kreuzer pro Stunde war damals am Lande schon viel.
Aber von allen Seiten kam mir die Frage, was mir denn eingefallen wäre, zu diesem Sozius zu gehen, er habe den vorigen Schreiber gar oft die Schriften zum Kopfe geworfen. Aber im Bewusstsein meiner Schnellschrift, Geduld und Pünktlichkeit wusste ich jeden Konflikt zu vermeiden. Leschanz hatte freilich ein sehr schroffes Benehmen und wurde deswegen mehrererseits angefeindet. Damals wurden beim Diktieren von Prozessschriften häufig lateinische Seiten eingeflochten. Da ich sehr orthographisch geschult war, kamen auch die lateinischen Brocken fehlerfrei zu Papier. Herr Leschanz wunderte sich mehrmals darüber und frug mich zweimal, ob ich studiert hätte, denn wenn Studenten in den Ferien nach Mureck kamen und bei ihm Schreibergeschäfte hatten, zeigten sie nicht so viel Kenntnis wie ich, da ich doch in der Normalschule zu Graz nur bis zur 4. Klasse kam. Nun kam es mir vor, dass ich erst den geeigneten Erwerbszweig gefunden hätte. Herr Leschanz war in der Pfarre Ortsbeichter, und wenn über einen verstorbenen Untertan im Pfarrhofe die Verlassabhandlung – wobei ich aktuierte – gepflogen und beendet wurde, gab Herr Pfarrer grosse Tafel und ich erhielt von ihm fürs Aktuieren jedesmal 4 Silberzwanzger.
Grundbuchführer Benedikter befasste sich nebenbei mit Kaufverträgen, Schuldbriefen, Quittungen etc. und gab mir davon sehr viel zu schreiben nach Haus, wobei ich viele Kenntnisse im Kanzleigeschäfte erwarb. Inzwischen übersiedelte der vom Markte St. Florian vertriebene Syndikus Tauscher nach Mureck und machte hier einen Advokaten, bei welchem ich durch vier Monate 4 Silberzwanzger für Schreiben über Nacht verdiente.
Als Tauscher hier keine Geschäfte mehr hatte, wanderte er nach Radkersburg, dann nach Graz, wo nach seinem Tode dessen Wittwe sich als Unterhändlerin/Märklerin bei Realitäten und Verkäufen befasste.
(93) Bei dem Mangel an Taglöhnern stand ich früh um 3 auf, besorgte bei dem beinahe eine halbe Stunde entfernten Acker das Behauen und Anhäufeln des Kukuruz und der Kartoffeln. Um 7 Uhr ging ich nach Hause und nach dem Frühstück in die Kanzlei. Bis 4 Uhr nachmittags arbeitete ich an der Hobelbank, dann bis 9 Uhr wurde auf den Äckern gearbeitet, und die gute liebe Frau besorgte die Gastwirtschaft.
In den Jahren 1835 und 1836 war in den Weingärten in bezug auf Qualität wieder grosser Segen. Da jedoch zur Lesezeit 1835 grosse Kälte eintrat, mussten die gefrorenen Trauben in der Presse, in welcher da und dort sogar mit tragbaren Öfen geheizt wurde, gestossen werden. Der aus gefrorenen Trauben erzeugte Wein kam aber erst zu Pfingsten zur Gährung, wurde dann sehr gut aufgekauft und unter den 1834er gemischt, sodass nach Pfingsten nirgends mehr ein Wein von 1835 anzutreffen war.
Die in Mureck und Umgebung einquartieren E. H. Joseph-Husaren, meistens vollblut-Magyaren, waren furchtbare Kerle. Sie raubten und stahlen, und Raufen war eine Haptpassion. Sie waren wohl eine sehr grosse Last, und wenn sie mit 25 Stockprügeln beteilt wurden, hoben sie die Bank auf und riefen: «Einen halben Seitl Branntwein und nocheinmal 25!»
Die Schuster, Schneider, Sattler, Schmiede, Tabakmacher etc. unter den Husaren waren lauter Siebenbürger. Sie zechten bei uns und bezahlten alle Geldtage. Als sie aber nach 3 Geldfassungen nicht mehr kamen, ersuchte ich den Korporal Orete, mir zu meinem Guthaben zu verhelfen. Nach einiger Zeit sagte er, ich solle zum Leutnant nach Ratschendorf kommen, denn dieser würde mir meine 18 Gulden, die er nach und nach der Mannschaft abgezogen, auszahlen. Aber – wie fast jeder Ungar – von Mein und Dein sonderbare Begriffe habend, drohte der Schmutzian von einem Leutnant, mir 25 Stockhiebe geben zu lassen wie der schuldengemachten Mannschaft, wenn ich mich nicht sogleich entferne. Meine 18 Gulden waren somit beim Teufel so wie die Schuld des Korporalen Orete zu 4 Gulden.
Als meine fleissige Gattin noch ledig war, wurde sie in Graz mit der hübschen Apotherkerfrau Fehr bekannt. Als sehr vermögliche Wittwe heiratete diese den Bräumeister Kröl zu Wildon, wurde aber wegen ihres leichtfertigen Lebens geschieden, lebte dann in Graz mit einem Offizier und hatte von diesem 3 Kinder. Dann, von allen verlassen, musste sie dienen und kam nach Mureck zum Syndikus Leschanz als Kindsfrau. Von dort entlassen ersuchte sie meine herzensgute Frau als alte Bekannte um einige Tage Aufenthalt bei uns bis sie wieder einen passenden Dienstort fände.
(94) Da wir in unserer Gastwirtschaft wirklich jemanden benötigten, um ungehindert auch den Geflügelhandel besorgen zu können, behielten wir diese sehr sittsame, so tuende Person bei uns, und ihr Benehmen zeigte sich als sehr verlässlich. Sie war nun 48 Jahre alt und hatte im Ganzen schon selbst 12 Kinder gehabt. Dennoch war ihre vorherige Leidenschaft nicht vorüber, denn nachträglich hatten wir erfahren und selbst wahrgenommen, wie freundschaftlich sie mit den Husaren verkehrte und sich mit ihnen in unlautere Verhältnisse einliess. Ich hatte diese Ehrvergessene entlassen. Sie kam dann nach Graz zu einem Selcher, bei dem sie bedeutende Diebstähle an Speck und Schinken verübte. Als dann mit ihr bekannte Husaren um Remonte zu fangen nach Graz kamen, zog sie mit diesen nach Essek in Slowenien.
Nachdem die Bäcker in Mureck sehr schwarzes und schmackhaftes Brot zum Verkaufe hatten, habe ich bei jeder Rückfahrt nach Graz dort um 20 Gulden schönes, gutes Brot mitgenommen, unterwegs verkauft und dabei jedesmal den eigenen Bedarf einer ganzen Woche gewonnen.
Herr Bindermeister Götze kam einst mit gebratenen Kastanien für die Kinder. Als auch die liebe gute Gattin mitass, spürte sie gleich heftige Schmerzen im Unterleib und schob das Bauchgrimmen auf die Kastanien. Aber nötig war, sogleich die Hebamme zu holen. So bekamen wir nachts ein sehr liebes, fettes Mädchen, welches in der Taufe den Namen Rosina Aurelia erhielt. Dieses Kind entwickelte sich sehr schnell, und ihr Gesichtchen und dann ihre wundervollen gekräuselten Haare konnten den schönsten Engelskopf vorstellen. Sie war mir besonders zugetan, und ich hatte sie, so wie den talentvollen Gustav, so oft ich konnte. Dieser sanfte Knabe hatte besonders schmachtende Augen und eine grosse Vorliebe für Bilder, zeichnete – 5 Jahre alt – viele Bögen voll Figuren und wusste den Unterschied zwischen Mann und Weib darzustellen an der Kleidung. Auch hatte er eine besondere Lernbegierde.
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Sonntag, 14. Februar 2010
Freitag, 12. Februar 2010
36. Traurige und glückliche Frauenschicksale
Unser Nachbar, der erwähnte Bindermeister Götze, wollte die noch ledige Tochter des Wirtes Haas, welche wohl gross und stark, von sehr gutmütigem, solidem Charakter und ihm auch zugetan, zur Gattin nehmen. Als sie aber diese Angelegenheit dem Kaplan vortrug, war dieser fanatisch genug, sie zur ewigen Verdammnis zu verurteilen, wenn sie den Götze, einen Protestanten, heirate. Er malte ihr die Hölle mit so grässlichen Farben, dass die arme Braut darüber irrsinnig wurde.
Götze wollte sie dennoch nicht aufgeben, und der gutmütige Herr Pfarrer versprach, die eheliche Einsegnung zu vermitteln, wenn durch ärztliches Zeugnis erwiesen werde, dass die Braut bei voller Vernunft sei. Der diesfalls etliche Male von Marburg geholte Kreisfisikus konnte jedoch kein gültiges Zertifikat ausstellen, da die Bedauernswerte infolge der durch Fanatismus erzeugten Lähmung ihrer Denkkraft in stillem Wahnsinn dahinbrütete und nie mehr gesund wurde.
Götze war bemüssigt, bei seiner bedeutenden Hauswirtschaft nebst Weinhandel eine Hausfrau zu haben, aber wo er anklopfte, wurde der Protestant abgewiesen. Nun blieb ihm der Übertritt zum Katholizismus. Als er davon aus dem Pfarrhofe zurückkehrte und mir begegnete, sagte er: «Nun hab ich die Dummheit also gemacht!» Er hatte dann eine vermögliche Schmiedstochter im Dorfe Tratten geheiratet, die aber dem Weine ihres Mannes zu sehr huldigte und nicht lange lebte.
Götze war ein grosser, starker Mann, arbeitete selbst so viel wie seine zwei Gesellen und konnte auch fast täglich vier bis fünf Mass Wein bei der schweren Binderarbeit vertilgen. Gegen uns war er der beste Nachbar. Wie oft machte er unseren Kindern Präsente von gutem Obst, Trauben, Kuchen. Wenn er dringend Arbeit hatte, half ich gegen Bezahlung mit. Nun begriff ich erst, warum alle seine Vorbesitzer auf dieser Realität zu Grunde gingen, weil sie lauter Lumpen waren und statt zu arbeiten immer in den Wirtshäusern herumlungerten.
Nachdem Götze durch Fleiss und Weinspekulationen in (91) kurzer Zeit wohlhabend wurde, heiratete er des Seilermeisters Magd, eine arme Keuschlers Tochter bei Leutschach, und traf eine glückliche Wahl. Und da Götze in seinen Geschäften grösseren Geldverkehr hatte, war die zweite Gattin so pfiffig, von den nach und nach heimlich für sich gesammelten Geldern bei der Hauswirtschaft notwendige Sachen: Leinwand, Tisch- und Bettwäsche-Zeug etc. einzukaufen. Sie wusste es so einzurichten, dass alles von ihr Eingekaufte als von Leutschach kommend per Post zum Hause kam, so dass Götze der Meinung war, ihre Eltern müssen doch vermöglich sein.
Bei der benachbarten Herrschaft Obmureck war ein schöner, grosser Mann, Klenofsky aus Polen, bei 40 Jahre alt, ledigmals Grundbuchführer. Er hatte in Mureck ein stark gebautes einstöckiges Haus und jenseits der Mur, nächst der Brücke ein zwei Stock hohes Haus erst neu erbaut. Eine bejahrte Beamtenswittwe führte das Hauswesen. Frau Götze hatte infolge des gemachten Glücks ihre Schwester zum Seiler als Magd postiert. Als der Pole bemerkte, dass Götze so eine brave Frau habe, forschte er nach, ob deren Schwester eine ebenso ehrenwerte und wirtschaftliche Hausfrau vorstellen könne.
Er ehelichte sie, und als er kinderlos starb, wurde sie Alleinerbin, jedoch mit der testamentarischen Bestimmung, dass sie durch ihre ganze Lebenszeit seinen Namen trage.
Da sie aber Wittwe nicht bleiben und doch die grosse Erbschaft nicht fahren lassen wollte, und auch wusste, dass der verstorbene Gatte einen ledigen Bruder habe, suchte sie diesen auf und fand ihn in Siebenbürgen als Ingenieur. Die Heirat mit diesem kam glücklich zustande, und die Wiedervermählte trug sonach zeitlebens den Namen ihres ersten Gatten.
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Götze wollte sie dennoch nicht aufgeben, und der gutmütige Herr Pfarrer versprach, die eheliche Einsegnung zu vermitteln, wenn durch ärztliches Zeugnis erwiesen werde, dass die Braut bei voller Vernunft sei. Der diesfalls etliche Male von Marburg geholte Kreisfisikus konnte jedoch kein gültiges Zertifikat ausstellen, da die Bedauernswerte infolge der durch Fanatismus erzeugten Lähmung ihrer Denkkraft in stillem Wahnsinn dahinbrütete und nie mehr gesund wurde.
Götze war bemüssigt, bei seiner bedeutenden Hauswirtschaft nebst Weinhandel eine Hausfrau zu haben, aber wo er anklopfte, wurde der Protestant abgewiesen. Nun blieb ihm der Übertritt zum Katholizismus. Als er davon aus dem Pfarrhofe zurückkehrte und mir begegnete, sagte er: «Nun hab ich die Dummheit also gemacht!» Er hatte dann eine vermögliche Schmiedstochter im Dorfe Tratten geheiratet, die aber dem Weine ihres Mannes zu sehr huldigte und nicht lange lebte.
Götze war ein grosser, starker Mann, arbeitete selbst so viel wie seine zwei Gesellen und konnte auch fast täglich vier bis fünf Mass Wein bei der schweren Binderarbeit vertilgen. Gegen uns war er der beste Nachbar. Wie oft machte er unseren Kindern Präsente von gutem Obst, Trauben, Kuchen. Wenn er dringend Arbeit hatte, half ich gegen Bezahlung mit. Nun begriff ich erst, warum alle seine Vorbesitzer auf dieser Realität zu Grunde gingen, weil sie lauter Lumpen waren und statt zu arbeiten immer in den Wirtshäusern herumlungerten.
Nachdem Götze durch Fleiss und Weinspekulationen in (91) kurzer Zeit wohlhabend wurde, heiratete er des Seilermeisters Magd, eine arme Keuschlers Tochter bei Leutschach, und traf eine glückliche Wahl. Und da Götze in seinen Geschäften grösseren Geldverkehr hatte, war die zweite Gattin so pfiffig, von den nach und nach heimlich für sich gesammelten Geldern bei der Hauswirtschaft notwendige Sachen: Leinwand, Tisch- und Bettwäsche-Zeug etc. einzukaufen. Sie wusste es so einzurichten, dass alles von ihr Eingekaufte als von Leutschach kommend per Post zum Hause kam, so dass Götze der Meinung war, ihre Eltern müssen doch vermöglich sein.
Bei der benachbarten Herrschaft Obmureck war ein schöner, grosser Mann, Klenofsky aus Polen, bei 40 Jahre alt, ledigmals Grundbuchführer. Er hatte in Mureck ein stark gebautes einstöckiges Haus und jenseits der Mur, nächst der Brücke ein zwei Stock hohes Haus erst neu erbaut. Eine bejahrte Beamtenswittwe führte das Hauswesen. Frau Götze hatte infolge des gemachten Glücks ihre Schwester zum Seiler als Magd postiert. Als der Pole bemerkte, dass Götze so eine brave Frau habe, forschte er nach, ob deren Schwester eine ebenso ehrenwerte und wirtschaftliche Hausfrau vorstellen könne.
Er ehelichte sie, und als er kinderlos starb, wurde sie Alleinerbin, jedoch mit der testamentarischen Bestimmung, dass sie durch ihre ganze Lebenszeit seinen Namen trage.
Da sie aber Wittwe nicht bleiben und doch die grosse Erbschaft nicht fahren lassen wollte, und auch wusste, dass der verstorbene Gatte einen ledigen Bruder habe, suchte sie diesen auf und fand ihn in Siebenbürgen als Ingenieur. Die Heirat mit diesem kam glücklich zustande, und die Wiedervermählte trug sonach zeitlebens den Namen ihres ersten Gatten.
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Sonntag, 7. Februar 2010
35. Der sanftmütige Gustav wird geboren
Die Schwester meiner holden Gattin, Therese, verwitwete Plank, hatte unter ihren 9 Kindern ein zweijähriges Mädchen namens Luise. Als ich einst mit eigenem Fuhrwerke wieder in Graz war, nahm ich auf Zureden meiner seelenguten Gattin das Kind mit nach Mureck. Da hatte ich aber eine schwere Aufgabe und fürchterliche Plage, denn das Kind schrie unterwegs entsetzlich und unaufhörlich trotz aller Beschwichtigungsversuche. Wie oft musste ich auf der Strasse anhalten, um den Leuten, die auf das Geschrei des Kindes aus den Häusern stürzten, über die Ursache des Schreiens Rechenschaft geben. Und diese Kalamität dauerte den ganzen 10 Stunden langen Weg und auch noch in Mureck eine Weile fortan. Das Kind sehnte sich zu sehr nach der eigenen Mutter.
Kaufmann Kolletnigg hatte eine Stunde von Mureck in der Gemeinde Drasendorf einen grossen Weingarten mit einem hübschen Herrenhause. Von seinen Söhnen August und Johann wurde ich nebst vielen anderen zur Weinlese eingeladen. Da zog an einem lieblichsten, warmen Herbsttage eine tüchtige, humorvolle Karwane über die Berge dahin, wo wir abends und nachts darauf köstliche Unterhaltung fanden. Die ganze Zeit war der Tisch mit delikatesten Schmausereien bedeckt und jeder langte nach Herzenslust zu.
(88) Am anderen Ende des geräumigen Saales war an der Mauer eine Marmortafel, worin mit Goldschrift in Versen die Aufforderung zur Heiterkeit und Lebenslust enthalten war. Anfangs der Berge und über dieselben waren Böller aufgestellt, um den Weg des ebenfalls eingeladenen Herrn Pfarrers Johann Konrad zu verherrlichen. So oft er eine Krümmung des Weges betrat und von nächster Bölleraufsicht bemerkt wurde, krachte ein Schuss. So ging es fort bis zum Herrenhause, wo der Pfarrer, einer der besten und menschenfreundlichsten und leutseligsten Geistlichen, die ich je kannte, mit ungeheuchelter Ehrfurcht bewillkommt wurde.
Im Keller waren 14 Körbe voll auserlesener Trauben, woraus wenigstens 5 Eimer Wein erzeugt werden konnten. Aber alle diese Trauben wurden bei Tische als Leckerbissen verschnabuliert. Die nächste juxvolle Fahrt und Unterhaltung war im Weingarten des Lederermeisters Steurer in Unterwölbling. Neben unserem Hause war auf Gemeindegrund ein kleiner Hügel, von wo aus man eine Rundschau auf die nächsten Dörfer und Berge hatte. Von diesem Hügel wurden daher im heissen Jahre 1834 sehr viele Feuersbrünste wahrgenommen.
Als wir am 24. Juni, an meinem Namenstage, etwas länger als sonst bei Tische sassen, sah ich vor dem Hause viele Leute auf den Hügel steigen, um das drei Stunden weit entfernte und über Jagerberg tobende Gewitter zu beobachten. Ich selbst sah dann aus einer schwarzen Wolke einen Blitz horizontal über die Ratschdorfer Haide fahren, welcher dem dortigen Haarhause und mitten im Dorf zündete. Ich nebst viele vom Markt eilten zu Hilfe. Die meisten der Dorfbewohner waren aber im nächsten Dorfe Schildhof bei einer Hochzeit und mussten nun in Sonntagskleidern nach Hause eilen und zu retten versuchen, was nur möglich war. Wären die Murecker bei diesem Brande nicht tätig gewesen, so hätte das Feuer auch eine andere Reihe Besitzungen ergriffen. Auf einer Seite der Dorfstrasse gingen 5 Häuser nebst vielem Mobiliar zu Grunde.
Am 9. Juli 1835 wurde meine innigst geliebte Gattin von einem Knaben entbunden. Da wir die schönen Gedichte des Cillier Professors Gustav Rudolf Puff gerne gelsen hatten, liessen wir unseren Knaben Gustav nennen und taufen. Da ich und meine engelsgute Gattin stets in liebevoller Eintracht lebten und keinen häuslichen Zwist aufkommen liessen, so wollte die böse Welt behaupten, wir wären gar nicht verheiratet; denn (89) nach Begriffen der Ungebildeten sollte bei Eheleuten immer ein kleines Donnerwetter stattfinden.
Bei der Taufe des Knaben drang nun der Herr Pfarrer mit vielen Entschuldigungen auf Vorweisung unseres Trauscheines. Erst als wir diesen in Graz beschafften, wurde Gustav als ehelich geboren ins Taufbuch eingetragen. Das arme Kind wurde aber durch beinahe vier Jahre von Fraisen geplagt, und die Ärzte wollten behaupten, dass der Schrecken meiner Frau über die vielen Feuer im Jahre 1834 eine Einwirkung auf das Kind gehabt habe. Erst nach vier Jahren fing der Knabe zu sprechen an und hatte bei seelenhaften Augen ein sanftes Wesen.
Nachdem ich mit allen möglichen Arbeiten befasst war, kam auch ein Nachbar mit der Bitte, seine störrische Schwarzwälder Uhr zu korrigieren. Eine Frau bat mich, ihr Spinnrad herzurichten. Sogar ein Strumpfwirkerstuhl war zu zerlegen und innerlich mehrere schadhafte Maschinenteile durch neue zu ersetzen.
Der Bäcker Hornig hatte manchmals eine neue Ofenschüssel von Nöten und kam zu mir. Zum Haareschneiden hatte ich viele Kunden, zum Rasieren jedoch nur einen Herren. Für Briefeschreiben verdiente ich auch manches. Mit meinem Pferd und Steirer Wagen hatte ich öfters Fiakergeschäfte nach allen Gegenden.
An einem Sonntage nachmittags musste ich die robuste Wirtstochter Maria Haas zu ihrer in Leibnitz mit einem Wagnermeister verehelichten Schwester führen, deren Mann wegen Brandlegung im Arreste war.
Als es bereits gegen Abend ging, drang ich darauf, dass wir bald zurückkehrten. Ich kannte diese Maria noch nicht und wusste auch nichts von ihren extremen Eigenschaften. Erst als es schon Nacht war, fand sie sich zur Rückkehr bereit und obwohl wir in Leibnitz auf ihre Kosten gezecht hatten und der Weg nach Mureck zu Fuss nur dreieinhalb Stunden lang war, liess sie noch bei mehreren Gasthäusern anhalten und guten Wein herbringen.
Sie litt es nicht, dass ich am Kutschbocke Platz nahm. Ich musste mich zu ihr setzen. Da klopfte sie mir mit der flachen Hand auf den Schenkel mit den Worten: «Ja, lieber Herr, so geht's!» Nun erst erkannte ich ihre Leidenschaft und Absicht, mich zur Verletzung meiner ehelichen Treue zu verleiten, was ihr jedoch misslang. Als wir bei unserem Elternhause anlangten, zahlte sie mir den Fuhrlohn und benahm sich dabei ganz schroff, im Gegensatz zu ihrer vorher gegen mich verschwendeten Zärtlichkeiten. Ihr erster Ehemann, ein (90) Mühlengehilfe, so wie der zweite Gatte, ein Postknecht, waren junge und starke Männer und wurden durch ihre überaus heftige, leidenschaftliche Begehrlichkeit frühzeitig zugrunde gerichtet.
Ihr dritter Gatte, ein Fleischer und kurzer, untersetzter, stämmiger Mann namens Sinitsch, sah anfangs auch blass aus, überlebte sie aber doch.
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Kaufmann Kolletnigg hatte eine Stunde von Mureck in der Gemeinde Drasendorf einen grossen Weingarten mit einem hübschen Herrenhause. Von seinen Söhnen August und Johann wurde ich nebst vielen anderen zur Weinlese eingeladen. Da zog an einem lieblichsten, warmen Herbsttage eine tüchtige, humorvolle Karwane über die Berge dahin, wo wir abends und nachts darauf köstliche Unterhaltung fanden. Die ganze Zeit war der Tisch mit delikatesten Schmausereien bedeckt und jeder langte nach Herzenslust zu.
(88) Am anderen Ende des geräumigen Saales war an der Mauer eine Marmortafel, worin mit Goldschrift in Versen die Aufforderung zur Heiterkeit und Lebenslust enthalten war. Anfangs der Berge und über dieselben waren Böller aufgestellt, um den Weg des ebenfalls eingeladenen Herrn Pfarrers Johann Konrad zu verherrlichen. So oft er eine Krümmung des Weges betrat und von nächster Bölleraufsicht bemerkt wurde, krachte ein Schuss. So ging es fort bis zum Herrenhause, wo der Pfarrer, einer der besten und menschenfreundlichsten und leutseligsten Geistlichen, die ich je kannte, mit ungeheuchelter Ehrfurcht bewillkommt wurde.
Im Keller waren 14 Körbe voll auserlesener Trauben, woraus wenigstens 5 Eimer Wein erzeugt werden konnten. Aber alle diese Trauben wurden bei Tische als Leckerbissen verschnabuliert. Die nächste juxvolle Fahrt und Unterhaltung war im Weingarten des Lederermeisters Steurer in Unterwölbling. Neben unserem Hause war auf Gemeindegrund ein kleiner Hügel, von wo aus man eine Rundschau auf die nächsten Dörfer und Berge hatte. Von diesem Hügel wurden daher im heissen Jahre 1834 sehr viele Feuersbrünste wahrgenommen.
Als wir am 24. Juni, an meinem Namenstage, etwas länger als sonst bei Tische sassen, sah ich vor dem Hause viele Leute auf den Hügel steigen, um das drei Stunden weit entfernte und über Jagerberg tobende Gewitter zu beobachten. Ich selbst sah dann aus einer schwarzen Wolke einen Blitz horizontal über die Ratschdorfer Haide fahren, welcher dem dortigen Haarhause und mitten im Dorf zündete. Ich nebst viele vom Markt eilten zu Hilfe. Die meisten der Dorfbewohner waren aber im nächsten Dorfe Schildhof bei einer Hochzeit und mussten nun in Sonntagskleidern nach Hause eilen und zu retten versuchen, was nur möglich war. Wären die Murecker bei diesem Brande nicht tätig gewesen, so hätte das Feuer auch eine andere Reihe Besitzungen ergriffen. Auf einer Seite der Dorfstrasse gingen 5 Häuser nebst vielem Mobiliar zu Grunde.
Am 9. Juli 1835 wurde meine innigst geliebte Gattin von einem Knaben entbunden. Da wir die schönen Gedichte des Cillier Professors Gustav Rudolf Puff gerne gelsen hatten, liessen wir unseren Knaben Gustav nennen und taufen. Da ich und meine engelsgute Gattin stets in liebevoller Eintracht lebten und keinen häuslichen Zwist aufkommen liessen, so wollte die böse Welt behaupten, wir wären gar nicht verheiratet; denn (89) nach Begriffen der Ungebildeten sollte bei Eheleuten immer ein kleines Donnerwetter stattfinden.
Bei der Taufe des Knaben drang nun der Herr Pfarrer mit vielen Entschuldigungen auf Vorweisung unseres Trauscheines. Erst als wir diesen in Graz beschafften, wurde Gustav als ehelich geboren ins Taufbuch eingetragen. Das arme Kind wurde aber durch beinahe vier Jahre von Fraisen geplagt, und die Ärzte wollten behaupten, dass der Schrecken meiner Frau über die vielen Feuer im Jahre 1834 eine Einwirkung auf das Kind gehabt habe. Erst nach vier Jahren fing der Knabe zu sprechen an und hatte bei seelenhaften Augen ein sanftes Wesen.
Nachdem ich mit allen möglichen Arbeiten befasst war, kam auch ein Nachbar mit der Bitte, seine störrische Schwarzwälder Uhr zu korrigieren. Eine Frau bat mich, ihr Spinnrad herzurichten. Sogar ein Strumpfwirkerstuhl war zu zerlegen und innerlich mehrere schadhafte Maschinenteile durch neue zu ersetzen.
Der Bäcker Hornig hatte manchmals eine neue Ofenschüssel von Nöten und kam zu mir. Zum Haareschneiden hatte ich viele Kunden, zum Rasieren jedoch nur einen Herren. Für Briefeschreiben verdiente ich auch manches. Mit meinem Pferd und Steirer Wagen hatte ich öfters Fiakergeschäfte nach allen Gegenden.
An einem Sonntage nachmittags musste ich die robuste Wirtstochter Maria Haas zu ihrer in Leibnitz mit einem Wagnermeister verehelichten Schwester führen, deren Mann wegen Brandlegung im Arreste war.
Als es bereits gegen Abend ging, drang ich darauf, dass wir bald zurückkehrten. Ich kannte diese Maria noch nicht und wusste auch nichts von ihren extremen Eigenschaften. Erst als es schon Nacht war, fand sie sich zur Rückkehr bereit und obwohl wir in Leibnitz auf ihre Kosten gezecht hatten und der Weg nach Mureck zu Fuss nur dreieinhalb Stunden lang war, liess sie noch bei mehreren Gasthäusern anhalten und guten Wein herbringen.
Sie litt es nicht, dass ich am Kutschbocke Platz nahm. Ich musste mich zu ihr setzen. Da klopfte sie mir mit der flachen Hand auf den Schenkel mit den Worten: «Ja, lieber Herr, so geht's!» Nun erst erkannte ich ihre Leidenschaft und Absicht, mich zur Verletzung meiner ehelichen Treue zu verleiten, was ihr jedoch misslang. Als wir bei unserem Elternhause anlangten, zahlte sie mir den Fuhrlohn und benahm sich dabei ganz schroff, im Gegensatz zu ihrer vorher gegen mich verschwendeten Zärtlichkeiten. Ihr erster Ehemann, ein (90) Mühlengehilfe, so wie der zweite Gatte, ein Postknecht, waren junge und starke Männer und wurden durch ihre überaus heftige, leidenschaftliche Begehrlichkeit frühzeitig zugrunde gerichtet.
Ihr dritter Gatte, ein Fleischer und kurzer, untersetzter, stämmiger Mann namens Sinitsch, sah anfangs auch blass aus, überlebte sie aber doch.
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Samstag, 6. Februar 2010
34. Eine Weinprobe mit Folgen
Eine kleine Stunde von Mureck aufwärts ist die Gemeinde Weitersfeld mit einer Seil-Überfuhr über die Mur. Von dort über einer Berggemeinde Zellnitz war ein Bauer und Weingartenbesitzer namens Heiling, welchem 1834 nacheinander zwei Winzereien und dann ein Bauernhaus abbrannten und da alle hoch assekuriert war, konnte er sein stattliches Wohnhaus herstellen, wozu ich ihm den Bauplan verfertigte. Mein Nachbar, Schlosser Peter Wach, lieferte die Schlosserarbeiten. Auf Einladung des Heiling, zu ihm zu kommen und seine 34er Weine zu kosten gingen ich und Wach am Tage vor Weihnachten bei gelinder Witterung nach vollbrachter Fahrt über die Mur auf dem eisigen Ufer dahin. Heiling gab uns von der Qualität zu kosten; der Wein vom Rossbacher Gebirge war besonders vortrefflich.
Da ich jedoch die Wirkung des 1834er schon gut kannte, schlürfte ich aus jedem dargebotenen Glase nur einige Tropfen. Wach aber stürzte jedes Glas voll hinunter, daher er sogleich benebelt wurde und mir die Besorgnis kam, wie wir nach Hause kommen würden. Als es abends zu dunkeln begann, suchte ich den Schlosser Wach zum Rückmarsch zu bewegen, damit wir, ehe es Nacht würde, über die Mur sein könnten. Heiling aber meinte, es wäre noch Zeit und sein Sohn Natzl würde uns mit dem Schinakl schon hinüberbringen. Ich verabschiedete mich, ging vom Keller vollkommen nüchtern weg und setzte mich im Fahrzeug nieder. Wach aber ging trotz meines Zurufens eine Strecke aufwärts zum Strome und fiel hinein. Zufällig trug ihn die Strömung zu mir. Als ich mich aus dem Fahrzeug neigte, schrie der Heiling-Sohn, der vom ganzen Vorfalle in der Abenddämmerung nichts merkte und eben das mit Ketten abgesperrte Schiff loslöste: (86) «Was treibt ihr denn, Ihr werft ja um!» Und da erst sah er die todbringende Bescherung und kam mir zu Hilfe, den ohnehin schweren, jetzt ganz durchnässten und heftig zitternden Schlosser in den Schinakel zu bringen.
Ich zog den Betrunkenen fest an mich, und als wir vom Fährmann Natzl auf einer Schotterbank oder Insel in der Mur aufgesetzt wurde, hatte ich viele Mühe, meine eben durch eingetretene Kälte an den Rock des Schlossers festgefroren Rock loszubringen. Ich ersuchte den Natzl, er möge uns doch die Richtung zeigen, um so schnell wie möglich vom Wasser wegzukommen. Darauf sagte er grob: «Ei was, Ihr werdet den Weg wohl finden, ich muss selber trachten, nach Hause zu kommen», und lenkte sein Schiff zur Rückfahrt.
Jenseits dieser Insel war ein mächtiger Arm der Mur, und bei der inzwischen eingetretenen vollen Nacht suchten wir einen Übergang auf das linke Ufer und fanden glücklich einen aus einem Baumstamm hochgebauten Steg ohne Geländer. Der Schlosser torkelte trotz seines Rausches glücklich hinüber. Ich aber musste wegen meiner Schwindelhaftigkeit auf dem Stege reitend hinüberrutschen, worüber der Schlosser ausserordentlich lachte.
Wir waren nun geborgen und ich von der Angst befreit, dass das Schicksal unseren Tod durch Ertrinken oder Erfrieren beschlossen habe. Aber von hier bis nach Hause hatte ich mit dem höchst beduselten Schlosser eine fürchterliche Plage. Ich war mit allem Kraftaufwand nicht immer im Stande, ihn aufrecht zu halten. Mehr als zwanzigmal fiel er zu Boden und manchmal riss er mich mit. Als er die Miene machte, liegen zu bleiben, ich ihm aber wieder auf die Beine geholfen hatte, wollte er gar mit gezücktem Messer auf mich losgehen. Ich konnte ihn sicher nicht liegen lassen, da er bei der nächtlichen strengen Kälte gewiss erfroren wäre.
Als wir endlich die Brücke ab der Weitersfelder Mühle passierten, ging es mit vielen Beschwerden, jedoch auf besseren Wegen rascher nach Mureck. Bei dem Hause des Schlossers, welcher immer lärmte, angelangt, kam dessen Gattin zur Stiege und rief äusserst roh von oben herab: «Seids schon da, Ihr Saumägen?» Ich ersuchte sie, ihren Mann sogleich zu Bette zu bringen. Kaum war ich zu Hause vom Erzählen der heutigen Begebenheit fertig, überkam mich eine Unpässlichkeit, so dass ich erbrechen musste. Der Schlosser kam nach zwei Stunden Schlaf ganz nüchtern zu uns, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und lachte aus vollem Halse, als er von meiner Übergabe hörte, und beteuerte, dass ich im Ganzen höchstens einen halben Seitel Wein zu mir genommen hätte.
Sein ältester Sohn Hermann, ebenfalls Schlosser, war ein vortrefflicher Waldhornist und überaus glücklich, als er einst ein solches Instrument mit Klappen erhielt. Nach vollbrachter Militärzeit bei der Musik-Bande wurde er Schlossermeister in Friedau. Die hübsche Schwester dieses Hermann, Cezilia, wurde in Graz für das Theater ausgebildet, hatte eine kräftige, schöne Stimme, trat in Lustspielen und Possen auf und sang bei der Zauberflöte die Königin der Nacht. Aber ein ungenannter Kritiker referierte, dass Czilia, unter dem Theaternamen Wachmann nur in der Rolle einer Fratschlerin am Platze wäre.
In Brünn hatte ihre Liebschaft mit einem Offizier traurige Folgen; denn ihr vorzeitiges Verlassen des Wochenbettes brachte ihr den Tod. Nach einigen Jahren kam das zurückgelassene Mädchen zu einer Putzmacherin in Graz in die Lehre.
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Da ich jedoch die Wirkung des 1834er schon gut kannte, schlürfte ich aus jedem dargebotenen Glase nur einige Tropfen. Wach aber stürzte jedes Glas voll hinunter, daher er sogleich benebelt wurde und mir die Besorgnis kam, wie wir nach Hause kommen würden. Als es abends zu dunkeln begann, suchte ich den Schlosser Wach zum Rückmarsch zu bewegen, damit wir, ehe es Nacht würde, über die Mur sein könnten. Heiling aber meinte, es wäre noch Zeit und sein Sohn Natzl würde uns mit dem Schinakl schon hinüberbringen. Ich verabschiedete mich, ging vom Keller vollkommen nüchtern weg und setzte mich im Fahrzeug nieder. Wach aber ging trotz meines Zurufens eine Strecke aufwärts zum Strome und fiel hinein. Zufällig trug ihn die Strömung zu mir. Als ich mich aus dem Fahrzeug neigte, schrie der Heiling-Sohn, der vom ganzen Vorfalle in der Abenddämmerung nichts merkte und eben das mit Ketten abgesperrte Schiff loslöste: (86) «Was treibt ihr denn, Ihr werft ja um!» Und da erst sah er die todbringende Bescherung und kam mir zu Hilfe, den ohnehin schweren, jetzt ganz durchnässten und heftig zitternden Schlosser in den Schinakel zu bringen.
Ich zog den Betrunkenen fest an mich, und als wir vom Fährmann Natzl auf einer Schotterbank oder Insel in der Mur aufgesetzt wurde, hatte ich viele Mühe, meine eben durch eingetretene Kälte an den Rock des Schlossers festgefroren Rock loszubringen. Ich ersuchte den Natzl, er möge uns doch die Richtung zeigen, um so schnell wie möglich vom Wasser wegzukommen. Darauf sagte er grob: «Ei was, Ihr werdet den Weg wohl finden, ich muss selber trachten, nach Hause zu kommen», und lenkte sein Schiff zur Rückfahrt.
Jenseits dieser Insel war ein mächtiger Arm der Mur, und bei der inzwischen eingetretenen vollen Nacht suchten wir einen Übergang auf das linke Ufer und fanden glücklich einen aus einem Baumstamm hochgebauten Steg ohne Geländer. Der Schlosser torkelte trotz seines Rausches glücklich hinüber. Ich aber musste wegen meiner Schwindelhaftigkeit auf dem Stege reitend hinüberrutschen, worüber der Schlosser ausserordentlich lachte.
Wir waren nun geborgen und ich von der Angst befreit, dass das Schicksal unseren Tod durch Ertrinken oder Erfrieren beschlossen habe. Aber von hier bis nach Hause hatte ich mit dem höchst beduselten Schlosser eine fürchterliche Plage. Ich war mit allem Kraftaufwand nicht immer im Stande, ihn aufrecht zu halten. Mehr als zwanzigmal fiel er zu Boden und manchmal riss er mich mit. Als er die Miene machte, liegen zu bleiben, ich ihm aber wieder auf die Beine geholfen hatte, wollte er gar mit gezücktem Messer auf mich losgehen. Ich konnte ihn sicher nicht liegen lassen, da er bei der nächtlichen strengen Kälte gewiss erfroren wäre.
Als wir endlich die Brücke ab der Weitersfelder Mühle passierten, ging es mit vielen Beschwerden, jedoch auf besseren Wegen rascher nach Mureck. Bei dem Hause des Schlossers, welcher immer lärmte, angelangt, kam dessen Gattin zur Stiege und rief äusserst roh von oben herab: «Seids schon da, Ihr Saumägen?» Ich ersuchte sie, ihren Mann sogleich zu Bette zu bringen. Kaum war ich zu Hause vom Erzählen der heutigen Begebenheit fertig, überkam mich eine Unpässlichkeit, so dass ich erbrechen musste. Der Schlosser kam nach zwei Stunden Schlaf ganz nüchtern zu uns, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und lachte aus vollem Halse, als er von meiner Übergabe hörte, und beteuerte, dass ich im Ganzen höchstens einen halben Seitel Wein zu mir genommen hätte.
(87) Dieser Schlosser war ein Tiroler. Wie er erzählte, hatte er damals in Aussee als Geselle gearbeitet, als der Erzherzog Johann sich in die dortige Postmeisterstochter, die viel gepriesene Oberascher Nani, verliebte. Dieser Schlosser war sehr dem Suff ergeben, sass oft bei Tag bei uns zu Gast und sagte öfters, wenn er mich so eifrig bei der Arbeit sah: «Ach, wenn nur ich auch so fleissig sein könnte!»
Sein ältester Sohn Hermann, ebenfalls Schlosser, war ein vortrefflicher Waldhornist und überaus glücklich, als er einst ein solches Instrument mit Klappen erhielt. Nach vollbrachter Militärzeit bei der Musik-Bande wurde er Schlossermeister in Friedau. Die hübsche Schwester dieses Hermann, Cezilia, wurde in Graz für das Theater ausgebildet, hatte eine kräftige, schöne Stimme, trat in Lustspielen und Possen auf und sang bei der Zauberflöte die Königin der Nacht. Aber ein ungenannter Kritiker referierte, dass Czilia, unter dem Theaternamen Wachmann nur in der Rolle einer Fratschlerin am Platze wäre.
In Brünn hatte ihre Liebschaft mit einem Offizier traurige Folgen; denn ihr vorzeitiges Verlassen des Wochenbettes brachte ihr den Tod. Nach einigen Jahren kam das zurückgelassene Mädchen zu einer Putzmacherin in Graz in die Lehre.
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Freitag, 5. Februar 2010
33. Die vornehme Häckslerin - mein Tanztalent
Einst kam eine vornehme Equipage in die
Gasse, wo unser Haus stand, hereingefahren.
Und da unser Haus das letzte in dieser Gasse und über den Bach nur ein Fusssteg war, und erst jenseits eine Feldstrasse sich befand, rannten die Leute aus den Häusern aus Neugierde, wem der vornehme Besuch gelte. Aus dem Wagen stieg die leutselige Frau Fürstin Rosenberg, welche meiner Frau schon lange einen Besuch versprochen hatte. Meine Frau bezeigte ihre Ehrfurcht und führte die Fürstin in meine Werkstätte, wo ich eben einen Strohstock fertig hatte. Auf diesem probierte die Fürstin sogar eigenhändig Häcksel zu schneiden und nach einigen gelungen Schnitten bestellte sie auch sogleich einen Strohstock für ihre Wirtschaft.
Ich kann mir zeitlebens etwas darauf einbilden, dass in meiner unscheinbaren Besitzung eine so vornehme Dame Häcksel geschnitten hat!
(83) Ich erinnere mich auch an das erwähnte mechanische Krippenspiel und machte ein solches in der Grösse nach Verhältnis unserer Räumlichkeiten, damit wir in unser Gasthaus mehr Gäste heranziehen können. Und wirklich verbesserte sich die Gastwirtschaft und die Bürgerfrauen, die sich genierten, bei Tage zu kommen, kamen abends zur Vorstellung bei Kerzenlichte. Kinder zahlten 1 bis 2 Kreuzer, Erwachsene 3 bis 4.
Einst musste ich für uns ein neues Bett machen und wünschte hiezu die Füsse von Lärchenholz, da die Wohnung nicht sehr trocken war. Ich ersuchte den sehr humanen Lederermeister Simon Steurer, mir von seiner vor 140 Jahren in seinem Weingarten gezimmerten und nun als ganz defekt abgerissenen und stückweise in seinem Hofe aufgestapelten, lärchenen Presse so viel zukommen zu lassen, als zu vier Bettfüssen nötig wäre. Ich erhielt das Gewünschte mit grösster Bereitwilligkeit, sogar unentgeltlich. Herr Steurer hatte zwei Söhne, wovon der ältere, Anton, Geschäftsführer und guter Waldhornist war.
Die ältere Tochter Marie besorgte nebst der Mutter, einer sehr resoluten Frau, eine Hauswirtschaft. Die Hübschere, Anna, war etwas stolz und die jüngeren Mädchen, Therese und Hedwig, sowie der jüngere Sohn Franz, waren etwas geistesschwach und nicht so lebhaft. Aber die ganze Familie war höchst gemütlich. Unter der Woche, abends und sonntags nachmittags kamen die Söhne aus achtbaren Bürgerhäusern dahin und unterhielten sich gesellschaftlich untereinander. Und da der alte Herr Steurer gerne lachte, so erhielt er Zutritt zur Gesellschaft, die mit meinen Anekdoten und Spässen ordentlich aufmischte. Mit Gesang und Flötenspiel und Guitarre, wobei der Maler Fritz seine Flöte meisterhaft spielte, wurden die Pausen ausgefüllt. Wenn ich und der Bindersohn Markus Kirbis ein Duett mit dem Munde pfiffen, kamen alle ausser sich vor Lachen.
Als ich auf einer Rückreise von Graz in Wildon im Gasthof Pichler übernachtete, wurde gegenüber ein herrliches Quartett gesungen, und da mir die Melodie so sehr gefiel und ich immer ein Freund der Dichtkunst – und ja bald der Antonitag war –, hatte ich eine Gratulation für Anton Steurer zur gemerkten Melodie mehrere Strophen in Reimen verfasst, welches Gedicht dann von den Lehrersgehilfen einstudiert und als Quartett unter Flötenbegleitung des Malers Fritz am 12. Juni abends vor dem Steurerschen Hause gesungen wurde und viel Beifall fand.
In der Nähe der Taverne waren Fürstin und Fürst uns vorausgefahren, um sich dort wieder aufzustellen und uns vorbeidefilieren zu lassen. Wir amüsierten uns bei Gesang und eigener Musik, hatten Krapfen und süssen, neuen Lutienberger als köstliche Labung und fuhren nach berichtigter Zeche von 36 Gulden nach zwei Stunden zurück. Unterwegs aber kehrten wir bei der eine kleine Stunde von Mureck befindlichen Sixt-Mühle ein, wo der sehr gebildete und freundliche Eigentümer Ferdinand Sixt eine Gastwirtschaft betrieb und im sehr geräumigen Saale oft Gesellschaftbälle abhielt. Wo nur immer eine Unterhaltung stattfand, mussten mich die Teilnehmer wegen meiner Faxen und Bajazzo-Beweglichkeit dabeihaben, mochte ich wollen oder nicht. Und ich hatte das Gute, dass ich bei meiner Genügsamkeit fast immer zechfrei gehalten wurde.
Mich beherrschte auch das sonderbare Geschick, dem Tanze leidenschaftlich zu huldigen. Wenn ich von der vielen anstrengenden Arbeit noch so müde war und nur eine Drehorgel oder Maultrommel hörte, so lebten alle Sehnen und Nerven frisch auf. Sehr oft erhielt ich wegen meiner Tanzlust von meiner Gattin, der guten treuen Seele, die Frage, wann ich denn einmal gescheit werden würde, worauf ich stets erwiderte: «Lieber Schatz, lass mich freuen, wer weiss, wie lange es dauert und es wird auch vergehen!».
Als beim Sixt wieder Gesellschaftsball war, hatte ich eben eine schon mehrere Tage andauernde Kränklichkeit und musste meine Teilnahme am Balle absagen. Da war aber alles Entschuldigen und Protestieren vergeblich. Kaufmann Kolletnik kam mit seinem gedeckten Wagen und ich musste mitfahren. Am Balle aber waren lauter ledige Tänzer und Tänzerinnen versammelt. Nur ich und die Lederermeistersgattin, Frau Hammer, ein Kind der Liebe einer Pfarrersköchin von Gnas, waren die einzigen Verehelichten. Sie war von einnehmender Wohlgestalt mit zuckersüssen Blicken, und wir beide tanzten vergnügt und heiter (85) miteinander, denn jeder Tänzer war mit einer Tänzerin versehen.
Als Ballkönigin war die Schulmeisterstochter von Halbenrain gewählt, ein äusserst niedliches, liebes Mädchen und vortreffliche Chorsängerin. Ihr wurde allseits, besonders von Herrn Tschebull, Verwalter der Herrschaft Obmureck, besondere Verehrung bezeugt. Nachdem ich beim Tanze sehr in Schweiss geriet, kam ich vollkommen gesund nach Hause.
Wir machten einst auch auf 20 Schlitten eine Fahrt nach Spielfeld und kehrten nach Rückfahrten auch in Strass ein. Überall wurde musiziert, gesungen und gezecht, und alle Mitfahrenden waren mit von mir aus Lindenholz verfertigten Nasen versehen, worüber sehr viel gelacht wurde.
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Gasse, wo unser Haus stand, hereingefahren.
Und da unser Haus das letzte in dieser Gasse und über den Bach nur ein Fusssteg war, und erst jenseits eine Feldstrasse sich befand, rannten die Leute aus den Häusern aus Neugierde, wem der vornehme Besuch gelte. Aus dem Wagen stieg die leutselige Frau Fürstin Rosenberg, welche meiner Frau schon lange einen Besuch versprochen hatte. Meine Frau bezeigte ihre Ehrfurcht und führte die Fürstin in meine Werkstätte, wo ich eben einen Strohstock fertig hatte. Auf diesem probierte die Fürstin sogar eigenhändig Häcksel zu schneiden und nach einigen gelungen Schnitten bestellte sie auch sogleich einen Strohstock für ihre Wirtschaft.
Ich kann mir zeitlebens etwas darauf einbilden, dass in meiner unscheinbaren Besitzung eine so vornehme Dame Häcksel geschnitten hat!
(83) Ich erinnere mich auch an das erwähnte mechanische Krippenspiel und machte ein solches in der Grösse nach Verhältnis unserer Räumlichkeiten, damit wir in unser Gasthaus mehr Gäste heranziehen können. Und wirklich verbesserte sich die Gastwirtschaft und die Bürgerfrauen, die sich genierten, bei Tage zu kommen, kamen abends zur Vorstellung bei Kerzenlichte. Kinder zahlten 1 bis 2 Kreuzer, Erwachsene 3 bis 4.
Einst musste ich für uns ein neues Bett machen und wünschte hiezu die Füsse von Lärchenholz, da die Wohnung nicht sehr trocken war. Ich ersuchte den sehr humanen Lederermeister Simon Steurer, mir von seiner vor 140 Jahren in seinem Weingarten gezimmerten und nun als ganz defekt abgerissenen und stückweise in seinem Hofe aufgestapelten, lärchenen Presse so viel zukommen zu lassen, als zu vier Bettfüssen nötig wäre. Ich erhielt das Gewünschte mit grösster Bereitwilligkeit, sogar unentgeltlich. Herr Steurer hatte zwei Söhne, wovon der ältere, Anton, Geschäftsführer und guter Waldhornist war.
Die ältere Tochter Marie besorgte nebst der Mutter, einer sehr resoluten Frau, eine Hauswirtschaft. Die Hübschere, Anna, war etwas stolz und die jüngeren Mädchen, Therese und Hedwig, sowie der jüngere Sohn Franz, waren etwas geistesschwach und nicht so lebhaft. Aber die ganze Familie war höchst gemütlich. Unter der Woche, abends und sonntags nachmittags kamen die Söhne aus achtbaren Bürgerhäusern dahin und unterhielten sich gesellschaftlich untereinander. Und da der alte Herr Steurer gerne lachte, so erhielt er Zutritt zur Gesellschaft, die mit meinen Anekdoten und Spässen ordentlich aufmischte. Mit Gesang und Flötenspiel und Guitarre, wobei der Maler Fritz seine Flöte meisterhaft spielte, wurden die Pausen ausgefüllt. Wenn ich und der Bindersohn Markus Kirbis ein Duett mit dem Munde pfiffen, kamen alle ausser sich vor Lachen.
Als ich auf einer Rückreise von Graz in Wildon im Gasthof Pichler übernachtete, wurde gegenüber ein herrliches Quartett gesungen, und da mir die Melodie so sehr gefiel und ich immer ein Freund der Dichtkunst – und ja bald der Antonitag war –, hatte ich eine Gratulation für Anton Steurer zur gemerkten Melodie mehrere Strophen in Reimen verfasst, welches Gedicht dann von den Lehrersgehilfen einstudiert und als Quartett unter Flötenbegleitung des Malers Fritz am 12. Juni abends vor dem Steurerschen Hause gesungen wurde und viel Beifall fand.
(84) Mit der Zeit hatte der Kammerdiener des Fürsten Rosenberg zu Freudenau das dortige hübsche und gemütvolle Zimmermädchen Johanna geheiratet und die Taverne übernommen. Auf Wunsch dieses neuen Tavernenwirtes hatten die lustigen jungen Murecker im Fasching eine Fahrt dahin beschlossen. Auf 12 Wägen hatten 48 Personen Platz genommen. Auf jedem Wagen war eine Person maskiert, und zwar ich auf einem als Zauberer. Das im einsamen Schlosse Freudenau oft von Langeweile geplagte fürstliche Ehepaar fuhr uns eine Stunde weit entgegen, stellte sich dann in der Equipage in Mirtsdorf an der Strasse auf und liess uns vorbeidefilieren und schloss sich dann dem Zuge an.
In der Nähe der Taverne waren Fürstin und Fürst uns vorausgefahren, um sich dort wieder aufzustellen und uns vorbeidefilieren zu lassen. Wir amüsierten uns bei Gesang und eigener Musik, hatten Krapfen und süssen, neuen Lutienberger als köstliche Labung und fuhren nach berichtigter Zeche von 36 Gulden nach zwei Stunden zurück. Unterwegs aber kehrten wir bei der eine kleine Stunde von Mureck befindlichen Sixt-Mühle ein, wo der sehr gebildete und freundliche Eigentümer Ferdinand Sixt eine Gastwirtschaft betrieb und im sehr geräumigen Saale oft Gesellschaftbälle abhielt. Wo nur immer eine Unterhaltung stattfand, mussten mich die Teilnehmer wegen meiner Faxen und Bajazzo-Beweglichkeit dabeihaben, mochte ich wollen oder nicht. Und ich hatte das Gute, dass ich bei meiner Genügsamkeit fast immer zechfrei gehalten wurde.
Mich beherrschte auch das sonderbare Geschick, dem Tanze leidenschaftlich zu huldigen. Wenn ich von der vielen anstrengenden Arbeit noch so müde war und nur eine Drehorgel oder Maultrommel hörte, so lebten alle Sehnen und Nerven frisch auf. Sehr oft erhielt ich wegen meiner Tanzlust von meiner Gattin, der guten treuen Seele, die Frage, wann ich denn einmal gescheit werden würde, worauf ich stets erwiderte: «Lieber Schatz, lass mich freuen, wer weiss, wie lange es dauert und es wird auch vergehen!».
Als beim Sixt wieder Gesellschaftsball war, hatte ich eben eine schon mehrere Tage andauernde Kränklichkeit und musste meine Teilnahme am Balle absagen. Da war aber alles Entschuldigen und Protestieren vergeblich. Kaufmann Kolletnik kam mit seinem gedeckten Wagen und ich musste mitfahren. Am Balle aber waren lauter ledige Tänzer und Tänzerinnen versammelt. Nur ich und die Lederermeistersgattin, Frau Hammer, ein Kind der Liebe einer Pfarrersköchin von Gnas, waren die einzigen Verehelichten. Sie war von einnehmender Wohlgestalt mit zuckersüssen Blicken, und wir beide tanzten vergnügt und heiter (85) miteinander, denn jeder Tänzer war mit einer Tänzerin versehen.
Als Ballkönigin war die Schulmeisterstochter von Halbenrain gewählt, ein äusserst niedliches, liebes Mädchen und vortreffliche Chorsängerin. Ihr wurde allseits, besonders von Herrn Tschebull, Verwalter der Herrschaft Obmureck, besondere Verehrung bezeugt. Nachdem ich beim Tanze sehr in Schweiss geriet, kam ich vollkommen gesund nach Hause.
Wir machten einst auch auf 20 Schlitten eine Fahrt nach Spielfeld und kehrten nach Rückfahrten auch in Strass ein. Überall wurde musiziert, gesungen und gezecht, und alle Mitfahrenden waren mit von mir aus Lindenholz verfertigten Nasen versehen, worüber sehr viel gelacht wurde.
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Donnerstag, 4. Februar 2010
32. Nachbar Lustiger und der Schlamm
Als der 80jährige Nachbar Lustiger meinen unermüdlichen Arbeitseifer sah, machte er mich aufmerksam, dass der Platz vor unserem Hause rechts zu unserer Besitzung gehöre, vor vielen Jahren ein Garten war, und der Zaun vom ärmlichen Vorbesitzer nach und nach als Brennholz vertilgt worden wäre.
Lustiger zeigte mir die Grenzen und ich beeilte mich, diesen Flächenraum einzuzäunen. Der Magistrat, welcher die Fläche als Gemeindeeigentum erklärte, wollte über meinen vermeintlich unberechtigten Eingriff protestieren. Ich aber berief mich auf sehr alte Männer als Zeugen, dass seit dem Verschwinden des alten Zaunes noch keine 30 Jahre verflossen seien. So war der Streit behoben.
Bei dem eine Stunde entfernten Schloss Brunnsee ist ein Teich, welcher seine eigenen unterirdischen Quellen hat, daher das Schloss ursprünglich Brunnsee hiess. Das aus diesem Teiche rinnende Wasser fliesst als kleiner Bach an unserer Besitzung vorbei und fort in die Mur.
Infolge übermässiger Hitze 1834 versiegten fast alle Brunnen und Quellen, wobei auch der unsere Besitzung 30 Klafter lang begrenzende Bach ganz austrocknete. Ich hatte daraus den 2 Schuh tiefen, fetten Schlamm mit vieler Mühe herausgefasst und damit im neu eingezäunten Grunde einen Gemüse- und Blumengarten angelegt. Vor der Pflanzung hab ich in kurzer Zeit 9 Gulden eingenommen. Ein bei uns eingekehrtet Tuchmacher jammerte, dass er schon lange auf der Reise wäre, ohne Arbeit zu finden und sagte, dass er schon jede Arbeit angehe Ich trug ihm nun die Schlammarbeit an. Er wurde mit 1 Silberzwanziger-Groschen Taglohn nebst voller Verpflegung mit mir einig. Doch dieses Geschäft behagte ihm nicht. Des anderen Tages nahm er wieder sein Felleisen und sprach, es müsste wohl ein schlechter Tag sein, der ihm beim Fechten nicht 3 Silber-Zwanziger Kreuzer einbrächte. Mit diesem Fechtbruder war also nichts zu machen. Ich arbeitete aber unverdrossen an dieser Schlammgrabung fort.
(81) Eine halbe Stunde aufwärts war der sogenannte Eichacker, welcher den daneben fliessenden Bach oft überschwemmte. Dahin führte ich mit eigenem Fuhrwerke die ausgegrabene Erde. Der Nachbar Lustiger, der mit zwei Ochsen auch von diesem Schlamme dahin sehr viele Fuhren beförderte, erhielt dafür von mir 14 Gulden konv. Münze. Dadurch wurde der Acker bedeutend erhöht, vor Überflutung gesichert und erträglich kultiviert. Nach mehr als vierzehn Tagen lebten in dem Schlamme noch zahlreiche Fische, sogenannte Steinbeiss oder Bissgumen, welche in schwachem Essig gesotten sehr gut zu verspeisen waren. Fast alle Leute vom Markte kamen, um unseren neuen Garten voll kräftiger Gemüse und Blumen zu sehen und zu bewundern. Wir selbst hatte eine grosse Freude daran; die Bemühungen waren nicht umsonst.
An der Sonnenseite des Hauses waren drei Weinranken, an welchen ich am Fronleichnamstage zusammen 500 Trauben zählte. Da gab es im Herbst viel zu naschen. Auch mit der Schweinezucht hatten wir Glück. Während wegen zu grosser Hitze fast bei jedem Hause kranke Schweine waren und viele verendeten, begoss ich unsere täglich ein paarmal mit frischem Wasser und sie blieben gesund.
Wir waren für unseren Schmalzbedarf hinlänglich versorgt und konnten um 100 Gulden Schweine verkaufen. Der Nachbar Lustiger hatte mit einem Paar Ochsen auch unsere, an seinen Grund angrenzenden Acker gepflügt, und ich habe gesät. Wenn dann der Korn- oder der Weizenschnitt hermachte, sichelten seine Taglöhner zuerst sein Getreide, dann unseres, wobei ich für 11 Schnitterinnen sehr fleissig sein musste beim Garbenbinden.
Den auf uns entfallenden Teil des zu zahlenden Arbeitslohnes hatte Lustiger immer billiger berechnet. Korn und Weizen hatten ich und meine Gattin selbst ausgedroschen. Arbeit war genug vorhanden. Das Wirtschaftsgeschäft war zu besorgen, die Kuh abzuwarten, den Geflügelhandel zu betreiben und auf das Kind zu sehen. Nebstbei hatte die äusserst emsige Frau abends so fleissig gesponnen, dass zu eigenem Bedarfe genug Leinwand erzeugt wurde.
In unserem Hause wohnten zwei ledige Schwestern, die auf Tagwerk gingen und dann, wenn es Not tat, uns bei der Feldarbeit und beim Waschen aushelfen mussten. Als in Mureck die Volkszählung war, hatte ich dabei diese über fünfzig Jahre alten Schwestern als Jungfrauen angegeben. Da schlug der fungierende, heissblütige Oberleutnant von Baumbach mit der Faust kräfig auf den Tisch mit der Äusserung: «Dies glaubt der Teufel – fünfzig Jahre und noch Jungfrau?»
(82) Nebenbei hatte ich nach allen Gegenden mit unserer Gelegenheit Personen zu befördern. In unserer Dreschtenne hatte ich meine Werkstätte zu verschiedenen Binder- und Tischlerarbeiten. Da der Häckselschneider nicht immer zu haben und über dies zu teuer war;
denn er verlangte für eine Stund Arbeit 10 Kreuzer, 1/8 Schnaps und ein Stück Brot. So nahm ich vom Hausknecht des Einkehrgasthauses den Strohstock zu Leih und schnitt selbst Hack, d.h. Häcksel. Als ich dann wieder die Häckselbank zu leihen nehmen wollte, erhielt ich sie nur gegen Trinkgeld und zugleich die Weisung, mir selbst eine solche anzuschaffen, da sie mit dem Ausleihen nicht besser werde. Ich schnitt nur so viel Häcksel, dass ich damit für das Pferd mehrere Monate auslangte und beschloss, selbst eine Häckselbank anzufertigen. Ich ersuchte den Lederermeister Kranzlbinder, mir seine Hobelbank zu leihen. «Nicht wahr», hat er gesagt, «diese Bank ist nett gemacht und gerade eine solche lassen Sie sich machen.» Aus Grossmut erlaubte er mir, von der Hobelbank das Mass nehmen zu dürfen.
Beim Sixtmüller kaufte ich mir um 3 Gulden einen eichenen, starken Pfosten und verfertigte für uns selbst eine hübsche, starke Hobelbank, wozu ich die Holz- und Eisenschrauben nebst Bankhaken in Graz kaufte. Die erste Arbeit war nun der Strohstock, welcher stark und nett ausfiel, dass man damit so fein wie Kleien schneiden konnte, und ich in kurzer Zeit nach einer Bestellung 10 Stück erhielt und auch verfertigte.
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Lustiger zeigte mir die Grenzen und ich beeilte mich, diesen Flächenraum einzuzäunen. Der Magistrat, welcher die Fläche als Gemeindeeigentum erklärte, wollte über meinen vermeintlich unberechtigten Eingriff protestieren. Ich aber berief mich auf sehr alte Männer als Zeugen, dass seit dem Verschwinden des alten Zaunes noch keine 30 Jahre verflossen seien. So war der Streit behoben.
Bei dem eine Stunde entfernten Schloss Brunnsee ist ein Teich, welcher seine eigenen unterirdischen Quellen hat, daher das Schloss ursprünglich Brunnsee hiess. Das aus diesem Teiche rinnende Wasser fliesst als kleiner Bach an unserer Besitzung vorbei und fort in die Mur.Infolge übermässiger Hitze 1834 versiegten fast alle Brunnen und Quellen, wobei auch der unsere Besitzung 30 Klafter lang begrenzende Bach ganz austrocknete. Ich hatte daraus den 2 Schuh tiefen, fetten Schlamm mit vieler Mühe herausgefasst und damit im neu eingezäunten Grunde einen Gemüse- und Blumengarten angelegt. Vor der Pflanzung hab ich in kurzer Zeit 9 Gulden eingenommen. Ein bei uns eingekehrtet Tuchmacher jammerte, dass er schon lange auf der Reise wäre, ohne Arbeit zu finden und sagte, dass er schon jede Arbeit angehe Ich trug ihm nun die Schlammarbeit an. Er wurde mit 1 Silberzwanziger-Groschen Taglohn nebst voller Verpflegung mit mir einig. Doch dieses Geschäft behagte ihm nicht. Des anderen Tages nahm er wieder sein Felleisen und sprach, es müsste wohl ein schlechter Tag sein, der ihm beim Fechten nicht 3 Silber-Zwanziger Kreuzer einbrächte. Mit diesem Fechtbruder war also nichts zu machen. Ich arbeitete aber unverdrossen an dieser Schlammgrabung fort.
(81) Eine halbe Stunde aufwärts war der sogenannte Eichacker, welcher den daneben fliessenden Bach oft überschwemmte. Dahin führte ich mit eigenem Fuhrwerke die ausgegrabene Erde. Der Nachbar Lustiger, der mit zwei Ochsen auch von diesem Schlamme dahin sehr viele Fuhren beförderte, erhielt dafür von mir 14 Gulden konv. Münze. Dadurch wurde der Acker bedeutend erhöht, vor Überflutung gesichert und erträglich kultiviert. Nach mehr als vierzehn Tagen lebten in dem Schlamme noch zahlreiche Fische, sogenannte Steinbeiss oder Bissgumen, welche in schwachem Essig gesotten sehr gut zu verspeisen waren. Fast alle Leute vom Markte kamen, um unseren neuen Garten voll kräftiger Gemüse und Blumen zu sehen und zu bewundern. Wir selbst hatte eine grosse Freude daran; die Bemühungen waren nicht umsonst.
An der Sonnenseite des Hauses waren drei Weinranken, an welchen ich am Fronleichnamstage zusammen 500 Trauben zählte. Da gab es im Herbst viel zu naschen. Auch mit der Schweinezucht hatten wir Glück. Während wegen zu grosser Hitze fast bei jedem Hause kranke Schweine waren und viele verendeten, begoss ich unsere täglich ein paarmal mit frischem Wasser und sie blieben gesund.
Wir waren für unseren Schmalzbedarf hinlänglich versorgt und konnten um 100 Gulden Schweine verkaufen. Der Nachbar Lustiger hatte mit einem Paar Ochsen auch unsere, an seinen Grund angrenzenden Acker gepflügt, und ich habe gesät. Wenn dann der Korn- oder der Weizenschnitt hermachte, sichelten seine Taglöhner zuerst sein Getreide, dann unseres, wobei ich für 11 Schnitterinnen sehr fleissig sein musste beim Garbenbinden.
Den auf uns entfallenden Teil des zu zahlenden Arbeitslohnes hatte Lustiger immer billiger berechnet. Korn und Weizen hatten ich und meine Gattin selbst ausgedroschen. Arbeit war genug vorhanden. Das Wirtschaftsgeschäft war zu besorgen, die Kuh abzuwarten, den Geflügelhandel zu betreiben und auf das Kind zu sehen. Nebstbei hatte die äusserst emsige Frau abends so fleissig gesponnen, dass zu eigenem Bedarfe genug Leinwand erzeugt wurde.
In unserem Hause wohnten zwei ledige Schwestern, die auf Tagwerk gingen und dann, wenn es Not tat, uns bei der Feldarbeit und beim Waschen aushelfen mussten. Als in Mureck die Volkszählung war, hatte ich dabei diese über fünfzig Jahre alten Schwestern als Jungfrauen angegeben. Da schlug der fungierende, heissblütige Oberleutnant von Baumbach mit der Faust kräfig auf den Tisch mit der Äusserung: «Dies glaubt der Teufel – fünfzig Jahre und noch Jungfrau?»
(82) Nebenbei hatte ich nach allen Gegenden mit unserer Gelegenheit Personen zu befördern. In unserer Dreschtenne hatte ich meine Werkstätte zu verschiedenen Binder- und Tischlerarbeiten. Da der Häckselschneider nicht immer zu haben und über dies zu teuer war;
denn er verlangte für eine Stund Arbeit 10 Kreuzer, 1/8 Schnaps und ein Stück Brot. So nahm ich vom Hausknecht des Einkehrgasthauses den Strohstock zu Leih und schnitt selbst Hack, d.h. Häcksel. Als ich dann wieder die Häckselbank zu leihen nehmen wollte, erhielt ich sie nur gegen Trinkgeld und zugleich die Weisung, mir selbst eine solche anzuschaffen, da sie mit dem Ausleihen nicht besser werde. Ich schnitt nur so viel Häcksel, dass ich damit für das Pferd mehrere Monate auslangte und beschloss, selbst eine Häckselbank anzufertigen. Ich ersuchte den Lederermeister Kranzlbinder, mir seine Hobelbank zu leihen. «Nicht wahr», hat er gesagt, «diese Bank ist nett gemacht und gerade eine solche lassen Sie sich machen.» Aus Grossmut erlaubte er mir, von der Hobelbank das Mass nehmen zu dürfen.
Beim Sixtmüller kaufte ich mir um 3 Gulden einen eichenen, starken Pfosten und verfertigte für uns selbst eine hübsche, starke Hobelbank, wozu ich die Holz- und Eisenschrauben nebst Bankhaken in Graz kaufte. Die erste Arbeit war nun der Strohstock, welcher stark und nett ausfiel, dass man damit so fein wie Kleien schneiden konnte, und ich in kurzer Zeit nach einer Bestellung 10 Stück erhielt und auch verfertigte.
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Mittwoch, 3. Februar 2010
31. Der heisse Sommer 1834
Im Jänner 1834 wurden in den Weingärten alle Arbeiten unternommen. Die ganze Winterzeit verging ohne Kälte, ohne Schnee, ohne Regen. Allgemein wurde gejammert, dass ohne Winterfeuchtigkeit das Getreide nicht gedeihen könne. Doch gegen alle Hoffnungen waren Korn und Weizen vortrefflich geraten. Wir hatten zum Anbauen von Kartoffeln nur
den allernassesten Acker disponibel. Die grosse Hitze aber kam demselben zu Gute und wir bekamen ausserordentlich viele und lauter faustgrosse Erdäpfel, während auf sandigem Boden alle verdorrten. Bei aller unserer Schweinemästung konnten wir im nächsten Frühjahr 1835 gar viele Grundbesitzer mit Samen-Erdäpfeln aushelfen.
Die Hitze im Sommer 1834 war so gross, dass manche Wiesen durch die Glut in den Wurzeln ganz ausbrannten. Früher kostete der Zentner Heu in dieser Gegend 1 Gulden und jetzt auf einmal 5 Gulden, daher das Husarenregiment von hier nach Oberstier dislociert wurde, wo noch vieles und billiges Pferdefutter vorhanden war. Infolge des teuren Futters hier wurden am Markte zu Radkersburg an ungarische Händler die gewöhnlichen Pferde per Stück um 5 Gulden verkauft.
(79) Dafür wurde der Wein auserlesen gut, fast dem von 1811 gleich. An den Hecken hingen lauter Zibeben. In den schlechtesten, sonst sauren Wein, die Mass 12 Kreuzer erzeugenden Weingärten geriet derselbe so gut, wie der Radkersburger zu 32 Kreuzer die Mass. Im nächsten Jahr war er wieder sauer zu 12 Kreuzer.
Wegen Futterteuerung wurden Kühe massenhaft geschlachtet und in den Dörfern um Mureck zu 6 und 8 Kreuzer per Pfund verkauft. Wir hatten in unserem Gasthaus sehr viel Fleisch von jungen Kühen verbraucht und 4 Zentner auch geselcht und aufbewahrt, welches über den Winter und im nächsten Frühjahr gut zu verwenden war, da das Pfund Rindfleisch wieder 17 Kreuzer kostete.
In den Gebirgen und Tälern waren alle Bäche und Teiche ausgetrocknet, jede Mühle stand leer, nur solche an der Mur gingen noch, was sonst für einen Sack Getreide nur 5 Kreuzer gezahlt wurden als Mahlgeld, wurden jetzt 2 Kreuzer begehrt. Zur Zeit der Weinlese wird zur Reinigung der Fässer und der Presse sehr viel Wasser nötig. Wie viele Weingartenbesitzer mussten dasselbe vier bis fünf Stunden weit von der Mur oder Drau holen. Da kam der Startin Wasser 10 bis 12 Gulden, da zu jedem Wagen 3 bis 4 Ochsen nötig waren.
Gewöhnlich kostete ein Startinfass 3 Gulden, zur Lesezeit 8 bis 9 Gulden, da infolge des ungeheuren Weinreichtums fast überall Mangel an Geschirr eintrat. Wer dem Weingartenbesitzer zwei Fässer brachte, konnte ein drittes mit fünf Eimern Wein dafür anfüllen und wegfahren.
Bäcker Kröll in Mureck hatte zum Betriebe seiner Branntweinbrennerei im Hofe unter einer grossen Wagenhütte einen Bottich von 80 Startin Zwetschgen in der Erde eingegraben. Dieser Bottich stand 2 Schuh aus der Erde. Der Deckel dazu war mit Ketten und Rädern zum Aufziehen und Niederlassen. Da der Bottich leer war, wurde derselbe mit dem an der Presse um 8 Gulden per Eimer gekauften Wein angefüllt und letzterer der Gährung überlassen.
Im Februar 1835 überzog Kröll den Wein aus dem Bottich in die seither wieder billiger gewordenen Fässer und verkaufte den Startin zu 10 Eimer per 20 bis 30 Gulden. Der 1834er war so geistvoll, dass ich zu 4 Halbstartin Wein einen Halbstartin Wasser mischte und kein Gast bemerkte eine Abnahme des Weingehaltes.
Der Chirurg Barth in Mureck hatte in seinem Kontobuche gegen 3000 Gulden eingetragen, über welche er wegen Uneinbringlichkeit schon lange das Kreuz machen wollte. Da er aber bemerkte, dass die ihm schuldenden Besitzer jetzt gerne mit Wein bezahlten, holte er diesen mit selbst beigestellten Fässern ab und kam somit auf (80) eine schönste Art zu seinen für verloren geglaubten Guthabungen. Im Frühjahr 1835 erhielt er per Startin 30 bis 40 Gulden und konnte somit für einen seiner Söhne die Chirurgen-Realität in Hartberg kaufen.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir an Energie und Mut fehlte, mit Weinspekulationen wie so viele andere ein Geschäft zu machen und Vermögen zu erwerben. Das Schicksal hatte mich zu harter Arbeit verdammt. Ich hatte dem Bindermeister Götze, welcher zu uns ein sehr guter Nachbar war, in dringenden Fällen als Binder geholfen.
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den allernassesten Acker disponibel. Die grosse Hitze aber kam demselben zu Gute und wir bekamen ausserordentlich viele und lauter faustgrosse Erdäpfel, während auf sandigem Boden alle verdorrten. Bei aller unserer Schweinemästung konnten wir im nächsten Frühjahr 1835 gar viele Grundbesitzer mit Samen-Erdäpfeln aushelfen.
Die Hitze im Sommer 1834 war so gross, dass manche Wiesen durch die Glut in den Wurzeln ganz ausbrannten. Früher kostete der Zentner Heu in dieser Gegend 1 Gulden und jetzt auf einmal 5 Gulden, daher das Husarenregiment von hier nach Oberstier dislociert wurde, wo noch vieles und billiges Pferdefutter vorhanden war. Infolge des teuren Futters hier wurden am Markte zu Radkersburg an ungarische Händler die gewöhnlichen Pferde per Stück um 5 Gulden verkauft.
(79) Dafür wurde der Wein auserlesen gut, fast dem von 1811 gleich. An den Hecken hingen lauter Zibeben. In den schlechtesten, sonst sauren Wein, die Mass 12 Kreuzer erzeugenden Weingärten geriet derselbe so gut, wie der Radkersburger zu 32 Kreuzer die Mass. Im nächsten Jahr war er wieder sauer zu 12 Kreuzer.
Wegen Futterteuerung wurden Kühe massenhaft geschlachtet und in den Dörfern um Mureck zu 6 und 8 Kreuzer per Pfund verkauft. Wir hatten in unserem Gasthaus sehr viel Fleisch von jungen Kühen verbraucht und 4 Zentner auch geselcht und aufbewahrt, welches über den Winter und im nächsten Frühjahr gut zu verwenden war, da das Pfund Rindfleisch wieder 17 Kreuzer kostete.
In den Gebirgen und Tälern waren alle Bäche und Teiche ausgetrocknet, jede Mühle stand leer, nur solche an der Mur gingen noch, was sonst für einen Sack Getreide nur 5 Kreuzer gezahlt wurden als Mahlgeld, wurden jetzt 2 Kreuzer begehrt. Zur Zeit der Weinlese wird zur Reinigung der Fässer und der Presse sehr viel Wasser nötig. Wie viele Weingartenbesitzer mussten dasselbe vier bis fünf Stunden weit von der Mur oder Drau holen. Da kam der Startin Wasser 10 bis 12 Gulden, da zu jedem Wagen 3 bis 4 Ochsen nötig waren.
Gewöhnlich kostete ein Startinfass 3 Gulden, zur Lesezeit 8 bis 9 Gulden, da infolge des ungeheuren Weinreichtums fast überall Mangel an Geschirr eintrat. Wer dem Weingartenbesitzer zwei Fässer brachte, konnte ein drittes mit fünf Eimern Wein dafür anfüllen und wegfahren.
Bäcker Kröll in Mureck hatte zum Betriebe seiner Branntweinbrennerei im Hofe unter einer grossen Wagenhütte einen Bottich von 80 Startin Zwetschgen in der Erde eingegraben. Dieser Bottich stand 2 Schuh aus der Erde. Der Deckel dazu war mit Ketten und Rädern zum Aufziehen und Niederlassen. Da der Bottich leer war, wurde derselbe mit dem an der Presse um 8 Gulden per Eimer gekauften Wein angefüllt und letzterer der Gährung überlassen.
Im Februar 1835 überzog Kröll den Wein aus dem Bottich in die seither wieder billiger gewordenen Fässer und verkaufte den Startin zu 10 Eimer per 20 bis 30 Gulden. Der 1834er war so geistvoll, dass ich zu 4 Halbstartin Wein einen Halbstartin Wasser mischte und kein Gast bemerkte eine Abnahme des Weingehaltes.
Der Chirurg Barth in Mureck hatte in seinem Kontobuche gegen 3000 Gulden eingetragen, über welche er wegen Uneinbringlichkeit schon lange das Kreuz machen wollte. Da er aber bemerkte, dass die ihm schuldenden Besitzer jetzt gerne mit Wein bezahlten, holte er diesen mit selbst beigestellten Fässern ab und kam somit auf (80) eine schönste Art zu seinen für verloren geglaubten Guthabungen. Im Frühjahr 1835 erhielt er per Startin 30 bis 40 Gulden und konnte somit für einen seiner Söhne die Chirurgen-Realität in Hartberg kaufen.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir an Energie und Mut fehlte, mit Weinspekulationen wie so viele andere ein Geschäft zu machen und Vermögen zu erwerben. Das Schicksal hatte mich zu harter Arbeit verdammt. Ich hatte dem Bindermeister Götze, welcher zu uns ein sehr guter Nachbar war, in dringenden Fällen als Binder geholfen.
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