Montag, 16. August 2010

81. Erinnerungen an frühere Jahre

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     Nun habe ich noch manches nachzutragen.

     Als ich noch klein war und öfter zu der bei Dr. Fink gedienten Köchin und Tante Therese Dunkl kam, gab mir das erwähnte Zimmermädchen, Johanna Seidnitzer, ein Theaterstück »Wer weiss, wozu das gut ist?« zu lesen. Und da im Jahre 1847 das Übel mit dem Krummwerden der Finger angefangen hat, kam mir der Gedanke, wer weiss, wozu das gut ist? Ich hatte den glücklichen Einfall, mir über die krummen Finger ärztliche Zeugnisse ausstellen zu lassen, welche dann immer infolge Gesuches um zeitliche Befreiung meines Sohnes von der Militärpflicht berücksichtigt wurden.     

     Als ich, 19 Jahre alt, im Jahre 1827 zur Stellung einberufen wurde, kamen alle Vorgeladenen im Rathaus auf den mit eisernem Gitter versperrten, langen Gang im dritten Stock. Die 36 Stellungspflichtigen machten des Nachts ordentlich Höllenlärm. Der Abmarsch zur Assentierung war auf den nächsten Donnerstag bestimmt.

     Als Verpflegung erhielten wir Arrestanten ein kleines Stück Fleisch auf einem Trögl und dazu einen hölzernen Löffel. Die Rekruten aus besseren Häusern wurden von den Eltern mit besserem Imbiss versorgt. Da im ersten Stock ein geräumiges Kanzlei-Lokal leer war, wurden die Rekruten vom dritten Stock herab in das frisch geweisste Zimmer expidiert. Die Arrestanten mussten alle Strohsäcke für uns heranschleppen. Unter uns befand sich ein eleganter Tiroler, Studierender der Medizin; sein Quartiergeber hatte es bewirkt, dass der feine und nette Herr Student nicht unter den lärmenden Leuten, sondern zu Hause schlafen dürfe. Kaum war er fort, ersuchte ich jeden  (196)  um einen Bleistift und zeichnete an den neugeweissten Wänden die halbe Nacht Soldaten aller Gattungen: Infanterie, Jäger, Kavaliere, Artillerie, Grenadiere, Marquetenderinnen – alle Karikaturen in mehr als Lebensgrösse.

Original dieses Neuhold-Bildes in Privatbesitz in München

     Als um 8 Uhr früh der Gefangenenaufseher die Tür öffnete und die bekritzelten Wände sah, fluchte er entsetzlich und wollte wissen, wer dies getan habe. Wir aber schoben die Schuld auf den Mediziner, der gestern Nacht nach Hause gehen durfte. Gleich kamen zwei Arrestanten mit Kalk und mussten das Lokal überweissen, und wir marschierten unter Anführung des Magistratsrates Bonstingl und seines Amtsdieners zur Assentierung am Nikolaus-Quai.

     Als ich im Herbst 1821, 13 Jahre alt, auf Ferien nach Judenburg kam, liess Onkel Dunkl ein Zimmer neu weissen und einen dunklen Sockel anbringen, welchen ich mittels selbstgemachter Patronen farbig einsäumte. An einer Wand konnte ich zwei Landschaften in schwarzem Rahmen so täuschend malen, als ob sie aufgehangen seien. Manche Besucher wollten die Bilder zur näheren Besichtigung abnehmen. 

Original dieses Neuhold-Bildes in Privatbesitz in München

     Ich spazierte einst mit dem Onkel nach Knittelfeld. Vor dem Wirtshaus, wo wir einkehrten, sass ein Invalid mit der Krücke und einem Stelzfuss, und ich musste auf Verlangen des Onkels sogleich die interessante Invalidenfigur abzeichnen. Als mir diese Portraitierung wirklich gelungen ward, zeigte der Onkel die Zeichnung allen Anwesenden und prahlte mit seinem talentvollen Neffen.

Der Onkel Johann Dunkl in Hartberg war Oberschützenmeister der bürgerlichen Schiessstätte. Er hatte einen Glaskasten voll gewonnener wertvoller Preise. Als ich zu Ostern 1822, 14 Jahre alt, auf Ferien dort weilte, musste ich auf Wunsch des Onkels alle in der Schiessstätte anwesend gewesenen Schützen, darunter den Stadtpfarrer und einen Pfarrer aus der Umgebung, insgeheim abzeichnen, worüber dann viel gelacht und ich allseits mit freundlichen Blicken beehrt wurde.

     Als ich beim Bindermeister Rucker Geselle war, wurde auch ein Geselle aus Radkersburg aufgenommen. Dieser erzählte, dass er dort gar oft über die Mur geschwommen sei und auch hier einen Versuch wagen möchte, wenn ich mittäte. An einem Sonntag Nachmittag zogen wir bei der Werkstätte unsere Kleider aus und sprangen vor derselben, nur mit Schwimmhosen bekleidet, in die Mur und bemühten uns, möglichst gerade hinüber zu kommen. Am jenseitigen Rasenplatze lagerten wir uns, um ein wenig auszuruhen. Da kamen von unten herauf zwei Polizeimänner im ärgsten Lauf auf uns zu und wollten uns fassen, da in der Mur das Baden verboten war. Wir liessen sie auf fünf Schritte herankommen und hüpften dann wie die Frösche in Wasser.

    (197)  Die Polizisten liefen dann zur unteren Murbrücke, in der Hoffnung, uns diesseits zu erwischen. Als wir ganz getrocknet und schnell angekleidet im Sonntagsstaate vor das Haus traten, kamen die beiden Polizeibeamten voll Schweiss daher, und da sie uns natürlich nicht erkannten und die Umstehenden auch keine Auskunft geben konnten, so war das Laufen und Schwitzen der Polizisten umsonst und uns machte es ein Vergnügen, dieselben gefoppt zu haben.
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Sonntag, 25. Juli 2010

80. Der Herr Sohn zieht um

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     Die Obstbäume in dem von uns in Aflenz benützten Garten waren heuer voll reich mit Früchten. Sobald ein Beet des 100 Schritte langen und 40 Schritte breiten Küchengartens leer wurde, hatte ich zum Zeitvertreib die Beete nacheinander umgestochen und die hervorgegrabenen Steine beseitigt. Als ich mit dieser Arbeit fertig war, erhielt ich vom Herrn Sohne, k.k. Bezirksrichter, die Nachricht, dass er nach Knittelfeld übersetzt werde. Da hatte ich nun viele Vorbereitungen wegen der Übersiedlung und zum Einpacken viel und angestrengt zu tun.



     Als ich im Sommer 1888 an meinem Unterleibsbeschwerden mit Blutegeln behandelt wurde, entstand dort, wo die sassen, mit der Zeit eine Art Verhärtung, die nicht schmerzte, aber nach und nach grösser wurde. Dr. Lichtenegger wusste Mittel dagegen.

     In der Zeit nun, da ich wegen der Übersiedlung so sehr beschäftigt war, fing die vorerwähnte Verhärtung zum Eitern an. Ich hatte furchtbare Schmerzen und liess am 2. Oktober 1890 früh den Arzt Dr. Winkler holen. Dieser sah meinen Zustand als höchst gefährlich an und drang sogleich auf Abreise nach Bruck ins Spital. Mein Herr Sohn, besorgte gütigst sogleich den Wagen. So fuhr ich gegen 11 Uhr per Post in Begleitung von Enkelin Hulda nach Bruck, nachdem ich vorher noch eine Suppe zu mir genommen hatte.

     Im Spital wurde mein Leiden von drei Doktoren untersucht und die Öffnung des beinahe faustgrossen Tippels beschlossen. Zur Jause erhielt ich ein Glas warme Milch und auf den Tippel Umschläge.

     Anderntags wurde der Tippel vom Spitalarzt Dr. Bertha, in Gegenwart des Herrn Dr. Schmid und noch eines Herrn Doktor aufgeschnitten. Nach Entleerung von Blut und Eiter wurde der Tippel gereinigt, besalmt und überbunden. Vier Spital- oder Kreuzschwestern gingen  mit Salben, frischem und lauwarmem Wasser und schliesslich mit Verbandzeug zu Werke.

     Die Verpflegung 2. Klasse mittags  (194)  und abends war vortrefflich und stets mehr als genügend. Der Jausenkaffee am Morgen war recht gut, und zwischen Frühkaffee und Mittagsmahl gab es gute Suppe und eine Semmel. Die Schwestern waren sehr freundlich und sorgsam. Die Wunde wurde alle Tage von Herrn Dr. Bertha frisch überbunden, aber die Heilung derselben ging sehr lansam voran. Er erzählte mir, dass er, als er in Graz studierte, meine Bilder beim Ladenwirt auf der Ries gesehen uns sie ihm gefallen haben und dass er selbst gern zeichnete. Da beschloss ich, ihm einige meiner vorrätigen Bilder zu verehren.

     Am 22. Oktober zahlte ich für 21 Tage Verpflegung per Tag 1 Gulden 50 Kreuzer und an Trinkgeldern 1 Gulden 22 Kreuzer.

     Am 30. November kam der neue Bezirksrichter nach Aflenz und am 1. Dezember traf dessen Einrichtung auf Möbelwägen von Graz her ein. Nach dem Abladen derselben wurden unsere Möbel aufgepackt, welche am 6. Dezember per Bahn in Knittelfeld ankamen.

     Am 3. Dezember fuhr Herr Dr. Eduard Neuhold samt Frau und Tochter Grete und der Köchin von Aflenz fort. Sie kamen zusammen mit ihrer Tochter Hulda, die sich am zweiten Tag über Nacht bei einer Gräfin in Bruck aufhielt, gegen Abend nach Knittelfeld, wo die ganze Familie bis zur Ankunft der Möbel in einem Hotel bleiben musste.

     Vor der Abreise von Bruck am 3. Oktober war Herr Dr. Neuhold so gütig, mich im Spital noch vor der Operation zu besuchen. Auch kam Herr Wawrinek viermal zu Besuch, und da ich so gerne schnupfte, brachte er eine Portion Tabak mit. Am 22. Dezember nachmittags fuhr ich nach Leoben für 35 Kreuzer und kam gegen 5 Uhr dort an. Am 24. kam auch Major Plank mit Schwester Dominika dahin und am 26. Herr Dr. Neuhold. Bei Wawrinek wurde in den Weihnachtsfeiertagen herrlich geschmaust.

     Im Sommergger'schen Haus befindet sich eine Gastwirtschaft »Zur Stadt Graz«. Eine Tochter dieser Wirtin, Stefi, ist mit dem Herrn Steuereinnehmer in Knittelfeld verehelicht. Da dieses Ehepaar über die Feiertage bei der Mutter war, so wurde ich mit ihnen im Gastzimmer bekannt.

     Am 26. Oktober abends fing meine wahrscheinlich nicht gut verheilte Wunde zu schwitzen an. Daher reiste ich am 28. früh per Bahn für 40 Kreuzer nach Knittelfeld und traf dort um 11 Uhr am Bahnhof ein, wo ich von Herrn Dr. Eduard und Enkelin Hulda freundlich bewillkommt wurde. Edi fuhr mit diesem Zuge nach Judenburg und kam abends wieder zurück. Enkelin Grete Neuhold hatte mich auch recht freundlich empfangen und mich in das für mich sehr nett bereitete Zimmer gewiesen.

     Dr. Lichtenegger in Aflenz hat mir für den Fall, dass mir in Knittelfeld etwas fehlen sollte, den Dr. Pölz empfohlen. Am 31. ging ich zu ihm. Er besichtigte meine Wunde und verschrieb kalte Umschläge, die in der Apotheke 46 Kreuzer kosteten, aber vergeblich waren. (195)  Erst nach fortgesetztem Gebrauche einer Salbe wurde das Übel beseitigt. Ich blieb noch 20 Tage bettlägerig. Inzwischen konnte ich noch Briefe an meine Tochter in Wien schreiben und auch Briefe nach Karlsbad und Mureck schicken. Auch gab ich 3 Bilder für Dr. Bertha in Bruck auf die Post, dann noch 4 Bilder für die Maister'schen Töchter in Leoben und für Hans Sommeregger.

     Nachdem ich zu dem am 29. November 1890 zu Ehren des von Aflenz scheidenden Herrn Bezirksrichter Dr. Eduard Neuhold veranstaltetem Abschiedfeste wegen meiner heillosen Schmerzen nicht erscheinen und somit mich nicht verabschieden konnte, so schrieb ich an den Herrn Grabner und Kaufmann Petschaller mit der Bitte, alle Aflenzer von mir schönstens zu grüssen und mich bei allen zu entschuldigen. Mit dem Schreiben an Petschaller sandte ich ihm zwei Landschaftsbilder und für Lebzelter Schmölzer als Andenken zwei Figurenbilder.

     Daraufhin erhielt ich von Herrn Petschaller eine zarte und freundliche Danksagung. Auch von Herrn Dr. Bertha kam an mich eine sehr freundliche Zuschrift.

     Der im zweiten Buch meiner Erlebnisaufzeichnungen erwähnte Gastwirt Haas starb am 10. September 1990 90 Jahre alt.
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Samstag, 17. Juli 2010

79. Das Unwetter in Aflenz 11. August 1890

     Am 28. Juli machten ich und Ella einen Spaziergang, zwei Stunden weit bis Etmissl. Im August waren hier sehr scharfe Gewitter. Am 11. August blitzte und donnerte es den ganzen Tag. Um 8 Uhr abends war das Gewitter schon ganz furchtbar und es entlud sich vom Hochschab her über die Bürgeralm und die nächsten Hochgebirge ein fürchterlicher Wolkenbruch, welcher beinahe zwei Stunden dauerte. Ich war von jeher gewohnt, abends bei Gewitter so lange aufzubleiben und wach zu sein, bis sich das Gewitter verzogen oder ausgetobt hat.

     Als ich am nämlichen 11. August 1890 abends das herannahendes Gewitter bemerkte, legte ich mich in der ebenerdigen Wohnung angekleidet auf mein Bett. Gleich darauf rasselte es vor meinem Fenster, als ob mehrere Fuhren Steine abgelagert würden. Ich sprang auf und sah beim Leuchten der Blitze, wie vom Bürgergraben herab ein furchtbarer Strom Wasser daherbrauste und die grössten Bäume daherschwemmte. Wir hatten Angst, dass durch den Anprall so vieler mächtiger Hölzer, Steine und Geröll die westliche Seite des von uns bewohnten Hauses unterwaschen werden könnte, so dass ein Einsturz zu befürchten war. Daher flüchteten wir mit unseren wertvollen Sachen in die östliche Hälfte des Hauses. Grosse Massen von Bäumen, Bau- und Brennholz trug die rasende Flut mit sich und staute sich im Orte Aflenz stellenweise an den Häusern. In vielen ebenerdigen Wohnungen stand das Wasser nebst Schlamm und Geröll einen Meter hoch. Schöne Gärten wurden zerrissen und mit Geröll überschüttet. Erst am anderen Tage konnte man das wirklich grosse Unglück und die furchtbare Verheerung überblicken.


     Die schönsten Felder und Wiesen wurden massenhaft mit Steingeröll überflutet. Ich ging öfters in den ziemlich bergauf liegenden Bürgergraben spazieren und zählte so weit ich kam 23 Wehre, welche  (192)  dafür bestimmt waren, das beim Schmelzen des Schnees oder bei Regengüssen sich sammelnde Geröll aufzuhalten, so dass es nicht in den Markt herbkomme. Nun kann man sich von der Gewalt des entfesselten Elementes einen Begriff machen, da alle obigen Wehre nebst Brücken und Stegen verschwunden sind und der Bürgergraben in ein steinernes Meer verwandelt wurde.

     An einem Punkt war ein Tor mit starken Säulen, und es war ein grosses Wunder, dass sich an diesen Säulen eine grosse Masse Gerölls staute, sonst wären drei bis vier Häuser völlig zerstört worden oder weggerissen.

     Diese furchtbaren Regengüsse erstreckten sich über fünf gegen Süden ziehende Täler oder Gräben: St. Ilgen, sodann Fölz-, Bürger-, Jauring- und Feistritz-Graben. Ganz furchtbar sah es in dem beinahe zwei Stunden langen, mehr eben gelegenen Fölzgraben aus. Die Strassen wurden hie und da bei 2 – 3 m hoch weggerissen. Im Fölzgraben lagen ungeheure Mengen Holz, stellenweise fast 3 - 4 m hoch übereinander geschemmt. Der Fölzbach suchte dort und da ein neues Bett. Eine Mahlmühle und die Bodenstampfe wurden ruiniert und können erst nach vielen Monaten wieder benützt werden.

     Herr Graf von Meran hat in dieser Gegend grosse Jagdbarkeit und ein hübsches Jägerhaus. Zur baldigen Wiederinstandstellung der dorthin führenden und von der Überschwemmung gräulich verwüsteten Strasse hatte Graf Meran viele Arbeiter dahin beschieden. Alle vorher erwähnten Wässer nebst denen von Seewiesen und Turnau kommen im Ort Thörl zusammen. Alle Brücken daselbst bis Kapfenberg wurden zerstört. Zur Herstellung der Brücken kamen sogleich 50 Pioniere, da die Poststrasse fahrbar gemacht werden musste.

     Da um diese Zeit ungefähr tausend Personen Wallfahrer nach Maria Zell pilgern wollten und alle Brücken zerrissen und die Strassen schwer beschädigt waren, musste – statt über Aflenz – ein anderer Weg über das Gebirge gesucht werden. Bis die Wallfahrer später zurückkamen, konnten sie ja bereits wieder über Aflenz marschieren.

     Nicht mal die ältesten Leute konnten sich an keine so grosse Überschwemmung erinnern. Über alle vorgefallenen Verwüstungen liesse sich ein dickes Buch schreiben.

     In der Hauptstrasse in Aflenz bestehen vier Brunnen. Zu diesen fliesst das Quellwasser über Röhren vom Gebirge herab. Alle die schweren Tröge bei diesen Brunnen, die zur Viehtränkung stets mit Wasser voll gefüllt waren, wurden durch die Gewalt der Wasserflut fortgeschwemmt. Die Leitungsröhren gerieten teilweise aus der Lage, so dass grosser Mangel an klarem Wasser eintrat. Der der Kirche gegenüber befindliche Brnnen hatte noch klares Wasser, da er von der Überschwemmung verschont blieb.  (193)  Mit grösster Anstrengung und mit Pferden mussten die Brunnentröge sogleich wieder an Ort und Stelle geschafft werden.

     Aus nachbarlicher Freundschaft half ich dem Schneider Ortner einen halben Tag lang Wasser aus dem Keller zu schöpfen. Eine halbe Stunde aufwärts im Bürgergraben von Aflenz besteht ein vor mehreren Jahren in den Berg hineingebauter Keller mit Vorhalle. Auf dem geräumigen Vorplatz desselben sollte zur Unterhaltung der zahlreichen Sommerfrischler am 15. August ein Waldfest abgehalten werden. Das wurde aber wegen der Überschwemmung vereitelt und mehr als die Hälfte des Vorplatzes wurde vom Hochwasser weggerissen, so dass die verbliebene Hälfte vor einem 3 Meter tiefen Abgrunde stand. So wie alle Marktbewohner waren auch alle Sommergäste in grösster Bestürzung, daher auch mehrere der letzteren tunlichst abreisten. 
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Montag, 21. Juni 2010

78. Besuche in Leoben und Graz

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     Am 4. Mai 1890 war für den in Pension tretenden 83-jährigen Herrn Pfarrer eine grosse Abschiedsfeierlichkeit anberaumt. Die Feuerwehren von Aflenz, Grassnitz und Thörl zogen in Parade in den grossen Hof vor dem Pfarrhof. Die Musiker spielten einige Stücke. Beinahe alle zur Pfarre gehörenden Bewohner waren zugegen. Herr Bezirksrichter nebst Amtspersonale, Steueramt, Bürgermeister, viele anwesende Bürger und die Werksbeamten von Thörl etc. machten ihre Abschiedsvisite beim Herrn Pfarrer, welcher dann herabkam und tief gerührt dankte, da auch Herr Dr. Fürst eine Abschiedsrede hielt.

     Nach der Zeremonie wurde beim Bezirksgericht die erste gegründete Aflenzer Bezirkssparkasse eröffnet. Herr Dr. Euard Neuhold fungierte als Direktor.

     Auf Anregung des hier wohnenden Herrn Dr. Kutschera, der sich für die Anlegung der neuen Spazierwege sehr interessierte, wurde ein Kurverein errichtet.

     Nachdem nun bald Pfingsten heranrückte, kam mir wieder der Gusto, wie schon mehrmals, wieder nach Wien zu fahren. Mein Herr Sohn riet mir davon jedoch ab wegen meiner mehrfachen Unpässlichkeiten. Auch war wegen der ungestümen Witterung die Reise nicht ratsam. Als er aber sagte, dass zu Pfingsten Herr Major Plank mit seinen Schwestern, Frl. Domenika, nach Leoben kommen werde, so fuhr ich am 25. Mai dahin und hatte lange nicht mehr gesehene Verwandte meiner verstorbenen Gattin, Herrn Johann Maister, Hafnermeister in Pettau und dessen Gemahlin zu begrüssen. Sie kamen eben auf Besuch zu deren hübscher, freundlicher und mit einem gutherzigen Beamten zu Leoben verehelichten Tochter. Zur Bewillkommnung ihrer Eltern war auch sie am Bahnhof. Herr Plank und Mina kamen mit dem Abendzuge. Diese und ich wohnten bei der werten Familie Wawrinek, wo es allen vortrefflich ging. Herr und Frau Maister wohnten bei der Tochter.


     (190)  Die unfreundliche Witterung war auch hier so, dass nur Ausflüge in die nähere, dennoch herrliche Umgebung gemacht werden konnten. Am 27. Mai fuhren Herr Plank, Mina, Frau Wawrinek und Hans Sommeregger nach Vordernberg, machten von dort den vier Stunden weiten Weg zu Fuss zu dem berühmten grünen See und kamen abends wieder nach Hause.


     Am 29. Mai fuhren Herr Plank und Frl. Mina nach Graz. Und weil ich nach zwei Jahren meine Vaterstadt wieder sehen wollte, fuhr ich mit der Bahn ebenfalls nach Graz und zurück und zahlte dafür 2 Gulden 8 Kreuzer. Ich speiste dort zu Mittag bei Kathi Stadler, Zimmermädchen beim pensionierten Oberst, Herrn Belegishanin. Während dem Essen entlud sich über der Stadt ein heftiges Gewitter, der Blitz schlug dreimal ein, ohne jedoch zu zünden.


     Zweimal sass ich zu Mittag bei Herrn Plank. Ich benützte die Pferdebahn bis zum Hilmteich und zurück, besah auch die Warte auf der Höhe, und am Grab meiner unvergesslichen Gattin kamen mir die Tränen. Ich glaubte, im vernichteten Johanneum-Garten schon einige Neubauten zu erblicken, aber es war erst ein Haus zum Bauen angefangen.

     Zwei Nächte schlief ich in der Wohnung der Frau Ressler, meiner im Jahre 1830 gewesenen Kranzljungfer. Sie war inzwischen 78 Jahre alt geworden, schon sehr altersschwach, und kam wegen Mattigkeit der Füsse seit mehreren Monaten nicht mehr aus dem Bette. Ich wurde bei ihr abends und morgens mit vortrefflichem Kaffee bewirtet. Ich wollte den Herrn Franz Kiebeger, Nachfolger des ehemaligen Seifensieders Knaupert Valentin besuchen. Da aber in dessen Haus um 7 Uhr früh noch Stille war und mir niemand begegnete, so war ich in der Meinung, es schläft noch alles oder jemand ist krank. Frau Ressler sagte mir, dass ihr Bruder Knaupert, Seifensieder in Leibnitz kürzlich verstorben ist. Er war 74 Jahre alt.

     Am 31. Mai fuhr ich von Graz wieder nach Leoben, wo ich für Wawrinek 3 1/2 Tage lang mit Reparaturen schadhafter Nähschatullen und Kartandeln beschäftigt war. Ich sah dort auch zwei goldene Hochzeiten, eines Eisenwerksarbeiters ud eines Zimmermeisters. Am 4 Juni 1890 erlebte ich meine 83. Geburtstag und am 7. Juni reiste ich wieder nach Hause. Am 30. Mai ist Herr Maister samt Frau zurück nach Pettau gereist. Für Sonntag, den 8 Juni hatte ich drei Körbe Brennholz zu besorgen. Dann machte ich nach und nach Kuverts für die Aflenzer Sparkasse und den Kurverein. Der erwähnte Franz Kienberger starb am 22. Juni 1890, 59 Jahre alt, am Speiseröhrenkrebs.

     (191)  Am 31. Oktober 1890 schrieb ich wieder weiter an meinen Aufzeichnungen. Am 9. Juni kam ein Klafter Holz. Wenn Sträflinge vorhanden waren, hatten diese das Brennholz mit der Säge zu zerschneiden, welches ich dann mit der Hacke zerkleinerte. Seitdem jedoch Verpflegungsstationen errichtet worden waren, wo die reisenden Allmosenempfänger verpflegt wurden, kamen keine Bettler oder Vagabunden mehr zur Haft, und so kam die ganze Holzarbeit auf mich.

     Dann und wann hatte auch der Herr Bezirksrichter einige Scheiter durchgesägt. Vom 9. Juni 90 bis Ende Oktober wurden 5 Klafter verbraucht. Am 13. Juni kam meine Enkelin Ella Hajek von Wien mit ihren Mädchen von 3 und 4 Jahren hierher auf Besuch. Diese Kinder hatten kurz vorher in Wien die Masern überstanden. Sie kamen hier in Waldes- und Gebirgsluft sehr zu Kräften.
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Dienstag, 8. Juni 2010

77. Wie ich mich selber kurierte

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     Nach eingetretener Pause schreib ich erst am 13. Jänner 1890 weiter.

     Am 21. Juni 1889 fuhr ich von Wien mittags ab nach Bruck. Früher fuhr ich direkt nach Graz, wo ich mich stets einige Tage aufhielt, und zwar bei den Eheleuten Johann und Elise Wawrinek. Da diese aber nach Verkauf ihres Hauses für 15 000 Gulden, und des Warenlagers nach Leoben übersiedelten, fuhr ich statt nach Graz mit der Tour-Retour-Karte für 64 Kreuzer nach Leoben, wo ich am Bahnhofe von allen Bekannten freundlich bewillkommt wurde. Tags darauf fuhren Wawrinek's nach Graz, um das Einpacken ihrer Möbel und den Transport derselben nach Leoben zu besorgen. Ich musste bis zu deren Rückkunft dableiben und unterhielt mich mit den Sommereggschen Kindern Elsa, Hans, Viktor, Hulda und Erika. Nach sechs Tagen kamen beide Eheleute zurück. Ich musste noch dableiben bis zur Ankunft der Möbel. Die Hälfte meiner Fahrkarte verkaufte ich am Bahnhof an einen nach Bruck fahrenden Reisenden für 30 Kreuzer.

     Nach weiteren vier Tagen hatten vier starke Dienstmänner die Möbel vom Bahnhof herein in den 2. Stock des Sommeregg'schen Hauses zu schleppen. Ich hatte vollauf zu tun, die 27 Kolli in Papier und Stroh sorgfältig gepackten und in Sackleinen eingenähten Spiegel, Bilder, Tische, Lampen, Kästen etc. aufzumachen.

     Ich hätte noch länger dableiben können, aber eine geheime Ahnung zog mich fort. Und so fuhr ich am 3. Juli per Bahn nach Bruck und von dort um 1/2 9 per Post für 1 Gulden 60 Kreuzer mit dem Postillon nach Aflenz, nachdem ich von dort 26 Tage abwesend war.


     Nachdem ich schon seit langer Zeit in der grossen Zehe des rechten Fusses dann und wann Schmerzen verspürte, hatte ich für die Reise nach Wien ein Fläschchen Slivovitz für Einreibungen mitgenommen, was für die 25 Tage wirklich nötig war. Merkwürdig aber, kaum zu Hause angelangt, liess der heftige Schmerz ganz nach und meldete sich nicht mehr.

     Im Auftrag des Herrn Karl Kreft in Graz hatte ich sogleich für den Notar Schönstein im Cillier Kreise 300 Kuverts für Sparkassenbüchl zu machen. Für Herrn Gmeiner in Bruck machte ich 100 Sparkassenbüchlkuverts und 80 lange Kuverts. Dem Kaufmann Hatzmann in Thörl hatte ich 1100 Kuverts gemacht, und bei den Sommerfrischlern in Aflenz habe ich einige Pakete angebracht. (188) Seit ich hier bin, habe ich bis Ende 1889 21054 Kuverts verkauft.

     Wegen mehrfacher Beschäftigungen an der Fortsetzung meiner Erlebnisse verhindert, kam ich erst am 24. Juni 1890 zum Weiterschreiben. In einem Brief an Karl Kreft über die Sendung der Kuverts nach Schönstein ersuchte ich ihn um fernere Aufträge. Zu meinem Bedauern jedoch las ich in der Zeitung von seinem Ableben im 59. Lebensjahre. Mir war es sehr leid um ihn, da ich ihm sehr viele Kuverts brachte.

     Für die Tombola am Sylvesterabend machte ich wieder eine grosse Schachtel mit 27 kleineren Schachteln, dann einen zierlichen Wandkorb, und gab noch ein Bild in Goldrahmen «Residenzplatz in Salzburg» dazu und deklamierte wie gewöhnlich ein Paar Stücke.

Von Anfang Winter liess der Herr Bezirksrichter, Herr Dr. Eduard Neuhold in unserem Obstgarten eine Eisbahn errichten, auf welcher sich die Herren Beamten, Geistlichen und mehrere Bürger, so lange das Eis anhielt, sich mit Eisschiessen trefflich unterhielten.

Wegen Preiserhöhung der Zigarren gewöhnten sich mehrere Raucher an Tabakspfeifen. Und da der Pfeifenclub am Faschingssonntag in Franz Wiegers Gasthaus einen Juxabend veranstaltete, malte ich hierzu auf starkes Papier ungefähr 2 m hoch und 1 1/2 m breit das alte Lied «Vom blauen Hansl» in 36 Figuren und trug das Bild wie eine Art Moritat vor, welches allen gefiel.

     Als der gefrorene Boden aufgetaut war, wurden über den nächsten Berg wieder neue leichte, gangbare Wege hergerichtet und mit vielen Bänken und Tischen versehen. Alle Wegweiser zu angenehmen Punkten: Waldhauch, Koplitz-Brunnen, Augusten-Ruhe, Elisen-Brunnen, zum Pierer, Finareck, zur Wald-Idylle, zum Bürger-Graben. An geeigneten Stellen wurden beschriebene Blechtafeln angebracht, wonach sich die Sommerfrischler beim Besteigen der Berge überall zurecht finden können. Ein Weg führt auch in den Fölzgraben. Am Anfang all dieser Wege befindet sich eine schattige Laube mit der Bezeichnung «Kaffee-Haus zum Terziären Affen».

     Gleich nach Ostern befiel mich ein so heftiger Lungenkatarrh, an dem ich wohl viel zu leiden hatte. Der entsetzliche Krampf- und Keuchhustenkatarrh marterte mich Tag und Nacht mehrere Wochen lang. Ein benachbarter Sattlermeister hatte die nämlichen Zustände und sein Arzt sagte, dies wären die Nachwehen zur Influenza. Diese Krankheit belästigte vor vielen Jahren unter dem Namen Grippe fast die ganze Stadt Graz. Als ich den Anfall auch an mir wahrnahm, schleppte ich aus der Holzlage ein dickes Buchenscheit in meine Wohnung im 4. Stock und hobelte daran aus Leibeskräften, so dass mein ganzer Körper in tüchtigen Schweiss gebadet war. (189)  Nach Anziehen eines frischen Hemdes waren alle Anzeichen der Grippe verschwunden.

     Als im März 1890 in Aflenz die dumme Krankheit Influenza auftauchte, war ich der erste, den sie packte. Aber sogleich griff ich nach der Holzsäge und schnitt mehrere dicke Scheiter durch mit aller Kraft, so dass ich enorm ins Schwitzen kam. Wieder nahm ich ein frisches Hemd, und das Übel war ganz weg. Währenddem kämpften manche Familien wochenlang dagegen an, so dass selbst die Ärzte wegen Überanstrengung marod wurden. Bezüglich meines qualvollen Keuch- und Krampfhustens erwartete ich schon mit Sehsucht, dass im nahen Walde die jungen Fichtensprossen hervorkämen. Ich pflückt davon eine Menge und kochte davon einige Tage lang morgens und abends eine Handvoll, trank dann diesen Tee, und nach zwei Tagen war der grosse Husten vorüber. Ich konnte nun wieder Kuverts machen.
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Sonntag, 30. Mai 2010

76. Wieder kam mich die Reiselust an

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     Für die Tombola am Silvesterabend 1888 hatte ich eine grosse Schachtel mit 27 kleineren, dann einen Hampelmann und aus König Ludwigs Album den prächtigen Stahlstich «Christus mit seinen Jüngern im Seesturm» beigesteuert. Dazu habe ich 3 kleinere Gedichte deklamiert.

     Am 21. September 1888 sandte ich an Karoline Hauzendorfer, Handelsfrau in Greifenburg in Oberkärnten, eine grosse mit 27 kleineren Schachteln. Nachdem ich darauf  keine Antwort erhielt, wünschte ich dieser Cousine zu Ostern 1889 angenehme Feiertage, worauf sie mir 2 Halbliter selbst erzeugten Schwarzbeer-Branntwein und 3 Paar Kärntner Salami sandte und zugleich bekannt gab, dass sie wegen langer Krankheit an mich zu schreiben, verhindert war.

     Seit vielen Jahren war in Aflenz kein so schöner Mai wie 1889. Es war abwechselnd warm, dann Regen und warm und wieder Regen und warm. Wiesen und Felder und die Obstbäume zeigten sich herrlich, dass es eine Freude war. Auf dem erwähnten Zickzackweg wurden Kastanienbäume gesetzt, welche sich aber auf dem schlechten Boden nicht üppig zeigten.

     Im heurigen Fasching wurde in Aflenz ein Ball unter dem Namen «Narrenabend» veranstaltet. Jeder hierzu Geladene konnte in beliebiger Kleidung erscheinen. Und so kamen die meisten in wirklich hübschen Kostümen: Der Herr Bezirksrichter als Beduinenhäuptling, dessen Tochter Hulda als Tirolerin, die Medizindoktorsgattin als Amazonenhäuptling, er selbst als altdeutscher Magister und meine Wenigkeit als Landstreicher. Ich bin nicht imstande, all die hundert Masken zu beschreiben.

     (185)  Diese grossartige Unterhaltung wurde im Hotel Gasthaus und Fleischerei Marie Wieser bei netter Musik abgehalten. Die feschen und unermüdlichen Tänzer und lieblichen Tänzerinnen hielten an bis es Tag war.

     Am Aschermittwoch darauf war der so genannte Häringsschmaus. An diesem Abend hielt der Gesangsverein von Thörl und Aflenz eine sehr gelungene Liedertafel ab. An beiden Festen war die Unterhaltung und die Stimmung grossartig.

     Nun kam mir gegen Pfingsten, wie schon dreimal vorher, wieder die Lust an, mit dem von Graz nach Wien abgehenden Zug mitzufahren. Dieser Zug wurde gewöhnlich schon acht Tage vorher in den Grazer Zeitungen, sowie durch die in den Postämtern ersichtlichen Plakaten bekannt gegeben, diesmal jedoch nicht. Um hierüber Gewissheit zu erlangen, ersuchte ich mit doppelter Korrespondenzkarte am 4. Juni den Herrn Stationschef in Kapfenberg um sofortige Bekanntgabe, ob kommenden Samstag vor Pfingsten am 8. Juni abends wohl ein Vergnügungszug abgeht oder nicht; denn ich sollte nach zweimaliger brieflicher Anfrage meiner Enkelin Hayek bekanntgeben, ob ich zu den Pfingstfeiertagen nach Wien kommen werde. Nachdem ich aber bis 7. Juni mittags von Kapfenberg keine Antwort erhielt, so schrieb ich an Ella, dass meine Abreise unbestimmt sei.

     Am 7. Juni abends um 8 Uhr erhielt ich durch den hiesigen Fuhrknecht die Antwort des Stationschefs, dazu ein Plakat für den Postmeister in Aflenz; so erfuhr ich also, dass der Vergnügungszug wie gewünscht verkehrt. Da abends von Aflenz nach Kapfenberg keine Fahrgelegenheit abging, musste ich nun um 3 1/4 Uhr mit dem Eilwagen für 1 Gulden 28 Kreuzer fahren, mit dem ich dort um 6 Uhr abends ankam. Aber 6 Stunden auf den um 12 Uhr nachts ankommenden Zug zu warten, ist wirklich lästig.

     Diesmal fuhr nur ein Zug, aber dieser war gedrängt voll. Ankunft in Wien war um 6 Uhr früh. Herr Hayek wollte mich dort in Empfang nehmen, wir hatten uns aber bei dem Gedränge am Südbahnhof beide ganz übersehen. So ging ich also zu Fuss in die Maria-Hilfer-Strasse Nr. 41 zu Hayek.

     Meine Tochter Marie, verwittwete Schidan, welche bisher bei den Kindern der Ella die Obsorge hatte, ist mit Zustimmung der Ella am 28. März 1889 zu einer reichen und vornehmen Familie in Wien als Kinderfrau eingetreten. Sie schrieb mir, dass es ihr sehr gut ginge, dass sie delikate Verpflegung habe, keine Anstrengung und monatlich 15 Gulden Lohn bekomme. Ihre Herrschaft hat in Markt Schönhübel bei Melk an der Donau eine eigene Besitzung, im Volksmund «Taverne» genannt, ein geräumiges ein-Stock-hohes Haus in schönem Garten auf einem sanft ansteigenden hohen Berge mit herrlicher Aussicht über die Donau und nach Melk.


     (186)  Ich hatte von der Tochter Marie und ihrer gnädigen Frau, welche mit ihrem Gatten und einem einjährigen Knaben eben auf ihrer Besitzung in der Sommerfrische waren, die Einladung bekommen, falls ich nach Wien kommen sollte, die Reise nach Schönhübel zu machen. Ich nahm nun am 16. Juni am Westbahnhof eine 8 Tage gülige Tour-Retour-Karte nach Melk für 2 Gulden 80 Kreuzer.  Abfahrt war um 6 Uhr früh, Ankunft in St. Pölten um 8:46, Abfahrt und schliesslich Ankunft in Melk um 10:08 Uhr.

      Da mir aber auf die Abfahrt der Post nach Schönhübel bis um 12:50 Uhr zu warten, nicht behagte, machte ich den Weg dahin zu Fuss, wo ich gegen 12 Uhr mittags in der grössten Hitze ankam und von der Herrschaft freundlich empfangen wurde. Ich hatte dort mein eigenes Zimmer, und die gnädige Herrschaft besuchte mich zweimal und fragte mich, wie es mir geht.

     Am 16. Juni, Sonntagnachmittag machte ich mit Marie eine Fahrt per Dampfschiff stromabwärts nach dem nächsten Ort Aggsbach, pro Person für 25 Kreuzer. Indessen war das Kind der Herrschaft, ein einjähriger herziger, freundlicher Knabe beim Zimmermädchen in Obsorge geblieben.

     Sehr angenehm ist die Aussicht über die Donau und nach Melk. Viele Flosse mit Brettern beladen fuhren gegen Wien. Von Aggsbach zurück machten wir einen Weg, eine gute Stunde zu Fuss, und dabei auf halbem Wege überraschte uns ein tüchtiger Regen.

     Montag nach Tisch nahm ich Abschied von allen mit vielem Dank, bestieg an dem unterhalb der Pfarrkirche befindlichen Landungsplatz das Dampfschiff und fuhr nach Melk, und um 3:20 per Bahn nach Wien, wo ich gegen 7 Uhr ankam.

     Dort stiefelte ich mit meinen alterssschwachen Füssen – 81-jährig – halt langsam aber viel herum. Mitunter benützte ich die Pferdeeisenbahn, war zweimal im herrlichen Prater, dann auch in Schönbrunn. Von dort machte ich den Rückweg zu Fuss, trank in Fünfhaus guten und billigen Wein, 1/8 für 4 Kreuzer österreichische Währung, sowie im Prater so genanntes Abzugsbier, den 1/2 Liter für 7 Kreuzer.


     Von Herrn Knap, Hayeks Schwager, erhielt ich eine Karte zu ermässigtem Preis für 20 Kreuzer zum Besuch des berühmten Panoramas im Prater. Meine Augen sind jedoch so schwach und kurzsichtig, dass ich von dem grossartigen Schlachtengemälde nichts ausnehmen konnte und mir um die 20 Kreuzer leid war.


    Am 20. Juni war ich mit Herrn Hayek in der Kärntnerstrasse auf der Frohnleichnamsprozession. Voraus kam eine grosse Menge Stiftsknaben, dann die Geistlichkeit aus allen Pfarren mit unzähligen Fahnen, alle kaiserlichen Ämter, alle Hofämter und Chargen, Magnaten und Kavaliere in reichen, goldstrotzenden Uniformen, die deutsche und die ungarische Leibgarde und dann kam die Dompfarre mit den Musikern und Sängern und dem Hochwürdigsten unter dem Himmel,  (187)  und gleich hinter demselben Seine Majestät, der Kaiser, alle Behörden etc. Um den Himmel und dem Kaiser war die Hofburgwache und den Schluss bildete eine Abteiung berittener Husaren, mehrere Battalions Infanterie standen überall Spalier.



     Mir kam es sonderbar vor, dass nach dem Himmel oder nach dem Kaiser nicht eine Person sonst so vieler tausender andächtiger Betender nachkam. Mir schien, dass das Ganze nur eine Schaustellung war.
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Mittwoch, 26. Mai 2010

75. ... wo wohl sehr viel geweint wurde.

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    Nun galt es wieder, allen Fleiss anzuwenden. Vom 10. Juni bis 29. Juli stand ich täglich um halbvier Uhr früh auf. Am 18. Juni sandte ich nach Graz 29 Pakete Kuverts à 25 Stück, am 12. Juli an Herrn Gmeiner 1600 Kuverts und am 29. Juli wieder nach Graz 1240 Kuverts, am 29. Juli dann an Herrn Kohlfürst in Pallersdorf 350 Kuverts. Inzwischen hatte ich für die Gebirgsvereinsektion Aflenz zur Orientierung für Sommerfrischler und Touristen 20 Plakate über den Markt Aflenz samt Umgebung auf Pappendeckel zu kaschieren, ausserdem 4 Pläne dieses Marktes.

     Zum Empfang der Sommergäste wurden alle Vorbereitungen getroffen. Es war wirklich zu bewundern, dass bei der fortwährend rauhen und unfreundlichen Witterung des heurigen Sommers noch jemand hierher anreiste. Und doch kamen sehr viele, die sich mehrere Wochen hier aufhielten und an den seltenen regenfreien Tagen nach allen Gegenden um Aflenz Ausflüge machten. (183)  Am 1. August kam selbst der Herr Statthalter Baron Kübek. Er wohnte im Pfarrhof und begab sich am 23. August wieder nach Graz.

     Im Frühjahr 1888 wurde eine pfarrherrliche, bergauf liegende, nahe Wiese als Spazierweg angelegt und mit Schlingpflanzen eingesäumt. Da jedoch unaufhörlich Wind herrschte und drei Wochen lang kein Regen kam, verdorrte der grösste Teil. Obwohl der September sehr schön war, entfernten sich die fremden Gäste nach und nach. Der im Oktober schon eingetretene Winter war im ganzen sehr streng, aber es gab wenig Schnee.

     Unbegreiflicherweise überfiel mich am 2 Februar 1889 plötzlich ein äusserst heftiger Katharr und ich musste leider wieder medizinieren. In der Magengegend fühlte ich Schmerzen zum Verzweifeln, und der Husten war so gewaltig, dass es mir vorkam, als wollte das ganze Eingeweide heraus. Nach drei Medizinen entsagte ich deren ganz und liess mir ein Leinsamen-Köchel bereiten, welches ich in der Gegend des Magens anlegte, wonach die grossen Schmerzen bedeutend nachliessen. Ich fühlte wohltätige Linderung und nur ein kleines Hüsteln hielt noch ein paar Wochen an.

     Anfangs Jänner 1889 hatte ich erst den Doktor für die Behandlung meiner erwähnten Krankheit mit 18 Gulden bezahlt. Die Ärzte kosteten 30 Gulden.

     Seit vielen Jahren waren wir in Graz mit dem Schuhmachermeister und Hausbesitzer Wawrinek bekannt, welcher mit Elise Fischer, einer Tochter der Schwester meiner Ehegattin, verehelicht war. Seine Tochter aus erster Ehe namens Marie heiratete den strebsamen Lederhändler Johann Sommeregger in Leoben, welche, wie erwähnt, Anfang 1880 an Magenbeschwerden litt und 1888 am Magenkrebs starb.

     Die erwähnte Tochter des Herrn Wawrinek aus der zweiten Ehe, namens Elsa, verehelichte sich im Jahre 1886 mit dem jungen Finanzministerialbeamten Maier v. Myztenhain. Sie gebar einen Knaben in Eien und starb am 4. März 1888 plötzlich wegen heftigem Blutandrang zum Gehirn.

     Die Gattin des Herrn Sommeregger war über die böse Krankheit ihres Mannes und über die Strapazen hierbei so ergriffen, dass sie lungenleidend in Bad Gleichenberg Hilfe suchte. Ihr Leiden wurde ungeachtet aller möglichen ärzlichen Bemühungen immer grösser. Endlich am 28. April 1889 wurde sie durch den Tod erlöst. Während ihrer schmerzhaften Krankheit waren Herr und Frau Wawrinek abwechselnd immer zugegen. Man kann sich die Trauer und den Schmerz des Ehepaares über den Verlust ihrer teuren Kinder vorstellen, für die sie wohl sehr bedeutende Opfer gebracht hatten.

     Da mein Sohn, der k.k. Bezirksrichter in Aflenz, dessen Amtsgeschäfte zu Anfang und am Ende jeden Monats mehr zeitraubend sind, zum Begräbnis der verstorbenen 40 Jahre alt gewesenen Frau Marie Sommeregger nicht kommen konnte, so fuhr ich allein nach Leoben, wo der Leichenzug am 30. April, 5 Uhr abends nach dem sehr entlegenen Kommunalfriedhofe zog, (184) wo wohl sehr viel geweint wurde.

     Von Graz waren auch Herr Major Plank und Kaufmanns Frau Hellmann zugegen, welche tags darauf wieder zurückfuhren. Ich aber blieb noch einen Tag und fuhr um 6 1/2 früh per Bahn für 42 Kreuzer nach Bruck und dann per Post für 1 Gulden 40 Kreuzer und 20 Kreuzer für den Postillon nach Aflenz.

     Frau Wawrinek ist laut Testament ihrer Stieftochter als Erzieherin und Herr Wawrinek gerichtlich als Vormund der 5 lebhaften und intelligenten Kinder, 2 Knaben und 3 hübsche Mädchen, bestimmt worden. Das Lederhandelsgeschäft wird von Alois Sommeregger, Bruder des Verstorbenen, auf eigene Rechnung fortgeführt.
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