Montag, 1. März 2010

47. Zurück nach Graz, dort auf die Ries

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     (114)  Im Feber 1845 wanderten wir fort über Radkersburg nach Mureck, übergaben dem Webermeister Semler die Kommission wegen Verkauf unseres Hauses und fuhren dann mit dem Murecker Boten nach Graz, wo wir bei Marie, der Schwester meiner guten Frau, verehelichte Fischer, einstweilen Unterkunft hatte. Nun galt es, Beschäftigung zu suchen. Da ich wegen meiner schmerzhaften Hand in keinen Kanzleidienst eintreten konnte, suchten wir nach allen Seiten ein Gasthaus zu kaufen. Bei unserem Herumstöbern führte uns das Schicksal auf einen Berg bei Graz – die Ries – eine Stunde ausser der Stadt und handelten um das auf einem schönen Aussichtpunkte befindliche Ladenwirtshaus, welches ich schon von der Zeit her kannte, da ich als Schulknabe hier vorbei nach Hartberg auf Ferien kam. Das Gebäude samt beiläufig 2 Joch Grundstücken und einigen alten Obstbäumen kostete 2600 Gulden CMze (Convertierte Münze). Nach Übernahme der darauf liegenden Haftschulden hatte uns meine Schwester Aloisia, verehelichte Resch, Geflügelhändlerin in der Herrgottswiesgasse zu Graz, zur Tilgung des Kaufschilling-Restes und zu dringenden Bedürfnissen einstweilen ohne Schuldschein 1000 Gulden geliehen. Wir hofften, unser Haus in Mureck bald anzubringen, und aus dem Erlös die 1000 Gulden an Resch zurückzuzahlen.

Ich marschierte wieder nach Mureck (auf die Landkarte klicken), wo ein Bauer aus Gosdorf unsere Einrichtungsstücke samt Hobelbank und Werkzeug aufpackte und auf die Ries führte. Unterwegs kehrten wir in einem Gasthause am Leibnitzer Felde ein. Als ich am 23. Februar, 4 Uhr früh von dort bei grimmigster Kälte fortging, hat auf dem Wege bis Wildon meine arme Nase durch Frost sehr gelitten, sodass die Röte derselben für immer verblieb.

Am 25. Februar 1845 hatten wir den Gasthausbetrieb übernommen, aber so viel Mühe wir uns gaben, das Geschäft zu heben, es wollte uns nicht gelingen. Nachträglich hatten wir erfahren, dass der Vorfahrer Ertl, nebenbei Revierjäger des Herrn von Haidegg, sich um die Wirtschaft nie viel kümmerte, und dass seine junge, hübsche Frau ihre besonderen Liebeleien hatte, wodurch das Geschäft ganz vernachlässigt wurde. Das Gasthaus geriet so beinahe in Vergessenheit.

Unsere Bekannten von der Stadt, die an schönen Sonntagen uns gerne besuchten, waren nicht sehr zahlreich und konnten uns nicht aus der Klemme helfen. Reisende und Hebräer machten nur kleine Zechen. Das Haus in Mureck hatten wir wegen Mangel eines Käufers noch nicht verkaufen können. Auf der Realität hatten wir 3700 Gulden CM (= Convertierte Münze) zu verzinsen.

     (115)  Nebenbei befasste ich mich mit der Binderarbeit, machte wieder Wasserschäffer, Waschzuber, Krautbottiche etc., und reparierte zur Zeit der Obstmosterzeugung die Fässer bei den Nachbarn und arbeitete auch als Tischler.

     Wie gerne hätte ich meine Kenntnisse im Schreibgeschäft verwertet; aber hier ging jeder, der was brauchte, zur Herrschaft.

     Ich hatte 60 neue Obstbäume bei unserer Besitzung gepflanzt, wovon aber mehr als zwei Drittel gestohlen wurden. Nebst dem Brunnen hatte ich einen klafterhohen Pappelbaum eingesetzt, welcher sehr rasch emporschoss und von allen Gegenden zu sehen war.

     Zu den mit dem Hause übernommenen 7 Tischen verfertigte ich noch sehr viele weitere nebst Stühlen und Bänken. Das sehr schadhafte Strohdach des Wirtschaftsgebäudes musste ausgebessert werden, der Kuhstall neu gewölbt und mit neuer Türe versehen werden. Auch die Dreschtennen mussten ganz neu gemacht werden, was alles grosse Kosten verursachte.

     Der 14 Klafter tiefe Brunnen hatte vor Zeiten eine auf 4 Säulen ruhende Bedachung, dazu auf langer Kette hängende und über ein Rad laufende Wassereimer.

     Bei dem einst an diesem vormals aus Holzladen gezimmerten Hause – daher die Benennung «Ladenwirt» – entstandenen Brand fiel die brennende Bedachung des Brunnens in diesen hinein und niemand scherte sich darum. Als einst uns und den Gästen das Brunnenwasser auf einmal sehr übel schmeckend vorkam und nach Kohlengas gerochen hat, auch das ganze Leitwerk schadhaft war, versuchten wir mit Kraft-, Zeit- und Geldaufwand das 10 Schuh hohe Wasser im Brunnen auszuschöpfen und die noch darin durch Hinabfall festgekeilten, halb verbrannten Hölzer herauszubringen.

     Drei Klafter lange Leitern, eine zwei Eimer haltende Kurbel nebst langem Seil, dann zwei ganz neue Röhren, wozu das Lärchenholz gar vom Schöckel geholt wurde, und ein zweites Vetil etc. mussten angeschafft werden.

     Aber was sechs flinke Taglöhner von früh bis spät abends mit dem Kübel drei Tage lang herausschöpften, zählte nichts, denn der unterirdische Wasserlauf war zu stark.

     Wir konnten nicht alle unter Wasser gesteckten Hölzer mit grösster Anstrengung und Lebensgefahr herausbringen, und die ganze Arbeit samt Material nebst neuem Druckgeleite hat 80 Gulden gekostet. Das Wasser war jedoch wieder besser.
    
     (116)  Im Brunnenhaus war es so kalt, fast wie in einer Eisgrube, daher war im Sommer auf neunlangen Stricken ein grosses Fleischquantum mehrere Tage lang gut erhalten.


    Wenn am Sonntagnachmittag die Leute scharenweise über den Berg heraufkamen, machte ich an dieselben ehrfurchtsvoll die ergebendste Einladung, meine gewiss vortrefflichen Getränke an Bier und Wein nebst schmackhaften Speisen zu versuchen. Aber es war zum todärgern, wenn ich die Antwort erhielt, sie gingen nur so spazieren, und ich dann zusehen musste, wie sie alle beim benachbarten Fuchswirt hineinströmten!!!

     Oh Pech über Pech! Nach und nach kamen doch Soldaten von Windischgrätz Chevazlegers, darunter war ein Mann namens Vogel. Der trank nachmittags 14 halbe Bier und sein Kamerad Stiglitz 18 Halbe. Diese zwei waren Deutsch-Böhmen und die ärgsten Biersäufer. Die einheimischen Grenadiere hingegen waren gern gesehene Gäste.

      Nachdem wir hier bereits zwei traurige Jahre verpassten und bei aller Rührigkeit eine jährliche Einbusse von 400 Gulden erlitten, kam mir, um mehr Gäste heranzuziehen, endlich der Gedanke, hier wie schon in Mureck ein sogenanntes Krippenspiel mit mehr als 300 beweglichen Figuren zu verfertigen. Ich schnitzte, pappte, malte Tag und Nacht. Als dies hier bekannt wurde, kamen mehr Besucher zu meiner Arbeit; das Fertigwerden sowie der Betrieb der Vorstellung wurde mit Ungeduld erwartet.

     In zwei Monaten, während welcher Zeit ich jede Nacht nur eine Stunde geschlafen hatte, war ich fertig Die Materialien hiezu hatten uns 16 Gulden gekostet. Nun kamen häufig Gäste von allen Seiten. Während ich im Extrazimmer einen Teil der schaulustigen Gäste mit der Vorstellung eine halbe Stunde unterhielt, hatten indessen die darauf Wartenden im allgemeinen Gastzimmer gezecht. Manchen Sonntag musste ich die Vorstellung vier bis fünf mal beginnen. Ich war mit 1 - 6 Kreuzer pro Person zufrieden, was jeder nur gab, wenn das Geschäft nur vorwärts ging. Wenn alle Gäste gewissenhaft gewesen wären, hätten wir auch etwas erübrigt.

     Ich musste die sogenannte mechanische Vorstellung innerhalb regieren und zugleich explizieren, wozu ich den Text fast durchaus in Reimen zusammenstellte. Jeder Besucher war zufrieden. Es gab Familien, die das Krippenspiel schon mehrmals gesehen hatten und deshalb doch wieder gerne kamen.

     (117)  Nebenher bemühte ich mich, die Gäste mit Anekdoten, Deklamationen und komischen Liedern mit Guitarre-Begleitung zu unterhalten, während meine liebe Gattin in der Nähe emsig beschäftigt war und die Tochter Marie mit Luise Plank die Gäste bedienten.

     Ich habe sehr viele Lieder dem Geschmack meiner Zuhörer anpassend selbst verfasst. Wenn ich auf der Flöte Walzer oder Polka spielte und Marie mit der Guitarre taktmässig dazu stimmte, wurde oft bis Mitternacht getanzt.


     Wenn verschleierte Damen gekommen sind und diesen Jux sahen, begaben sie sich mit der Äusserung: «Ach, da geht es aber gemein zu ...» in das Extrazimmer. Als sie aber den alle Gesellschaftsklassen ansteckenden Jubel wahrnahmen, hielten es die zarten Damen nicht mehr aus, legten Hut und Schleier ab und tanzten ebenfalls in höchster Lust mit, selbst dann, wenn ich zur Guitarre mit dem Munde alle Tänze pfiff, wobei ich mit der Zunge die schönsten Triller und Variationen machen konnte.

     Wir hatten jährlich durchschnittlich 600 Personen, Handwerksburschen etc. gegen sehr billige Unterkunft über Nacht. Ordinäre Liegestätte im Haus oder am Zimmerboden mit Strohsack, Polster und Decke um 4 Kreuzer, ein gutes Federbett im Extrazimmer zu 12 Kreuzer.

    Die Felder hier waren sehr sandig mit schwachem Humus. Die darauf zur übrigen Zeit aufgelesenen Steine wurden zur Strassenschotterung verkauft.

     Im Jahre 1847 kam wieder eine unangenehme Begebenheit über mich. An beiden Seiten einer Linie der inneren Fläche der rechten Hand zeigten sich feine schwarze Punkte, wie mit Bleistift betupft. Ich achtete nicht weiter darauf, aber in einigen Monaten hatte ich bemerkt, dass diese Punkte in die Tiefe gingen. Ich habe sogleich unseren Arzt Wagner gefragt, ob und wann diese Punkte werden eine Bedeutung haben und er sagte mir: «Lassen Sie sich nicht auslachen, dies hat alles nichts zu bedeuten». Wieder nach mehreren Monaten bemerkte ich aber, dass die zwei Punkte immer tiefer wurden, die Linie fast holzig wurde und der Nebenfinger nicht mehr gerade war wie früher.

     Der Arzt hat sogleich Salben verschrieben, aber der Nebenfinger zeigte immer mehr und mehr einwärts, ohne dass ich dabei Schmerzen empfand.

     Von Ostern 1845 an habe ich den leidenden Oberarm täglich längere Zeit mit kaltem Wasser frottiert und nach ein paar Jahren wurden die Schmerzen weniger.
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Sonntag, 28. Februar 2010

46. Lauter Gschichten - Meine Familie - Meine Hand

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     An der linken Seite unserer Wohnung stand das Kaufmannshaus Janschitz. Er war noch unverehelicht aber ein Wüstling, mit dem sich die hübsche Fleischersgattin Lederer gerne abgab. Wenn er zu meiner treuen Gattin auf Besuch kam, wusste sie ihn immer in Schranken der Ehrbarkeit zu halten, dass ja kein zweideutiges Wort über seine Lippen kam.

     (111)  Seine von Blattern etwas entstellte Schwester Margarethe fungierte im Gewölbe als Komie und verfertigte viele Verkaufsartikel: Hafteln, Mausefallen, Blasbälge, Halsbinden, Chemisetten, Decken, Hosenträger, Batschen etc. und war sonst ein sehr solides, gutmütiges Geschöpf.

     Der Herr Pfarrer hatte in seinem Keller mehr als 100 Startin Eigenbau-Weine und verkündete zur Lesezeit von der Kanzel herab, dass er diese Woche den ihm gebührenden Zehnten erheben werde. 

     Der Kaplan aber, ein riesengrosser, jovialer Mann, der für sich nur 2 Halbstartin vorrätig hatte, machte von der Kanzel herab bekannt, dass er in Anbetracht der heutigen schlechten Weinernte, diesmal den Zehntenpflichtigen die ihm zukommende Abgabe schenke, da er mit seinem Vorrate schon auskommen werde.

     Zu den Pachtungen gehörte auch Mureck. Da ich beim Schulmeister Nedwed, der nebst einem Kaffeehaus eine bedeutende Gastwirtschaft betrieb, auch zu revidieren hatte, und durch 3 Jahre sehr oft dahin kam, so erhielt ich von der Frau Nedwed infolge ihres gemachten Versprechens im Ganzen gerade 100 Schalen Kaffee.

     Im Markte Strass erzählte mir die Fleischerswittwe Feiertag, Tochter des Wirtes Frankl vulgo Retzek in Abstall, dass sie schon 16 Wochen Braut sei und endlich ihre zweite Heirath mit ihrem Geschäftsführer doch zustande kommen werde. Dieser neue Bräutigam war nämlich früher in seinem Heimatorte Kirchbach als Fleischer bedienstet und hatte daselbst eine hübsche Bauerntochter frequentiert, in welche auch der dortige Kaplan verliebt war. Aus Rache gegen den Nebenbuhler wusste der Kaplan es so einzurichten, dass in der Pfarre St. Veit die Kopulation mit der Wittwe in Strass erst dann bewilligt werde, wenn der Bräutigam den ganzen Katechismus auswendig könne, wozu der arme Bräutigam wirklich sechzehn Wochen brauchte.
    
     Unser jüngstes Kind Thekla – sonst gesund und stark – erkrankte an der gefährlichen Halsbräune. Da der Arzt sein eigenes an der gleichen Krankheit leidendes Kind nicht retten konnte, war auch unsere Thekla nebst vielen anderen Kleinen unrettbar verloren.

     Unsere Tochter Marie und die Luise Plank mussten nach dem Beispiel meiner unvergleichlichen und braven Gattin und vortrefflichen Mutter fleissig spinnen, wobei der alte Hutmachermeister mit Erzählung von Märchen, Räuber- und Geistergeschichten abends bis spät in die Nacht hinein Gesellschaft leistete. In unserem Hause in Mureck war auf kurze Zeit zu unserem Gebrauche ein Dachzimmer reserviert.

     (112)  Als einst meine gute Frau auf einige Tage nach Mureck ging, wurde sie dort von Geburtswehen überrascht. Im kleinen Dachzimmer-Stübchen kam am 4. April 1842 ein Knabe zur Welt, welcher Eduard getauft wurde.

     Keines von unseren Kindern machte aber gleich nach der Geburt so frische, schelmische Augen, wie dieser letzte Knabe. Er war lang und mager, von brauner Gesichts- und Leibesfarbe, so wie der erwähnte Spitz'sche Sprössling. Alle unsere früheren Kinder waren nämlich dick und fett, als sie das Licht der Welt erblickten. Die Arztensgattin Therese Ableitner hatte statt ihrem Mann bei der Taufe als Patin zu erscheinen. Sie hat zuerst zu-, dann wieder abgesagt, und dafür die 50jährige, ledige Weingartenbesitzerin Julie Deanino gesendet. Der Herr Pfarrer hatte versprochen, die Taufe selbst vorzunehmen, übertrug das Geschäft jedoch dem Kaplan. Als aber die bestimmte Stunde der Taufhandlung da war, kamen hiezu beide Patinen und beide Herren Geistliche. Die gemütsreiche Mutter meinte, dass dieser Umstand für den ersehnten Knaben von Bedeutung sei, für dessen künftiges Geschick.

     An einem Sonntagabend war beim Wirt Kotzbeck in Dreifaltigkeit Gesellschaftsball, wozu ich und Zürngast eingeladen waren. Ich tanzte bis Mitternacht sehr viel. Um drei Uhr früh sind wir beide fort nach Gonobitz und waren auf der Rückfahrt in Marburg über Nacht. Da träumte mir, dass der Kellner an der offenen Schlafzimmertüre rief: «Herr Neuhold, Ihre Frau von Graz ist da ...!» Und wirklich sah ich sie im Vorsaale stehen, worauf ich erwachte.

     Als ich meine liebe Gattin besuchen wollte, hiess es, sie wäre nach Graz zur Leiche meiner Mutter. Ich erschrak sehr darüber und wusste nicht, dass die Mutter krank gewesen war.

     Meine Schwester Aloisia war nie recht gut gegen mich, und da ich seit einem Monat nicht mehr in Graz war, wusste ich nichts von der Krankheit der Mutter. Nachträglich stellte sich heraus, dass ich an ihrer Sterbestunde und eben beim Kotzbeck am heftigsten tanzte, was mich lange Zeit wurmte.

Nachdem die zeitweisen Schmerzen in meiner Hand nicht aufhörten, hatte mir der vulgo Retzek in Abstall geraten, von der heissen Schwefelquelle in Töplitz bei Warasdin Gebrauch zu machen; wenn die nicht helfe, so sei alles vergebens. Nachdem ich zwölf Tage Urlaub erhielt, reisten ich und meine liebe Gattin nach Pettau zu ihren Verwandten, Herrn Johann Murister, dessen eine Tochter den Tischlermeister Goger in Warasdin zum Gatten hatte. (113)  Meister und Sohn fuhren mit uns dahin, und anderen Tages erreichten wir in zwei Stunden zu Fuss den Badeort. Wir fanden bei einem aus Bruck gebürtigen ledigen Tischlermeister billige Unterkunft, und die Wirtschafterin besorgte unsere Mahlzeiten.

     Durch zehn Tage hatte ich um fünf Uhr früh das heisse Bad benützt, trank hernach am Brunnen das heisse Schwefelwasser, worauf ich dann in einem Lokale die schmerzhafte Hand in ein Fass mit siedendheissem Schlamm vergraben hatte. Ich spürte jedoch keine Linderung. In einer besonderen Badekammer wurden an meiner Hand bis über die Schultern Schröpfköpfe angesetzt. Jeder erzeugte Blutung, nur am schmerzlichsten Punkte kam kein Tropfen.

     Nach meinen Dienstreisen kam ich oftmals, besonders nach Schneegestöber, im kranken Zustande nach Hause. Da ich dann einige Tage zur Erholung brauchte und Gleichenberger Wasser mit Geissmilch trinken musste, so riet mir der Arzt, so wie meine liebe, um mich besorgte Gattin, das so beschwerliche Geschäft aufzugeben. Da gleichzeitig in uns eine unbegreifliche Sehnsucht nach unserem Standort Graz auftauchte, gab ich Ende Dezember 1844 nach 5 Jahren und 2 Monaten den Dienst auf, bei welchem ich nicht nur nichts in Ersparung bringen konnte, sondern uns auch noch die jährlichen Zinsen von 100 Gulden vom Murecker Haus einbrockte.

     Herr Zürngast wollte mich freilich nicht mehr weglassen, denn er hatte wirklich keinen so gewissenhaften Mann, auf den er sich in allem so verlassen konnte, wie auf mich. Ich hatte die feste Überzeugung, dass er bei seinen 13 Realitäten nie in Krebsgang kommen könne, wenn alle seine Geschäfte so in der Art weitergeführt würden, wie ich sie verwaltet habe.

Bei der von mir erkauften grossen Wein-Realität nächst Gams bei Marburg befand sich ein ausreichender Lehmgrund und da eben der Eisenbahnbau über Marburg projektiert wurde, liess Zürngast sogleich eine Million Ziegel erzeugen, in der Hoffnung, dieselben an die Südbahn vorteilhaft zu verwerten. Aber andere Spekulanten kamen ihm zuvor. Da er keine Ziegel abbrachte, baute er in Marburg ein drei Stock hohes Haus, 20 Klafter lang und 9 Klafter breit.

     Ich war stets bemüht, die monatlichen Pachtraten an das Ärar abzuführen, jetzt aber verwendete Zürngast alle Gelder zum Hausbau und blieb den Pachtschilling schuldig. Mein Nachfolger war auch nicht so umsichtig, und so wurden vom Ärar, das keinen Spass versteht, sogleich 8 Pachtbezirke auf Kosten des Pächters sequistriert und alle seine Realitäten wegen 18000 Gulden Pachtrückstand und 5000 Gulden Unkosten exekutiv verkauft.

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 Frage von Eberhard - 1. März 2010:

     Was in aller Welt ist ein "Komie"? (zweiter Absatz).

Und prompt krieg ich wieder eine Antwort von Brigitte in München.
(Danke, Brigitte) - Sie schreibt:

     "Ich nehme an, daß der Herr Neuhold "Kommie" 
     als die weibliche Form von "Kommis", auch Commis, gemeint hat.

     Das war ein Handelsgehilfe, Kontorist und dergl. Commis kommt in
     Nestroy-Stücken oft vor, im Gegensatz zum Prinzipal. ... "

Bitte beachtet, dass ich im zweiten Absatz oben, den Link nachgetragen habe.
E.W.
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Samstag, 27. Februar 2010

45. Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern

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(19)     Ich und meine in jeder Hinsicht sehr brave, resolute Frau hielten uns nach allen von Dr. Hufeland aufgestellten Regeln, und zwar besonders Mässigkeit im Speisen, beim Essen wenig sprechen und nichts trinken; erst in einer Stunde, wenn der Magen in Tätigkeit, ihn mit einem Glas frischen Wassers zu Hife kommen. Alle Gewürze und geistigen Getränke, dann Zornesaufwallungen vermeiden. Mässigkeit in allen Vergnügungen, besonders in der Liebe. Sehr viel kaltes Wasser trinken, kalt baden und waschen, erst zwei Stunden nach dem Nachtmahle zu Bett gehen, viele Bewegungen im Freien machen, immer auf leichten Stuhlgang Bedacht nehmen und sich hauptsächlich vor Verkühlung hüten. Bei allen, denen ich diese Regeln beibrachte, haben sie sich wie bei uns selbst bewährt.

     Bei meinen Bereisungen hatte ich die beste Gelegenheit, die lang ersehnten Gebirgspartien in den windischen Büheln, in den Bezirken Brunnsee, Weinburg, Obermureck, Gutenhag, Wurmberg, Negau, Jahringdorf, Poppendorf, Radkersburg, Neuweinsberg, Halbenrain, Friedau, Peggau, Frohnleiten, Neuschloss, Grossöding, Voilsberg, Lankowitz, über die Stubalpe nach Weisskirchen und Knittelfeld zu unternehmen.


     Als Zürngast in Pettau als Mitpächter beitrat, wurden auch die Bezirke Stadt Pettau, Oberpettau, Minorittengut Pettau in der Kollos, dann Turnisch gepachtet. Hierüber wurde in Pettau eine eigene Kanzlei mit einem Beamten gehalten. Bei dem wieder stattgefundenen Manöver hatte ich Tag und Nacht die grösste Umschau in Amtsgeschäften zu pflegen und bekam hierfür extra 5 Gulden. Bei Übernahme des Bezirkes Friedau kam ich auch auf das sogenannte Jerusalemer Weingebirge im Bezirk Luttenberg, wo der ehemalige Grazer Bindermeister Übelaus, eben in der Weinlese war, und mitten in seinen grossen Weingärten auf dem höchsten Punkte ein stockhohes Herrenhaus besass.

     Als ich und meine Begleiter eben die schöne Gegend betrachten wollten, rief der Herr Übelaus uns zu sich hinauf. Oben führte er uns auf dem Gange um das Haus, von wo die Städte Radkersburg, Pettau, Friedau (heute: Ormoz), dann Lendva in Ungarn mit freiem Auge zu sehen waren. Wir konnten uns von der unvergleichlichen Aussicht gar nicht trennen. Wir erhielten jeder eine Halbe Wein und Brot, und als die Glocken zum Essen läuteten, strömten von allen Seiten die mit der Lese beschäftigten zahlreichen Arbeiter zum Mittagsmahle herbei. Wir dankten dem wackeren Wirte für dessen Humanität und zogen useres Weges.

     (110)  Als ich zum Verzehrsteuer-Geschäfte kam, wollte jeder, der mein Sparsystem kannte, profezeihen, dass ich dabei reich werden könne. Dies wäre aber nur durch Hintergehen gegen meine Pächter und durch Gefälsch-Übertretungen erzielte Strafgelder möglich gewesen. Allein bei der mir angeborenen Gewissenhaftigkeit und Gutherzigkeit war ich nicht imstande, den wohlwollenden Pächter zu betrügen oder die Wirte und Fleischer, denen die Verzehrsteuer ohnehin sehr schwer fiel, bei vorgefallenen Unrichtigkeiten zur Strafe zu bringen, obwohl ich laut Gesetz hierzu berechtigt war. Nur bei drei besonders Renitenten hatte ich den Tatbestand aufgenommen und der Behörde zur Amtshandlung vorgelegt. Allein bis die Verhandlung geschlossen und ein Geld-Straf-Erkenntnis erfolgte, war ich vom Geschäfte schon ausgetreten. Anstatt dabei etwas zu erübrigen, wurde noch das jährliche Zinserträgnis unsers Hauses in Mureck zugesetzt.

     Gar manche, die von diesem Egentum wussten, hatten mich gefragt, ob ich auch schon abgewirtschaftet hätte, da beim Verzehrsteuer-Geschäft nur lauter auf den Hund Gekommene eintreten. Wirklich waren unter den 23 unter meinen Befehlen stehenden 2 gewesene Fleischhauermeister Hauser und Winter, Bäckermeister Tschech, Schuhmachermeister Leopold, Lederermeister und Kaffeesieder Greiner.

Herr Zürngast unterstützte auch den von Dreifaltigkeit gebürtigen, elternlosen Studenten Alois Putschko, einen jungen, liebenswürdigen Burschen, der die Ferien immer hier zubrachte und überaus gerne mit meiner Frau, die er höchst geistreich fand, konferierte. Wenn ich zu Hause war, benützte ich jeden Augenblick zum Flötenspiel, wozu mich Putschko mit besonderer Vorliebe mit der Guitarre begleitete. Auch meinte er schon viele Menschenkenntnis zu besitzen, aber bei mir kennen sie sich nicht aus! Mir war es selbst unbegreiflich, wie in mir zwei Naturen steckten: Meist guter Laune und so leicht zum Weinen. Die unerklärliche Mutter Natur hatte mich zum Sonderling gestempelt und grosse Tränensäcke verliehen.
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Freitag, 26. Februar 2010

44. Meine Anna - eine Heilige

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     Nach einiger Zeit kam die Ruhr epidemisch über Dreifaltigkeit. In kurzer Zeit starben an der Krankheit 40 Kinder. Unser Knabe Gustav, der infolge der Fraisen erst im sechsten Jahre die volle Sprache erlangte, und mir besonders ans Herz gewachsen war, wurde von uns besonders gehütet und kam mit Ruhrkranken in gar keinen Verkehr. Trotzdem musste er alle Leiden dieser bösen Krankheit durchmachen. Neun Tage und Nächte lang nahm er keine Nahrung zu sich, ausser etwas Medizin. Infolge seiner äusserst sanften und gutmütigen Wesensart war er zu gut für diese Welt, und der Todesengel nahm ihn mit sich in das unbekannte Jenseits.

     (107)  Meine überaus liebevolle Gattin, die vor einem Dreivierteljahr ein dickes Kind, Thekla, zur Welt brachte und wegen ihrer festen Nerven selten weinen konnte, hatte viele Mühe, mich über den Verlust des herzigen und talentvollen Bürschchens zu trösten. Mein Schmerz war so überwältigend, dass ich sechs Wochen lang am heftigen Nervenfieber zwischen Leben und Tod darniederlag. Der mich behandelnde Chirurg Ableiter machte meiner gefühlvollen und als Krankenwärterin unermüdlichen Frau den Vorschlag, für mich den Kreisfisikus von Marburg (Maribor in Slowenien) holen zu lassen. Dieser behandelte auch den benachbarten und gleichfalls wegen seines an der Ruhr verstorbenen Sohnes am Nervenfieber leidenden und mit mir im gleichen Alter befindlichen Gastwirt Pollanetz, welcher aber, ohne gesund zu werden, starb.

     Meine liebe, sorgfältige Gattin verliess sich auf die ärztlichen Kentnisse des Chirurgen Ableiter; der bot alles auf, um mich zu retten. Hier zeigte sich meine heldenmütige Gattin, was ein wirklich liebendes, treues Herz vermag: Tag und Nacht wich sie nicht von meinem Bette. Ihrer grenzenlosen Liebe, Geduld und Aufopferung, der sorgfältigen Pflege und emsigen Wartung verdanke ich nächst der unendlichen Barmherzigkeit Gottes und der Geschicklichkeit des Arztes mein Leben und die Wiedergenesung. Unsere ersparten 34 Silberthaler wurden aufgebraucht. Zum Glück war der Herr Zirngast so freundlich, mein Gehalt ununterbrochen auszuzahlen, und meine Gattin in allem zu unterstützen.

     Für die himmlischen, mir unvergesslichen Tugenden meiner treuen, unverdrossenen, Tugenden beweisenden Krankenwärterin nahm ich mir fest vor, sie zeitlebens als eine Heilige zu verehren. Die Unterlassung dieser Verehrung wollte ich als Todsünde betrachten. Weil ich indessen in Geschäftsreisen oft sehr lange abwesend war, hatte sie inbrünstig zu Gott gebetet, dass er mich vor allen Gefahren bewahre und glücklich wieder heimhelfe.

     Später übersiedelten wir in die Mitte des Ortes in den ersten Stock des Hauses des Oberrichters und Bruders des Schulmeisters. Im geräumigen Vorhause hatten wir einst 23 Wallfahrer, lauter Bekannte, von Mureck untergebracht. Herr Zürngast hatte zu jeder Marktzeit 8 Stück Rindvieh und 30 Kälber geschlachtet. Sein Bruder Jakob war auch Fleischer und Hausbesitzer am Orte. Meine emsige Frau war bei einer solchen Gelegenheit immer in der Küche der Frau  Zürngast, geborene Reissmann, äusserst beschäftigt. Ich musste meine Reisen so einteilen, dass ich zu Beginn der Marktzeit hier eintreffen konnte, weil ich da den Zahlkellner machte.

     (108)  Wenn Gastwirt Bauer von Murau hier ankam, kaufte er gewöhnlich alle in den sieben Kellern des Mathias Zürngast befindlichen Weine und zahlte immer gleich bar aus. Die Weine wurden sogleich durch windische Fuhrleute sieben Stunden weit per Startin oder 10 Eimer zu 1 Gulden nach Strass geführt, von wo die dort eingekehrten obersteirischen Salzfuhrleute die Weine fortexpidierten: Damals bestand ja noch keine Eisenbahn.

     Als am Pettauer Felde wieder grosse Manöver waren, machte ich mit meiner guten Frau nebst noch zehn Personen auf einem Fuhrwagen um ein Uhr nachts die Fahrt nach Pettau. Meine brave Gattin blieb bei der ausgezeichneten Frau Meister und wir anderen liefen den ganzen Tag den Manöverierenden nach.


     Über Turnisch (heute: Turnisce) und St. Veit zog der Feind. Es war romantisch zu sehen, wie 6000 Soldaten mit Pferden und Kanonen über die durch Pioniere von 10 Uhr vormittags bis halbein Uhr mittags fertiggebrachte Pontonbrücke über die Drau marschierten und am linken Drau-Ufer mit Kanonen empfangen wurden. Der Kampf zog sich weit über Dornau bis abends; nahe Pettau wurde bivakiert. Bei Anbruch der Nacht fuhren alle wieder nach Hause.

     Neben unserer Wohnung war das Haus des Kaufmanns Spitzi, der von sehr dunkler Gesichtsfarbe war. Wenn dessen ebenfalls brauner aber auch recht intelligenter Knabe in die Schule ging, und meine liebe, gute Frau ihn sah, hatte sie immer den Wunsch nach einem solchen Knaben.

Einst kam ich bei St. Anton mit unserem Chirurg Ableiter zusammen. Als der dortige Kaplan sich zu uns gesellte, trieb eben ein armer Keuschler seine Gänse von der Weide. «Verkaufe mir eine Gans! Was kostet sie?» frug der Geistliche den Landmann und auf Bekanntgabe des Preises 30 Kreuzer conv. Münze sagte der Kaplan: «Du kannst sie mir wohl um 1 Gulden geben. Bring sie mir morgen und ich lese Dir dafür eine Messe!» Was konnte der arme Keuschler, der sich keinen feinen Schmaus vergönnen konnte, machen? Und der nach Gänsebraten Lüsterne sagte zu uns: «Was kann man denn billiger haben als eine Gans um 1 Gulden?» Uns aber drang sich die Überzeugung auf, dass ihm der Braten gar nichts kostet und der Kaplan das 10. Gebot nicht sehr genau nahm.
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Montag, 22. Februar 2010

43. Als Steuereintreiber im windischen Reiche

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     Im Orte Dreifaltigkeit in Windischbühel, vier Stunden von Mureck im Mittelpunkte zwischen Radkersburg, Pettau (heute Ptuj, Slowenien) und Marburg (an der Drau – heute Maribor, Slowenien), war ein Fleischhauer, Realitätenbesitzer und Weinhändler namens Mathias Zürngast, welcher sich auch mit Pachtungen von Verzehr-Steuer-Bezirken befasste und für den von ihm entlassenen Buchhalter Schubert einen Revidenten und Geschäftsführer benötigte. Sein Schwager, Lederermeister Schmölzer in Mureck erhielt die Weisung, einen brauchbaren Mann aufzutreiben, da wieder sieben neue Bezirke gepachtet wurden. Schmölzer wusste, dass ich vier Jahre und drei Monate treu und redlich beim Syndikus ausgehalten hatte, sehr verlässlich und eben ohne Beschäftigung war; so trug er mir die Stelle an. Mir ging es fast heiss über den Rücken. Ich entschuldigte mich, dass ich von einer Geschäftsführung der Verzehrsteuer-Pachtung nicht den mindesten Begriff hatte.

     Schliesslich sagte ich – auch auf Antrieb meiner lieben Frau – zu und versprach, vor Übernahme der neuen Bezirke Ende Oktober 1839 zu Herrn Zürngast zu kommen.

     Montag, Dienstag, dann Mittwoch Vormittag war ich unter Schneegestöber in Gesellschaft von 25 Jagdfreunden in dem Chirurg Blümel zu St. Peter am Ottersbach gehörigen Jagdggebiete, wobei es sehr unterhaltend zuging und ich ohne einen Schuss zu tun, doch einen Hasen nach Hause brachte.

     In meiner Abwesenheit weinte die arme, gute Frau in Besorgnis und Kummer, dass ich die Stelle versäume. Nach dem Mittagessen herzte und küsste ich die zärtliche, liebevolle Gattin und die Kinder und machte mich auf den Weg nach dem windischen Reiche. Auf unbetretenen Pfaden musste ich fünf Stunden im Schnee fortwaten, bis ich um sieben Uhr abends ermattet in Dreifaltigkeit ankam. Ich wurde mit Sehnsucht erwartet und freundlich aufgenommen. (105)  Nach dem Abendmahle wurde die monatliche Besoldung per 25 Gulden vereinbart und mir die nötigste Instruktion erteilt. Nach Einsicht in die bisherige Buchführung ersah ich wohl gleich die Verworrenheit und Mängel derselben und erkannte die Notwendigkeit einer dringenden Reform.

     Anderntags wurde die Reise zur Übernahme des neuen Bezirkes Wildon etc. unternommen. Nach acht Tagen zurückgekehrt, unternahm ich sogleich von Grund auf eine neue Geschäftsgebahrung, damit in Einkünften und Ausgaben eine Klarheit bestand.

     In jedem Bezirk war ein Mann als sogenannter Bestellter zur Übernahme der steuerpflichtigen Wirte und Fleischhauer, mit monatlicher Besoldung von 20 Gulden angestellt. Anton Stramlitsch, Wirt in St. Leonhard und Josef Grünwald, gewesener Artillerie-Korporal und nun Hausbesitzer in Dreifaltigkeit, waren zur Revision und Gelderhebung bestimmt, und ich hatte über alle die Oberaufsicht und Buchführung in der Kanzlei. Zürngast hatte in Voitsberg ein Haus gekauft und dort wie in Frohnleiten, Weinniederlassungen errichtet. Die in diesen Bezirken befindlichen Bestellten mussten den Verkauf der Weine besorgen und ich hatte die Gelder einzukassieren. Mit der Zeit hatte Zürngast 29 Bezirke in Pacht. In der Kanzlei zu Mureck hatte ich mir so viele Kenntnisse erworben, dass ich für jeden Bezirk die Offerten, dann Kautionen und Sicherstellungs-Urkunden für die jährlich an das Ärar zu zahlende Pachtschillinge pro 42000 Gulden verfassen und an die Finanzbehörden vorlegen konnte.

Mein Gehalt wurde auf 35 Gulden erhöht; denn ich hatte einen ausserordentlich beschwerlichen und verantwortlichen Dienst: Alle 14 Tage sämtliche Bezirke von Friedau bis Knittelfeld zu Fuss bereisen, die 1000 Steuerpflichtigen zu besuchen, deren Geschäftslokale zu revidieren, Steuergelder zu erheben und die monatlichen Pachtraten an das Ärar abzuführen. Jeden Monat war ich auf eigene Kosten bei jeder Witterung 18 Tage auswärts, dann zur Verrechnung, Übergabe und Verbuchung der Gelder, dazu Eintragung aller Vorkommnisse durch 12 Tage, täglich von 6 Uhr früh bis 11 Uhr nachts in der Kanzlei anstrengend beschäftigt. Und ungeachtet meiner ledierten und noch immer schmerzhaften Hand konnte ich noch immer alles pünktlich vollführen.

     Von mehreren Seiten kam mir die Bemerkung, ich müsste eine eiserne Natur haben. Auf meinen Reisen hatte ich oft 5000 bis 6000 Gulden in der Tasche und musste öfters um Zeit zu gewinnen, um auch meine Familie in Mureck besuchen zu können, bis spät in der Nacht über Berge und durch Wälder wandern. 

     (106) Vor Räubern hatte ich keine Furcht. Ich verliess mich auf meinen Stilettstock und kam unbesorgt manchmal erst um 11 Uhr nachts zurück, obwohl der eineinhalb Stunden lange Burgstallberg im üblen Rufe stand und fast sämtliche Bewohner dieser Gegend wegen Raub und Diebstahl schon im Arrest waren. Zum grössten Glücke war mir nie etwas Unangenehmes passiert.

     Inzwischen war meine herzensgute Gattin mit den Kindern nach Dreifaltigkeit übersiedelt und im Hause des Schulmeisters Schönwetter, wo ich die Kanzlei hatte, Wohnung genommen. Der Pfarrer war der vertrauteste Freund des Schulmeisters und dessen Gattin wieder die innigste Freundin des Pfarrers. Dieser liess den Sohn des Schulmeisters studieren, und wenn die Tochter im Chor sang, meinte man eine Katze zu hören.

     In Dreifaltigkeit war auch der erwähnte Kapmaier, der in Friedau damals meine liebe Anna Knölly mit Heiratsanträgen quälte, als Sattlermeister ansässig. Er hatte eine gute Frau und zwei Kinder. Hier im Orte war des Jahres fünf mal Markt und grosse Scharen Andächtiger. Gewöhnlich waren hier acht Gasthäuser, zu Marktzeiten aber doppelt so viele. Da sämtliche Gastlokale samt Nebengebäuden nicht alle Fremden unterbringen konnten, blieben oft mehrere hundert über Nacht auf Rasenplätzen im Freien und sangen oft bis Mitternacht. Besonders Windische waren angenehm zu hören. Als ich einst zufällig beim Fenster hinaussah, bemerkte ich unter den ankommenden Wallfahrern eine sehr gemütliche, aber von der Reise sehr ermüdete Frau. Ich trug ihr sogleich Unterkunft bei uns an, da bereits alle Gasthäuser überfüllt waren. Sie nahm die Einladung an. Ich führte sie ins Haus – und welche Überraschung? Sie war die erwähnte Lederermeistersgattin Seinkovitsch von Friedau, und die beiderseitigen Freuden des Wiedersehens waren grossartig.

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Kommentar von Eberhard Winkler, 22. Februar 2010:

     Ich google gern und gut, aber bei zwei Objekten finde ich mich nicht zurecht. Wer kann mir sagen, was ein Lederermeister (im ersten Abschnitt) ist. 

     Und wer hat eine Ahnung (oder noch besser Gewissheit), wo der Ort Dreifaltigkeit liegt und wie der Ort heute heisst. Schon klar, oben, im ersten Abschnitt wird beschrieben, er liegt in der Mitte des Dreiecks Radkersburg, Pettau (Ptuj) und Marburg (Maribor). Ich hätte aber gern etwas Genaueres gewusst. 

     Danke für Hinweise.  Eberhard
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Sonntag, 21. Februar 2010

42. Der sture Leschanz und die Amtsquerelen

     Nun kam wieder ein neuer Lebensabschnitt in unsere Verhältnisse. Wir hatten nämlich Mai 1839 das vulgo Lebensbauer'sche Haus samt Hafner Gerechtsame und zweieinhalb Joch Grundstücke um 840 Gulden verkauft. Da das Gebäude sehr niedrig stand und der Überschwemmung ausgesetzt war, beschlossen wir, dasselbe um dreieinhalb Schuh zu erhöhen. Indem uns der Überschlag des Maurermeisters Priesching für die ganze Reparatur 800 Gulden zu hoch vorkam, übernahm ich alles in eigener Regie.

     Der in Ansberg sesshafte und als sehr geschickt bekannte Maurerpolier Sax hatte die Dachstuhlerhöhung und alle Maurerarbeiten im Accord übernommen. Unter dem südlichen Teil des Hauses wurde ein gewölbter Keller hergestellt, der Brennofen neu hergerichtet und die Gerechtsame in Pacht gegeben. Alle Dippelböden mussten neu gemacht werden. Die neuen Fenster- und Türstöcke, sowie Stufen und die Stiege hatte ich selbst verfertigt. Nachdem sämtliche Fussböden in 5 Wohnung neu gemacht werden mussten, war ich um 3 Uhr früh schon am Wege zu den benachbarten Mühlen um die nötigen Bretter.

Mittlerweile wurde die Tochter des Stallmeisters Nedwed, ein sanftes und braves Mädchen von (103) 17 Jahren bedenklich krank. Da hatte ich in Vorahnung ihrer baldigen Auflösung bei meinen Gängen zu den Mühlen ein auf die bedauernswerte Rosa Nedwed bezügliches Grabgedicht verfasst, wofür ich schliesslich allseitige Anerkennung erntete. In dieser Dichtung konnte ich den Schmerz der Eltern leicht zum Ausdruck bringen, da die Trauer um mein eigenes Kind Rosine noch zu frisch in meinem Gedächtinis war. Frau Nedwed sagte mir: «Ich bin Ihnen wohl grossen Dank schuldig und ich weiss, dass Sie keine Barzahlung annehmen; aber so oft Sie in unser Haus kommen, sollen Sie eine Schale Kaffee haben».

     Ungeachtet aller Mühe und Arbeit bei der Hausreparatur hatte uns dieselbe 1400 Gulden gekostet. Zur Bestreitung der Auslagen wurde uns das Geld vom Kaufmann Kolletnigg und Riemenmeister Robatin, die von unserer Rechtschaffenheit überzeugt waren, bereitwilligst vorgestreckt. Sodann wurden diese Herren von dem aufgenommenen Sparkassendarlehen befriedigt.

     Nun kam wieder ein neues Verhängnis über uns! Da mein Amtsvorstand Syndikus Leschanz sich durch sein starres und schroffes Wesen fast die ganze Bürgerschaft zum Feinde machte, hatte dieselbe dessen Entfernung beschlossen und unter mancherlei Intrigen durgesetzt. Der vom Markte St. Florian vertriebene Syndikus Tauscher konnte hiezu die besten Ratschläge erteilen.

     Ausser dem Bürgermeister waren Ausschussmänner für die politschen oder ökonomischen Entscheidungen zuständig. Dann wurde zur Überwachung und Verrechnung der märktischen Einkünfte und Ausgaben ein Bürger unter dem Titel Kämmerer bestimmt. Bei der Wahl des neuen Bürgermeisters nahm der ärgste Feind des Syndikus Leschanz diese Wahl ausdrücklich mit der Äusserung an, «um dem schwarzen Leschanz seine sehr dunkle Gesichtsfarbe wegzubringen». Die erste Verfügung des neuen Bürgermeisters, Tischler Woitech, war die Einhebung des reichen und höchst gewisssenhaften Lederermeisters Florian Schütz von der Stelle eines Kämmerers. Als solcher hatte dieser immer einen Überschuss zu Gunsten der Gemeindekasse geschaffen. Dem Woitech lag daran, bei den hohen Behörden nachzuweisen, dass die märktischen Ausgaben zu hoch seien und von den wenigen Einkünften des Kanzleipersonals nicht besoldet werden können. Der neu ernannte Kämmerer aber führte die Gemeinderechnungen gewissenhaft.

     Von Seiten des Kreisamtes wurden auf Kosten der Bürgerschaft Kommissionen abgehalten, und da sich gegen den Syndikus keine Amtsgebrechen vorfanden und die schon bald 6 Jahre dauernde Agitation nicht aufhörte, so wurde vom Gubernium einverständlich  (104)  mit dem Kreisamte – um endlich Ruhe zu haben –, wie es in der Entscheidung hiess, im September 1839 die Gerichtsbarkeit des Magistrates Mureck gegen eine Jahrespauschale von 200 Gulden an die Herrschaft Obmureck übertragen. Auf solche Art wurde ich dienstlos. Ich hatte zwar jeden Monat bedeutende Nebeneinkünfte, da war aber im darauf kommenden Oktober gar kein Kreuzer mehr zu erhaschen.

     Leschanz erkaufte sich im Orte Sandscha zwischen Strass und Leibnitz einen Bauerngrund mit 40 Joch Äcker und Wiesen ohne Wald. Da er aber samt seiner Frau von einer Geldwirtschaft nichts verstanden hatte, kam alles in Krebsgang. Der Sohn Franz war nach vielen Jahren Bezirksrichter in Hartberg.
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Samstag, 20. Februar 2010

41. Das herzliebe Kind hat ausgelitten

     Als ich oft nach Graz kam, sah ich sehr viele gefangene Russisch-Polen, lauter grosse, schöne Männer, gegen Süden transportieren, konnte aber nicht erfahren, wohin. Wie ein bayrischer Prinz zum König von Griechenland erwählt wurde, sind von München sehr viele, auf drei Jahre angeworbene Freiwillige, auch sehr starke, feste Männer durch Graz gekommen, von welchen ich später mehrmals recht elend aussehende Gestalten – den bayrischen Helm am Kopfe – zurückkommen sah.

     In Graz erzählte die zufällig von Wien anwesende Frau Fels, dass die Pepi Schwarzmann, die mir so herzlich zugetan war, im Orte Weinhaus einen Spengler, Czechen, geheiratet, von diesem aber so viele Misshandlungen zu erdulden hatte, dass sie aus Kränkung bald darauf starb. Bei dieser traurigen Nachricht kamen mir unwillkürlich häufige Tränen. Sie hätte wohl zarteste Behandlung verdient.

Das unerklärliche Geschick erteilte unserer eineinhalbjährigen Rosina einen gewaltigen Keuchhusten, nebst Fraisen und es war für uns alle recht schmerzlich, das arme Kind so leiden zu sehen. Da alle Hilfe der Ärzte vergeblich war, wollte ich das Sterben des Kindes nicht mit ansehen. Ich ging nach Graz, und als ich übern Schemerl, dann Feldbach und Gleichenberg am 4. Tag zurückkam, war das Kind noch am Leben, als wenn es nur auf mich gewartet hätte.  (101)  Auf mein Verlangen gab mir das liebe Kind das Händchen aus der Decke, und bald darauf bei einem neuerlichen Fraisenanfall hatte es ausgelitten. Wir weinten bitterlich um das herzliebe Kind. Kurz darauf starb auch mein Vater, 66 Jahre alt. Ein Jahr vorher hatte er uns bei Gelegenheit eines Kuhkaufes besucht.

     Im Hause des alten Herrn Keller in Mureck wohnte gegen billigen Zins die ehemalige, sehr reiche und geizige Pfarrersköchin Margarethe Götz. sie konnte ihren zahlreichen Schuldnern zureden, dass dieselben die Interessen rechtzeitig entrichten sollten, damit sie leben könne; denn nach ihrem Tode seien ihnen die Kapitalien ohnehin geschenkt. Sonach waren die Schuldner beflissen, die Zinsen gehörig zu bezahlen und ihr überdies Victualien (Lebensmittel) zu verehren, dass sie für sich fast nichts einzukaufen hatte.

     Dem kleinen Mädchen des Hausherrn, welches für den Geizhals alle Gänge zu verrichten hatte, gab sie aus besonderer Gnade täglich eine halben Apfel. Wie gerne möchte die Alte Backhendl essen, aber ein ganzes war ihr zu viel und ein halbes konnte sie nicht abstechen. Als sie an einer bösen Krankheit starb, blieb die Inventur-Kommission aus Furcht vor Ansteckung vor der Wohnung draussen am Gange und der Hausherr trug alle Hinterlassenschaften, Wertpapiere, Pretiosen etc. hinaus zur Kommimission. Als sich diese dann über die Stiege hinab entfernte, fand der gewissenhafte, mit 8 Kindern gesegnete Herr Kern in einem geheimen Fach noch einen Beutel mit 100 Dukaten, und lief damit den Gerichtspersonen nach. Er musste dennoch die auf seinem Hause für die Götz haftenden Kapitalien bezahlen. Vier Erben, darunter der Syndikus Götz in Leibnitz und Professor Götz in Graz teilten sich in den Verlass. Im Testament der Margarethe Götz waren für die jeweilige Stricklehrerin 5 Gulden bestimmt, welche sonach an meine fleissige Frau entfallen sind.

     Ich beschäftigte mich nebenbei noch immer mit Holzarbeiten. Für den Schuhmacher Landl hatte ich neuartige Keilleisten zu machen, wozu er zu meinem Unglücke – selbst recht verwedelte Hagenbuchen-Holzstücke beistellte, so dass ich daher mit mehr Anstrengung hantieren musste.

     Da kam im September 1836 das Unglück, dass mir in der Kanzlei während des Schreibens die Feder aus der Hand fiel, und wahrscheinlich infolge Überanstrengung bei obiger Leistenarbeit sich im rechen Oberarm grosse Schmerzen fühlbar machten. (102)  Die Schreiberei ging nur mit grösster Mühe vonstatten und alle möglichen kostbaren Salben, Umschläge und teuren Essenzen waren nicht imstande, meine leichte, flinke Hand wieder herzustellen oder die Schmerzen tu tilgen. Die ärztliche Hilfe und Mittel kosteten über 100 Gulden.

     Als der Herr Fürstbischof von Seckau einst Kirchenvisitation abhielt, sollte er auch nach Mureck kommen. Da ersuchte mich der Herr Pfarrer zu veranlassen, dass drei Triumphbögen erbaut werden, und weil ich schon alles könne, musste ich mehrere kirchliche Embleme malen, um diese auf den Triumphbögen oben und an den Säulen anzubringen. Nach meiner Zeichnung und unter meiner Leitung wurden durch Zimmerleute und Taglöhner die drei Pforten aufgerichtet – der grösste am unteren Ende des Marktes, dann einer am oberen Ende und der dritte nahe der Kirche. Die ganze weibliche Jugend hatte vollauf zu tun, aus Reisig Girlanden und Kränze zu winden.

     Mir aber war der Todesschreck beschieden. Kaum war alles fertig, lief ich nach Hause und wollte mich mit besseren Kleidern versehen. Als der Einzug stattfand, erhob sich ein so gewaltiger Sturm, dass ich befürchtete, das entfesselte Element reisst den Oberteil der Triumphpforte herab, wodurch mehrere Personen hätten den Tod finden können. Am heftigsten wütete der Sturm, als eben der Bischof durch die Pforte ging. Ich sah dies alles durch die Jalousien und hatte dabei Todesängste auszustehen.
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