Montag, 11. Januar 2010

18. Bei Madam Fels in Wien

(43)  Bei der 2. und 3. Stellung kam ich wieder frei durch, erhielt ein Wanderbuch und fuhr mit allem versehen auf dem Kutschbocke des Landkutschers nach Wien.

     Ich freute mich schon ein wenig, die Welt zu besehen und wollte erst in sechs Jahren wieder heim. Aber es kam anders. Unterwegs sah ich auf Sparsamkeit. Als ich mich jedoch in Neunkirchen abends erkühnte, Suppe, Braten, ein Seitl Bier, eine Semmel und Bett zu begehren, wurden dafür unbarmherzig 3 Gulden 45 Kreuzer verlangt. Vergebens erklärte ich der Wirtin, dass ich bloss allein für mich zehre, dass der Kutscher seinen Teil selbst zahle, dass ich ein armer Handwerksbursche sei und sie sich geirrt haben müsse. Da nahm die Unverschämte die Kreide und rechnete speziell 1 Gulden für den Wein, 1 Gulden fürs Bett, 1 Gulden für die Suppe und für die Semmel 45 Kreuzer. Ich hatte wie gesagt, nicht den Mut, laut dagegen zu protestieren, ich musste zahlen, merkte mir aber dieses Diebesnest.

     In Wien nahm ich mein Absteigquartier in der Stadt, an der Liliengasse, bei der erwähnten Putzmacherin Fels. Deren Verwandte Pepi Schwarzmann, Wagnerstochter von Wienhaus, ein hübsches Wesen mit einem Engelsgesichtchen, freundlichen Augen und lieblichem Benehmen, nahm mir gleich meine Effekten ab und freute sich, dass der Grazer Johann, von dem schon lange die Rede war, einmal da wäre.

     Frau Fels hatte den ganzen vierten Stock mit acht Zimmern inne. Ein alter, pensionierter Herr Panzelt, ein Professor der italienischen Sprache, und ein reicher, junger Schottländer waren ihre Zimmerherren, welche Fortepianos in ihren Wohnung hatten. Im ebenerdigen Putzmacher Gwölbe arbeiteten acht Mädchen, welche, mehrerer Sprachen kundig, mittags nebst obigen Herren mit bei Tische waren. Das gab eine Konversation wie nichts Zweites. Wenn der Professor eine Frage auf italienisch aufstellte, antwortete eines der Mädchen französisch, sprach der Schottländer wie gebrochen Deutsch, so erwiderte ein anderes Mädchen englisch, und so fort.

     Madam Fels, eine sehr achtbare fünfzigjährige Frau, war schon viele Jahre von ihrem Gatten getrennt, lebte mit dem bereits erwähnten Josef Prücker, welcher, ein Schwabe im gleichen Alter, für sich ein grossartiges Greisslergeschäft betrieb und als grosser Spassvogel bei wohlbesetztem Tische immer den Ton angab. (42a) Die armen, liebenswürdigen Mädchen mussten zwar oft über dessen manchmal zweideutigen Vorträge erröten. Zwei- bis dreimal wöchentlich war nach dem Abendessen Unterhaltung; in den Salon wurde ein Piano geschoben, worauf die Herren und die Mädchen abwechselnd spielten. Da wurde oft eine halbe Nacht getanzt. Da ich aber einmal auf dem gewichsten Parkett ausrutschte, da lag und derb ausgelacht wurde, tanzte ich nicht mehr, sondern begleitete die Musik mit der Flöte.

     Ich hatte hier schöne Tage, jedoch auch peinliche Stunden erlebt, indem ich wegen der steirischen Sprache Unbeholfenheit und Schüchternheit von den Mädchen – echte Wiener Naturen – sehr viel zu leiden hatte. Ein fescher Schmetterling hätte hier die beste Gelegenheit gehabt, unter niedlichen Blumen herumzuschwärmen. Jeden Abend musste ich die zwar nicht sehr hübsche, aber zeitweise höchst gebildete und gemütliche, in einer fernen Vorstadt wohnende Fanni Brunner nach Hause begleiten.

     Inzwischen lief ich alle 86 Bindermeister, dann Kaufleute, Zuckerfabriken, Weinhändler und Warmbadeanstalten, wo Binder benötigt werden, ab, um Arbeit zu finden, jedoch vergeblich; und damit die Zeit verging, schleppte ich Schubkarren-Frachten für die Mam Theres und für Herrn Prücker von der Hauptmaut, dann aus dessen Greisslerei Waren zu den Kunden, wobei ich mir manchen Tag einen Gulden verdiente.



     Prücker war auch ein Freund von zweideutigen Bildern, und in müssigen Stunden wurde ich von ihm zur Verfertigung solcher beauftragt. Einst sah er in einer Auslage ein Bild, wie ein Kaminfeger beim Waschtroge stehende Wäschermädl Rauchfangkehrerarbeit verrichteten. Da ihm die unbedeckten Schenkel der über die Leitern steigenden Mädchen und deren Korpulenz so sehr gefiel, so musste ich diese Zeichnung betrachten und aus dem Gedächtnis nachmachen. Und er trieb mit der Kopie bei den Mädchen nach Tisch seine Possen.

     Als Fanni Brunner bei einer Fürstin vom Haus Machard d'Mode eine Stelle erhielt, veranstalteten Prücker und Fels ein grossartiges Valette, wozu ich ein passendes Abschiedsgedicht verfasste, welches mehrfach auf Goldschnittpapier zierlich geschrieben und unter die Gäste verteilt, allseits als gelungen gelobt wurde.

     (43a) Frau Fels hatte noch zwei niedliche Nichten bei sich, davon ich die ältere mit Bleistift acht mal porträtierte. Bei obigem Feste wurden auch diese Zeichnungen verteilt.

     Da gerade Fasching war und jeden Abend bei einem anderen der vielen Gesandten grosser Ball gegeben wurde, versäumte ich ja nicht, mich an den Portalen zu postieren, um die Auffahrt der vielen hohen Herrschaften zu sehen, da ich an dem Anblicke der reich geputzten, eleganten Damen Gefallen fand. So nett und nobel die ganze Einrichtung, Verköstigung und angenehm die Gesellschaft bei Frau Fels war, so schlecht und unbehaglich war meine Liegestatt in der eiskalten Küche. Streckte ich mich aus, reichte die als Hülle vorhandene kleine Federtuchent nur bis zum Knie. Lag ich auf der Seite, waren Knie und Hinterteil unbedeckt und ich musste durch lange, dicke, wollne Strümpfe meine Füsse vor dem Erfrieren zu schützen suchen.

     Zwei Wochen vor Ostern fand ich endlich Arbeit in der Vorstadt Neubau. Der Meister Vinzenz, ein Mährer und Wittwer, hatte ein störriges und brummeliges Wesen, zwei erwachsene, fade Töchter und einen Sohn, der auch als Binder zu Hause arbeitete, dann noch zwei Gesellen, einen Schwaben und einen Böhmen.

     Vier Gehilfen arbeiteten teils in der Stadt im Verkaufsgewölbe oder an den Wasserbottichen auf den Dachböden der Häuser und Kirchen. Wenn ich dann von einem Turmfester aus die massenhaften Frühlingsspaziergänger nach allen Seiten hin erblickte, ergriff mich namenlose Sehnsucht hinaus ins Freie, nachdem durch den ganzen Fasching nasses Schneewetter war und keine weite Partie unternommen werden konnte.

     Am Karsamstag Nachmittag hatte ich frei und ging mit dem Schwaben in zwei Kirchen zur Auferstehung, dann nach Döbling, wo sein Schwager Bieragent war. Und der Schwabe sagte, dass er über Ostern dort bleibe, und ich ging zurück.

     Am Ostersonntage wartete ich in unserem Gesellenzimmer in einem Buch lesend, auf das Mittagsmahl. Es wird 12 Uhr, 1 Uhr, 2 Uhr und mein Magen brummte. In der Küche prasselte und brodelte es gewaltig, aber noch immer keine Anstalt, den Tisch zu decken und zum Speisen zu rufen. Auch konnte ich nicht begreifen, warum keiner von den Gesellen da war. Da stürmte der damische Meister herein, auf was ich warte? Bescheiden erwiderte ich, dass ich zur Teilnahme am Mittagstische bereit sei. (44) Da schrie er, ob mir der Schwabe nichts gesagt habe, dass es an den Festtagen keine Kost gebe, dass er für die zwei Ostertage dem Schwaben für ihn und für mich zwei Gulden (Wiener Währung) verabreicht habe und dass ich nun essen könne, wo ich wollte.
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Sonntag, 10. Januar 2010

17. Eine derbe Auseinandersetzung - Meine Rekrutierung


(41)    Ich war als Knabe beim Besuche der Pfarrschule der Mitschülerin Josefa Beinholz, Geschirrfabrikantenstochter, besonders zugetan. Die Zuneigung zu der nun üppig herangewachsenen Pepi entflammte, während ich bei der Binderei war, in die einfältigste platonische Liebe, obwohl ich wusste, dass meine Eltern der Pepi viel zu nieder waren. Doch verhoffte ich mit der Zeit eine günstige Wandlung. Die Handwerkszunftgebräuche kamen mir äusserst lächerlich vor und so mochte ich an den sonntägigen Saufereien der Gesellen nicht teilnehmen, und umgekehrt, mich nach meiner Sparsamkeit lieber mit Zeichnen, Malen, Dichten, Theater und Flötenspiel beschäftigen.

     Da einst an einem Sonntag «Der Bauer als Millionär» gegeben wurde, hatte Pepi Sehnsucht, dieses Stück zu sehen. Sie nahm noch zwei Freundinnen mit. Und ich, um mich sehen zu lassen, nahm natürlich Parterre-Billette, und nachträglich für Pepi noch einen Sperrsitz. Und da die Hitze im Theater Durst machte, wurde meine beschränkte Kasse in einem Gasthause nochmals in Anspruch genommen. Dieser Abend hatte mir die mit meinem Spargeiste unvereinbarlich enorme Summe von 7 Gulden gekostet.

     Des Meisters zweiter Sohn Franz, ein von seiner Mutter überaus verzogener, roher Bursche, war auch zur Binderei bestimmt. Einst hatte ich für den Kaufmann Blümel ein Fussbadgefäss in beiläufiger Form eines Stiefels zu verfertigen, wozu ich das feinste Holz und das schönste Werkzeug benötigte. Als ich das für den Boden des Stiefels vorbereitete Holz in Arbeit nehmen wollte, sah ich, wie dasselbe vom Wildfang Fanz eben zu einer odinären Arbeit verhackt wurde. Als ich ihn darüber zur Rede stellte, stach er mir mit meinem erst geschliffenen Schnitzer in die Weiche. Mein Schneiffleck, mein Schurzfell und der doppelt um die Mitte anliegende Schannelriemen darüber wurden durchstochen und schwächten den Stoss ab, sonst hätte ich vielleicht tot sein können. So hatte ich nur eine halb Zoll lange Wunde. Ich fühlte jedoch nicht sogleich, was mir geschah, warf aber höchst aufgebracht den unbändigen Kerl zu Boden und traktierte ihn aus Leibeskräften mit der Faust so lange bis die dieser Szene ruhig zusehenden Nebengesellen mir winkten aufzuhören. Als ich den Wüterich ausliess, warf er mir eine grosse Hacke an das Knie, dass es blutete, welche Tat ihm abermals meine Faustschläge zur Genüge eintrug.

     (42)  Nun erst fing der Schmerz in meiner Hüftwunde an, das Atmen wurde mir beschwerlich, meinen linken Fuss im Stiefel fühlte ich feucht und kleben. In der Aufregung spürte ich es nicht, dass aus den Wunden Blut floss, und ich machte mich zu Bette. Die Köchin kam, mich zu laben, die Seite zu waschen und zu verpflastern. Da besah ich die grässlich klaffende Wunde im Spiegel und wurde über die Grösse derselben fast ohnmächtig.

     Drei Wochen musste ich mich in meinem Elternhause ärztlich pflegen lassen. Der Meister, der für meine Lehrzeit 100 Gulden und sehr viele gute Bissen an Geflügel von meinen Eltern erhielt und mir noch 17 Gulden an Lohn schuldete, war so gewissenlos, meine Heilungskosten nicht zu ersetzen.

     Als ich noch Lehrjunge war, nahm mich der Vetter von Hartberg, so oft er nach Graz kam, in das von jeher berühmte Paradeis auf einige Schalen Kaffee, ermunterte mich, fleissig zu lernen und versprach mir, in Hartberg ein reales Bindergewerbe samt Haus zu kaufen, damit ich nicht Soldat werde dürfte.

     Nun kam die Zeit, als ich Geselle und 19 Jahre alt war, die Zeit der Rekrutierung. Ich eilte nach Hartberg, um den Vetter an sein so oft gegebenes Versprechen zu erinnern. Aber unglücklicherweise traf ich ihn nicht bei guter Laune und musste trotz allem Bitten unverrichteter Dinge zurück.

     Da ich schon frühzeitig Hang und Freude zum Militär hatte, ohne die Leiden derselben zu kennen und wusste, dass einst der Soldatenstand mein Brot sein würde, lernte ich von den bei meinen Eltern einquartierten Soldaten alle nur erdenklichen Handgriffe und Exerzitien, damit ich dann als Soldat nur gleich avanciere. Ich verstand die Trommel und hatte nicht die mindeste Abscheu vor dem Sodatenleben. Da aber meine Mutter vor Schmerz, mich beim Militär zu wisssen, vielleicht gleich gestorben wäre, so musste ich doch mithelfen, dies Los zu vereiteln.

     Der Militäroberarzt Leirer wurde für unsere Sache gewonnen. Ich wurde mit noch 35 Rekruten im Rathaus im Gang des 3. Stocks eingesperrt, von dort in die Agentkanzlei nächst dem Flossmeister geführt. Alsbald wurde ich mit einem Blähhals behaftet für untauglich entlassen.
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Freitag, 8. Januar 2010

16. Rauchen - Heldentat - Physiognomik - der Nikschitz

    Endlich, am 26. Dezember 1826, nach 2 Jahren und 4 Monaten wurde ich beim Zunftmeister Überleis freigesprochen und glaubte nun als Geselle, mir auch das Rauchen zu vergönnen. Ich erhielt die schönste Pfeife und einen perlbestickten Tabakbeutel als Präsent. Aber alle Versuche, mir das ungarische Kraut aller Sorten mit Waschen, Präparieren in Zucker, Milch und Kaffee mundgerecht zu machen, waren vergebens. Auf einen einzigen Zug wars mir schon so übel. Im Ganzen ging er mir 99 mal über die Zähne, die Nervenschwäche und ein Zittern packte mich, und ohne die hundertste Übergabe abzuwarten, die – wie mir vorkam, mein Tod sein könnte – liess ich das Rauchen ganz bei Seite.


     Eine meiner Heldentaten muss ich auch erzählen: Im Jahre 1827 war durch Austreten der Mur grosse Überschwemmung. In den Kellern des Handlungshauses Gamillschegg in der Griesgasse nächst dem Mohrenwirt lagerten sehr viele Weine in verballten Halbstartinfässern. Da jedoch das Wasser in den Ballen schon mehrere Tage fast bis zur Decke des Gewölbes reichte und das Zerplatzen der Holzreifen an den Fässern zu befürchten war und sich niemand in die Tiefe des kalten Wassers getraute, ich aber schwimmen und tauchen konnte, so wurde ich beredet, aus den mehrwinkeligen Kellerräumen die vollen Fässer hervorzuholen. Ein Licht auf einem Brette vor mir herschiebend schwamm ich herum und zog die schwimmenden Fässer bis zur Stiege, wo mehrere Männer mit dem Hinaufziehen der Weine beschäftigt waren. Nach meiner ziemlichsten Anstrengung in fast eisigem Schneewasser wurden oben die Fässer gezählt. Es fehlten noch zwei mit Eisenreifen. Nach einem Schluck feurigen Weines tauchte ich in der Richtung unter, wo die fehlenden liegen sollten, und (39) fand sie leider unverballt und daher vom Wasser umhoben. In der Voraussetzung, dass der Wein in diesen letzten Fässern schon verdorben und daher jede Mühe vergeblich wäre, liess man sie liegen. Nach vollem Versinken der Gewässer wurden die zwei Gebinde ihres wirklich unbrauchbaren Inhaltes entleert.


     Einer meiner Nebengesellen, ein Peter in meinem Alter, hatte uns in den freien Abendstunden aus Lavaters Physiognomik erklärt, wie aus den Gesichtszügen eines Menschen dessen innerer Gehalt, Leidenschaft, Gemütsart und überhaupt Eigenschaft und Karakter zu bestimmen sei, und wie ein Mann aus der Form jedes einzelnen Teiles des weiblichen Angesichts die zu seinem eigenen Wesen passende Lebensgefährtin beinahe mit Gewissheit erforschen könne.

     Ich hatte bei Herrn Rucker einen strebsamen, riesenstarken, zu jeder noch so schweren Arbeit aufgelegten und doch soliden Lebenskameraden, dessen Abenteuer im Gedächtnis ist, und die ich noch berichten will.

     Von Salzburg nämlich kam einst ein grosser Weinhändler nach Feldkirchen bei Graz und erblickte beim Keglerwirt, wo er stets zukehrte, den vierjährigen, krauskopfigen, schwarzäugigen Buben des benachbarten armen Wagners. Auf Andringen des reichen Salzburgers erhielt derselbe diesen Knaben an Kindesstatt, welcher dann in Salzburg erzogen wurde, und einst den ganzen Reichtum des Adoptivvaters erhalten sollte. Doch wie der Bursche grösser wurde und über die ungeheuren Weinvorräte des Ziehvaters verfügen konnte, entwickelte sich in demselben eine unbezähmbare Trink- und Streitlust, dass ihn der alte Herr nicht mehr behielt und ihn dem Sandwirt Maier in Graz übergab, wo er die Brauerei erlernen sollte. Da es aber unmöglich war, den Widerspenstigen zu bändigen, bat der Bräumeister Rucker, er möge sich um den Salzburger Josef Nikschitz annehmen und aus ihm einen ordentlichen Menschen zu machen versuchen. Und der Versuch gelang. Nikschitz wurde ein sehr braver, gemütlicher Mann und geschickter, fleissiger Binder, war nüchtern, allseits geachtet und sprach nie von Salzburg.

     Auf einmal, es war im Spätherbst, konnten wir es nicht begreifen, warum er stets abends während der Arbeit von seinem Reichtum in Salzburg fantasierte, uns alle reich zu machen versprach und so sehr in Aufwallung geriet, dass wir für seinen Verstand fürchteten. (40) Anfangs wurde über seine Exstase gelacht, da er aber keinen Widerspruch duldete und hoch und teuer schwur, nach Salzburg zu reisen und uns nach seiner Wiederaufnahme von seinem fürstlichen Vermögen zu überzeugen, ermahnten wir ihn einst vormittags zum Scheine, sein Versprechen zu erfüllen.

     Er packte nun um Weihnachten seine sieben Sachen und marschierte nach Salzburg. Nach der Hand erzählte uns der Oberkellner vom Goldenen Ochsen, dass ihnen aus dem Keller so viele mit Wein gefüllten Boutaillien unerklärlich verschwunden seien und da beim Ausputzen der Gesellenzimer unter dem Strohsack des Bettes, wo Nischitz früher schlief, eine Menge leerer Flaschen gefunden wurde, so war das Rätsel gelöst.

     Nach vier Wochen schrieb er uns von seiner herzlichen Aufnahme, dem herrlichen Wohlergehen und seinem Ansehen als künftiger Krösus. Wir wünschten ihm alles Glück zu seinen neuen Verhältnissen.

     Am nächsten Christihimmelfahrtstage war das Fest am Florianiberg bei Graz. Um halbfünf Uhr früh waren wir schon bereit, dahin zu gehen. Aber wer beschreibt unser Erstaunen, als Josef Nischitz in sehr defektem Zustande, mit verstörter Miene und ohne Reisegepäck daherkam und uns erzählte, dass er infolge seines Wohllebens wieder in die alten Laster verfiel, sich nicht beherrschen konnte und sich derart versoff, dass er standepede davongejagt wurde. Er hatte nun sein Glück für immer verscherzt. Wir liehen ihm für den heutigen Tag bessere Kleidung und nahmen ihn mit zu Florianifest. Abends heimgekehrt nahm ihn Herr Rucker wieder bis auf Weiteres als Gesellen auf und Nikschitz arbeitete wieder so brav und fleissig und nüchtern wie vor und ehe.

    Nach etlichen Tagen kam ein bekannter Binder Türk von St. Gotthard in Ungarn und brauchte einen Gehilfen. Rucker trug ihm den Nikschitz an und dieser ging gleich mit. Nach vier Wochen kam Türk wieder nach Graz mit der Äusserung, dass er doch keinen ärgeren Lumpen erhalten konnte als diesen Nikschitz. Vierzehn Tage war es mit ihm auszuhalten, dann wurde er entlassen, und da seither von Nikschitz nichts mehr zu hören war, so meinte Türk, der Kerl mag gewiss unter die Räuber gegangen sein.
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Donnerstag, 7. Januar 2010

15. Berufswahl

   Ich wurde von meinen Eltern scharf hergenommen, endlich einmal ein Handwerk zu wählen. Die Mutter drang darauf, ich sollte Fassbinder werden. Und da sie dem Weine mehr zusprach, meinte sie, ein Binder könne noch in alten Tagen ein gutes Gläschen Wein haben. Als ich noch in die Normalschule ging, war mein Weg täglich beim Binder Schwarz vorbei, wo ich ihn sehr oft vor dessen Werkstätte die armen Lehrbuben misshandeln sah. Da dachte ich, sind die Buben wohl so dumm oder boshaft, dass sie müssen geschlagen werden oder sind Meister und Gesellen besonders büffelhaft und tierranisch? Und da graute es mir fast vor dem Binderhandwerke. Ich kannte in der Buchdruckerei Kienreich einen bekannten Lehrjungen, Wilhelm Lakos. Dieser drang in mich, dort einzutreten, da der Lehrjunge schon mit wöchentlich 5 Gulden, natürlich ohne Kost, bezahlt wurde.

     Da die Tante, Mam Theres, oft von einem Herrn Holzapfel erzählte, der als unbedeutender Knabe nachher als Schriftsetzer hohen Verdienst hatte und dann Kaufmann wurde, so wollte ich auch Setzer werden.

      (36)  Ich wurde bei Kienreich einstweilen als sogenannter Laufbursche zur Bedienung sämtlicher Gesellen zum Hin- und Hertragen von Papier und Drucksorten, Manuskripten etc. verwendet. Ich hatte in diesem Fache noch zwei Kollegen und 4 Gulden Wochenlohn. Als der mit mir sehr freundliche Faktor Emler meine aussergewöhnlichen Schulkenntnisse wahrnahm, musste ich mit ihm stets die Bürstenabzüge oder Probedruckbögen colationieren und ihn auf Satzfehler aufmerksam machen. Bei dieser Gelegenheit wurde ich mit den gediegensten Werken berühmter Dichter bekannt. Am Setzkasten waren mehrere Gesellen und ein einziger Lehrjunge, Anton Lischka aus Deutsch-Böhmen, dem ich Sonntags in der Flöte so vieles beibrachte, als ich selbst konnte.

     Nach zehn Wochen sagte der Faktor zu mir: «Nun, Johann, heute werden zwei Druckerjungen freigesprochen und zwei Laufburschen zur Presse als Druckerjungen angestellt. Ein Setzer muss mindestens 4 Schulen studiert haben und 6 Jahre lernen. Da ich aber deine besonderen Fähigkeiten erkannt habe, würde ich gerne vom Mangel der Studien absehen. Bei uns ist aber Gepflogenheit, dass nie mehr als ein Setzerjunge da ist. Lischka hat noch 2 Jahre. Willst Du so lange warten, so ist's mir recht, sonst aber kannst Du heute als Druckerjunge auf 5 Jahre Lehrzeit aufgedingt werden.»

    Nun war mein Entschluss bald gefasst. Drucker werden wollte ich nicht und für einen Setzer war mir die Geschichte zu lange. Ich erhielt nun an einem Samstage der zweiten Augustwoche meine letzten 4 Gulden und nahm freundlich Abschied.


Nun aber – bereits 16 Jahre alt – doch einmal an die Zukunft zu denken und den Wünschen der Eltern, besonders der Mutter, zu entsprechen, stand ich montags darauf beim Bindermeister Rucker nächst dem Gasthause zum Goldenen Ochsen am Gries als Junge ein. Der ältere Sohn des Meisters, Andreas, ein Schulkollege von mir und derzeit schon tüchtiger Geselle und solider Mann, tröstete mich, dass die Binderei leicht zu erlernen wäre. Vormittags zeigten mir die Gesellen, wie ein Reifen anzufassen, einzuschneiden und auf einem Schaff oder Fass haltbar anzubringen sei. Nachmittags konnte ich schon selbst ohne weitere Beihilfe mehrere Fässer reparieren, so dass sich die Gesellen darüber gewundert und gefragt haben, in welcher Werkstätte ich schon gelernt habe.  (37)  Es wären schon viele Lehrjungen dagewesen, die in drei bis vier Wochen das nicht konnten, was ich heute verstehe.

     Ich hatte sehr gute Augen, sie waren aber doch nicht so, wie sie sein sollten; denn wenn ich die Brauen niederzog, sah ich besser. Dieser Umstand gab mir aber einen finsteren Blick, der irrtümlich für Trotz gehalten wurde. Wie sie Gesellen einander fragten, wie gefällt der neue Lehrbub, hörte ich die Äusserung: «Er ist recht handsam, wenn er nur nicht so finster schauen tät».


     Die Kenntnis der Binderei kam mir wirklich kinderleicht vor, ich konnte in einigen Monaten schon alle Gattungen Geschirr verfertigen und machte mitunter an Bierfässern à 2 Eimer bis zu meinem Freiwerden gerade 100 Stück.

     Ich war bei allen Gesellen wohl gelitten; meiner Grösse nach wurde ich von Fremden schon längst für einen Gesellen gehalten. Wenn die Gesellen da und dort etliche Mass Weine oder eine Kanne Bier gratis erhielten, durfte ich nach Feierabend an ihrem Gelage teilnehmen, wobei ich durch Flötenspiel oder Liedervortträge und Deklamationen zur Erheiterung beitrug. Jetzt aber konnte ich erst recht begreifen, warum denn die Lehrbuben von Seite des Meisters und der Gesellen allen Misshandlungen ausgesetzt sind; denn meine ganze Lehrzeit verging, ohne dass ich mir je eine moralische, geschweige erst handgreifliche Zurechtweisung zuzog. Denn wenn man seine Pflichten genau und pünktlich erfüllt und so viel Einsicht hat und weiss, was zu unterlassen ist, sogeht's ja wie am Schnürl.

     Da ich aber zu Hause – grösstenteils mir selbst überlassen – nie recht zur Arbeit und Tätigkeit angehalten wurde, so hatte ich auch meine fisische Kraft nicht so entwickelt, wie ich sie selbst jetzt nötig hatte. Zum Glück war die Kost beim Meister handwerkermässig gut und genügend und an manchem Glas Wein fehlte es nicht.

     In den freien Abendstunden und oft spät in die Nacht hinein schrieb ich ganze Sammlungen von Liedern und Versen.

     Manches in der Wirtschaft des Meisters gefiel mir freilich nicht. Die Häuser Flossmeister Grengg und Ochsenwirt Walter waren sehr gute Kundschaften. Wenn bei jedem der jährliche Binder 800 bis 900 Gulden ausmachte, so erhielt der Meister bei der Verrechnung selten eine bare Vergütung und musste manchmal noch einige Gulden draufzahlen, so viel hatte er samt Frau und Kindern vertrunken. (38) Hätte er nicht sein eigenes Zinshaus gehabt, wäre es schon längst schiefgegangen. Zum eigenen Gebrauche hatte er vier Zimmer, welche neben der Küche sehr viel Brennstoff erforderten. 4 bis 5 Gesellen und 8 Lehrjungen mussten äusserst tätig sein, die nötigen Holzabfälle zu erzielen. Und doch blieb zur Beheizung der Werkstätte nebst Gesellenzimmern nichts übrig. Wollten wir dieselbe im Winter nur halbwegs erwärmen, so mussten unsererseits die Brennstoffe auf unredliche Weise herbeigeschafft werden. Und infolge der irrigen Ansichten der Gesellen zwischen Mein und Dein hatten die Lehrbuben hier die schändliche Gelegenheit, wenn sie nicht feste und ehrliche Grundsätze hatten, Schelme zu werden.
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Mittwoch, 6. Januar 2010

14. Kapaunerfahrt nach Wien - Fortsetzung

  Wegen der stark beschneiten Strasse kamen wir zur dritten Nacht nur bis Draiskirchen zum Gastwirt Perzl, wo ich wieder eine Kiste Kapauner anbrachte. Da wir von dort schon um 2 Uhr Nachts weiterfuhren, kamen wir gegen 9 Uhr früh nach Wien.

     Jede Fracht wurde nächst der Post beim Hauptzollamte abgeladen, um der zollämtlichen Behandlung unterzogen zu werden. Da die Mam Theres von meiner Ankunft nicht avisiert wurde und ich von meiner Ware nicht fortkonnte, ersuchte ich mehrere herumstehende Taglöhner, sogleich die auf der Seilerstätte Nr. 604 wohnende Theres Dunkl zu holen, oder meine Kisten zu ihr zu fahren. Aber keiner dieser Tagediebe wollte sich hierzu Zeit nehmen. Ich wusste aus ihren Briefen, dass sie täglich ein- bis zweimal zur Hauptmaut ging, ob für sie Ware da sei. Aber - o tückisches Schicksal - gerade heute kam sie nicht. So sehe ich mich um sie geneppt. Ich konnte auch nicht wissen, dass eben während ein paar Tagen die Nachfrage um frische Ware gestiegen sei. Eine Menge Käufer kamen, erkannten mich sogleich als einen verzagten Neuling gegenüber ihrer Hinterlist, öffneten gleich selbst die Kisten, nahmen Stücke heraus und gaben mir dafür, was sie wollten.

     (33)  Ich wusste mir, umringt von 15 bis 20 kecken Wienern, nicht zu helfen und hatte noch sehr acht zu geben, dass ichnicht bestohlen wurde. Als mir der Zorn zu spät aufstieg und ich Gewalt zu brauchen drohte, verliefen sich die lumpigen Käufer und Betrüger und endlich trug sich ein Gaglöhner an, den Rest meiner Ware um eineinhalb Gulden zur Theres zu führen.


     Ich hatte von der Lage der Stadt und der Gegend der Seilerstatt keine Kenntnis und konnte nicht wissen, in welcher Richtung vom Haupzollamte weg die Seilerstätte lag oder wie weit es dahin war. Der Spitzbube Taglöhner fuhr mit meinen letzten sieben Kisten keuchend über einen grossen Teil der Glacis beim oberen Kärntnertor hinein und nach einer langen Gasse wieder herab, nur um zu zeigen, dass er für den weiten Weg eineinhalb Gulden verdient habe. Aber nachträglich hatte ich wahrgenommen, dass im Innern der Stadt von der Mam bis zur Hauptmaut nur sozusagen ein Katzensprung war.

     Als ich der Mam mein Schicksal auf der Hauptmaut erzählte und ihr wegen ihres Nichtdahinkommens Vorwürfe machte, überhäufte sie mich noch dazu mit unzähligen Grobheiten. Eben kam auch Herr Prücker dazu und nahm ohne Umstände zwei Kisten. Die übrigen blieben der Mam.

     Erst jetzt hatte ich erfahren, dass sich seit einigen Tagen die für Kapauner günstige Witterung gebessert hat und die Nachfrage gestiegen sei und ein Reingewinn von 100 Gulden in Aussicht gewesen wäre, wenn ich bisher gar nichts verkauft hätte. So aber hatte ich nach Berechnung aller Kosten und Spesen einen Schaden von 100 Gulden. Somit waren 200 Gulden beim Teufel.

     Bei meiner Abreise in Graz hatte mir die Mutter strenge aufgetragen, in dieser und jener Kirche, bei diesem oder jenem Altare zu beten. Da sie aber in Handelsgeschäften selbst schon einige Male in Wien war und das durchtriebene Wienervolk doch schon hätte kennen sollen, wäre es vernünftiger gewesen, mich davon zu unterrichten, um mich vor Schaden hüten zu können. Noch viele Jahre konnte ich den Unmut darüber nicht verkniesen und bin noch jetzt über meine damalige Unerfahrenheit und die Kniffe der Wiener erbost. Ich hatte die Überzeugung, dass, wenn ich in Graz unter 100 Menschen einen Schelm finde, in Wien unter 100 schon 10 Gauner stecken.


      (34)  Ich blieb einige Tage in Wien. Die Quartiergeber der Tante, Greislersleute, hatten veranstatet, dass wir mit mehreren Bekannten einen Ball besuchen. Dazu wurde auch die erwähnte, nun in Wien dienende Johanna Seidnitzer eingeladen. Ich musste sie mittels Fiaker aus der Vorstadt Maria Hilf abholen. Da sie aber erst anzukleiden im Begriffe war, hatte ich die beste Gelegenheit, ihre reizenden Formen zu bewundern. Oh, wie gerne hätte ich ihr bei, Einschnüren geholfen.

     Die Gesellschaft zu sieben Personen fuhr in zwei Wägen zum Mondscheinwirt nächst der Karlskirche. Dahin kam auch der vom Sensenwirt in Wien fungierende, von der Mam gekannte Vinzenz Fledersbacher und tanzte einige Stunden mit der ihm bekannten Johanna. Da stieg schon lange ein echter Wiener Gschwuff in Betrachtung derselben versunken, um unseren Tisch herum wie die Katze um den heissen Brei, sprach mit der Mam allerlei, und sie, nichts Arges ahnend, erzählte ihm, während Johanna tanzte, deren ganzen Lebenslauf.

     Nun machte der Wiener Schnipfer der Johanna die Cour und wusste sie so zu beschwatzen, dass sie nicht mehr von ihm zu trennen war. Da die Gesellschaft nur bis 1 Uhr früh blieb und Johanna nicht mehr zu unserem Tisch kam so erhielt ich den Auftrag, auf Letztere Acht zu geben, um sie dann in ihre Wohnung zu führen.

     Sie flog mit ihrem Tänzer dahin wie toll. Als ich wieder nach ihr sehen wollte, war sie verschwunden. Ich eilte über die Stiege hinab, sie zu suchen, und ersah zu meinem Ärger, dass sie eben mit dem Wiener Früchterl in einen Wagen stieg und schnell davongefahren ist. Zurück in den Saal und wieder 1 Gulden Eintritt bezahlen wollte ich nicht. Da es erst 5 Uhr war und vor halbacht kein Haustor offen, musste ich bis dahin in der Kälte herumschlendern. Ich hatte auch nicht den Mut, in ein Kaffeehaus einzutreten. Aber die Mam Theres erteilte mir über meine nachlässige Aufsicht über Johanna eine derbe Strafpredigt.

     Auf meiner Rückreise hatte ich über den Semmering – am Kutschbocke eingeschlafen – hinter mir ein Wagenfenster eingedrückt, welches ich in Mürzzuschlag mit 4o Kreuzern vergüten musste.

     In Graz angelangt machte ich den Eltern die famose Rechnung über meine denkwürdige Kapauneraffäre. Ich musste über mein unglückliches Gebahren noch lange Zeit viel Spott und Hohn einstecken. (35)  Darauf wurde meine um drei Jahre ältere Schwester Maria zum Handel im Winter nach Wien gesendet und unter die Obhut der Mam gestellt.


     Die lustige Johanna Seidnitzer hatte uns dann geschrieben, dass sie nach Graz zurückkomme. Da sie wegen ihrem leichten Leben in Wien zu ihren Angehörigen nicht durfte, sollten wir für sie eine Wohnung besorgen. Johanna erhielt von uns die Einladung, dass sie zu uns ziehen soll, worauf sie schrieb, dass sie am 6. Mai mit dem Eilwagen ankommen werde. Ich erhielt den Auftrag, sie auf der Post zu erwarten, sie in Empfang zu nehmen und den Transport ihres Gepäckes zu besorgen. Ich freute mich schon recht auf das wirklich schöne und anmutige Geschöpf. Aber – oh Schicksal – ich stand mit dem Schubkarren da zur Beförderung ihrer Habe, und Vinzenz Flederbacher, der mit ihr beim Mondscheinwirt tanzte, hob sie jetzt aus dem eben angekommenen Eilwagen und fuhr mit ihr samt Gepäck mittels Fiaker davon. Ich war drüber so verblüfft und musste wegen meiner Ungeschicklichkeit von der Mutter wieder viele derbe Worte hören.

     Nachträglich hatten wir erfahren, dass der Fledersbacher beim Krois in der Laburnergasse eine Wohnung besorgt hätte. Johanna heiratete dann den reichen Russerholzer Müller und wurde eine sehr wirtschaftliche und brave Frau.

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Dienstag, 5. Januar 2010

13. Der grosse Brand / Kapaunerfahrten nach Wien

(30)   Im festen Schlafe hatte niemand von den beim Feuerlärm gewöhnlichen Kanonenschüssen am Schlossberge etwas gehört. Gleich darauf kam der Viertelwächter mit der magistratischen Aufforderung, dass von jedem Haus ein Mann zur Hilfeleistung an der Brandstätte zu erscheinen habe. Mein Vater ging dahin und ich ging dann auch, dieses furchtbare Schauspiel, welches drei Tage und drei Nächte dauerte, anzusehen.

     Die Wut des entfesselten Elementes liess aber nicht nach bis alles Brennbare vernichtet war. Von der Universität bis zur Ringmauer der Domkirche wurde von Schneemassen ein Damm aufgeführt, vor welchem sich durch das aus den Spritzen gegen das Feuer verwendete und zurückfliessende Wasser ein Teich bildete, woraus dasselbe wieder gen den Brand in Verwendung kam. In der ständischen Reitschule wurde dann sogleich ein provisorisches Theater erbaut und das alte wurde nach drei Jahren wieder hergestellt.


Kapaunerfahrten nach Wien

In Steiermark war der Jänner 1824 kalt, und die eben in Wien herrschende laue Witterung war wieder Schuld, dass wir von unserem grossen Vorrate Kapauner nichts dahin senden durften. Da erhielt ich den elterlichen Auftrag, mit einer Ladung nach Wien zu fahren, unterwegs so gut als möglich zu verkaufen und den Rest der Mam Theres in Wien zu übergeben. Auf einem Landkutscherwagen des Herrn Eberl wurden vorne zu den Füssen des Kutschers, auf dem Dache des Wagens und hinten auf der sogennanten Brücke 17 Kisten mit ca. 300 Stück Kapauner gepackt.


Am 2. Feber wurde vom Gasthof zu Rössl abgefahren. Ein Kaufmann in Wien und eine Bürgerstochter aus Ried in Oberösterreich waren Mitpassagiere. Auf der Tratte oberhalb von Weinzöttl brach die hintere Brücke des Wagens und die Last desselben lag am Boden. Dies war nun eine Fatalität mit Anstrengung und Aufenthalt. Bis ich und der Kutscher die Ketten und Stricke loslösten, vom nächsten Bauernhause Holz zur neuen provisorischen Brücke holten und die Last wieder fest banden, vergingen zwei Stunden, wobei meine Finger vor Kälte fast erstarrten.

     Die Mitreisenden gingen indessen bis Friesach voraus. Der Kutscher wollte seine Stationen einhalten, und so kamen wir erst gegen 9 Uhr nach Bruck. Im Gasthaus, wo wir einkehrten, waren die Leute so ungefällig, dass wir Männer zur Liegestatt nur Stroh in die Stube bekamen. Mich  wunderte es, dass der mitreisende Kaufmann dagegen nicht protestierte.

     (31)  Die später erst vom Theater heimgekehrten Wirtsleute blickten sehr geringschätzig auf uns, im Stroh Daliegenden, und erzählten den noch Anwesenden den Inhalt des Stückes "Haus am Scheidewege". An diesen Titel dachte ich zeitlebens wegen meiner Naturfehler: Unentschlossenheit und Zweifel. Den nächsten Tag früh verhandelte ich noch eine Kiste Kapauner an den Kaffe-Sieder Rupp. Vor Einbruch der Nacht kamen wir nach Spital, wo im Gasthause, da unsere Pferde mit Heu und Wasser versorgt wurden, ein Ball war.

      Nachdem ein Knecht des Wirtes zwei Pferde zu Hilfe vorspannte, blieb der Kutscher mit dem Kaufmann zurück, um zu tanzen. Die beiden meinten, wir sollten nur weiterfahren, sie würden bald nachkommen. Der Vorreiter schnalzte mit der Peitsche und fort ging es in die Nacht hinaus, bergauf.

     Schon früher hatte ich unterwegs bemerkt, dass der Kaufmann vergeblich versuchte, die Bürgerstochter zu Sprechen zu bringen. Sie war gross und wohlgestaltet, aber so eingewickelt und vermummt, dass nicht zu erkennen war, ob sie hübsch oder nicht und wohl mit zwei Augen versehen war; denn sie liess immer nur eines von beiden sehen.

     Obwohl ich 16 Jahre alt war und schon die Grösse eines 24jährigen hatte, war ich gegen das weibliche Geschlecht unbegreiflich schüchtern und überhaupt wortkarg. Doch wollte ich aus langer Weile mit dieser Unbekannten zu plaudern wagen, machte sie aufmerksam auf die jetzige trostlose Einsamkeit und die durch Schnee halblichte Nacht. Aber von dem Mädchen kam keine Antwort. Ich sah bei einem und sie beim anderen Wagenfenster hinaus. Dies dauerte fünf Stunden über die schneenasse Höhe des Semmering.

     Auf einmal rief der Knecht den Pferden ein lang gedehntes ohhhh zu. Ich rief aus dem Fenster, was es gäbe. Er ging mit seinen zwei ausgespannten Pferden zurück. Ich bat ihn, die zwei Zurückgebliebenen zur Eile zu mahnen. So blieben wir an der Grenze zwischen Steiermark und Oberösterreich stehen. Als ich aus dem Wagen stieg, um mich zu orientieren, schlug eine Kuckucksuhr im Wegmacherhäuschen unweit der Strasse die 11. Stunde. Gleich darauf kam aus dem nahen Walde ein Mann, vielleicht irgendwo vom Fersterln einer Holden, und ging langsam an uns vorüber seines Weges.

     Nach einer halben Stunde verkündete ein fernes Singen und Jauchzen die Nachkunft des Kaufmanns samt Kutscher. Beide, wei es schien, halb angeduselt. Nun dachte ich, Gott wird uns beistehen, dass wir ohne Unglück in der Nacht nach Schottwien kommen.

     (32)   Kaum wurden etliche Schritte gefahren, so erkannten wir erst, dass es auf jener Seite fest gefroren und eisglatt war. Der Kutscher musste hundert Schritt entfernt Leute wecken, die ihm beim Einsperren der Räder Ketten geliehen hatten. Da die Strecke nach Schottwien viel steiler war, ging die Abfahrt schauderbar. Niemand blieb im Wagen, denn dieser schwankte immer wie ein Schiff im grössten Sturme. Nach 2 Uhr in Schottwien angelangt, konnten wir erst wieder frei atmen.

Hier schläft ein Engel



Unsere Dame, natürlich höchst ermüdet, ging in ein besonderes Zimmer zu Bette. Nach ein wenig Nachtessen suchten auch wir der Ruhe zu pflegen. Der Kaufmann konnte aber seine Sehnsucht, Näheres über die bereits im festen Schlafe liegende Reisegefährtin zu erfahren, nicht widerstehen, trat mit dem Lichte in das unverschlossene Nebengemach und winkte mir, näher zu kommen. Da standen wir beide über das sehr schöne, aller Hüllen entblösste und mit Glorienschein umgebene Gesicht unserer Unbekannten. Hätte ich schon einen Bewohner des Himmels vorher gesehen, so hätte ich bekennen müssen:  Hier schläft ein Engel!

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Sonntag, 3. Januar 2010

12. Aus der Schule - Berufswahlqual

   Im ersten Semester der vierten Klasse ging mir jedoch die Geometrie und Gesellschaftsrechnung nicht in den Kopf. Und da diese Gegenstände im 2. Jahrgange noch strenger waren, trat ich aus der Schule, um mich irgendeinem Handwerk zu widmen. Ich hatte zufällig nicht mehr so viel Zaster wie ehedem, sondern im ganzen Vermögen nur 2 Gulden und bat den Herrn Zeichenlehrer, mich vorderhand auf 1 Monat in die Privatschule zu nehmen. Ich trat ein, lernte die Anfangsgründe von Augen, Nasen, Ohren und zeichnete bald einen krausen Knaben und einen lockenreichen Damenkopf.

     (27) Auf mein Verlangen, den vor dem Schüler Hiebler, dem Fleischerssohn mit der Hasenscharte, befindlichen langbärtigen Eremiten kopieren zu wollen, durfte ich an diesem studieren. Zu Ende des Monats war ich damit fertig und der Zeichenlehrer profezeite mir, dass ich, wenn ich so fortfahre, gewiss ein geschickter Porträtmaler werden würde. Ich hatte aber leider kein Geld, die Zeichenschule fortzusetzen, und meine Eltern konnten oder wollten nichts ausrücken. Zu Hause aber zeichnete und malte ich drauf los, machte zierliche Krippen, die ich am Niklai-Markte verkaufte und einstmals an zwei Tagen zusammen 15 Gulden einnahm.

     Ich musste auch fleissig dem Handel nachgehen, ging in die benachbarten Dörfer und in das Kainachthal bei Mosskirchen zum Einkaufen von Tauben, Hühnern und Spanferkeln, konnte aber diesem Geschäfte durchaus keinen Geschmack abgewinnen.

     Wir hatten im Hause einen Schneider Franz Schwarzbartl von Jahring in Windischbüheln gebürtig, als Zinspartei, welcher mit seinem Weibe auch für die Monturs-Kommission arbeitete. Zur Zeitausfüllung half ich da, Holzmützen, Gamschen, Hemden und Gattien nähen, und kam in der Schneiderei schon so weit, dass ich einen neuen Sommerspenser für mich – bis auf Knopflöcher und bügeln – allein verfertigte.

     Als ich einst eben meines Vaters Hose reparierte, kam zufällig Franz, der Mutter Bruder von Wien, und hielt mir eine Strafpredigt, warum ich nicht schon lange bei einem Handwerker in der Lehre sei.

     Ich war schon recht erwachsen aber seit meiner frühen Kindheit nicht so recht gesund und konnte – unfähig am ernsten Denken bezüglich der Wahl eines Berufes – zu keinem Entschluss kommen. Ich konnte in alles dreinpfuschen und hatte Lust, Schauspieler oder Maler, Kellner, Bildhauer oder Steinmetz zu werden. Die Nachbarn rieten bald dies, bald jenes Handwerk, und doch war nichts entschieden. Selbst meine Wallfahrt mit dem Vater nach Maria Zell, wo ich um Erleuchtung bezüglich meiner Standeswahl beten wollte, war ohne Wirkung.

     Da ich aus besonderer Vorliebe zur Kunst ein Maler werden wollte, bewog ich endlich die Mutter, mich zu einem braven Meister in der Malkunst zu führen. Unglücklicherweise kamen wir zu einem alten Herrn Streicher, der uns in diesem Fache als berühmter Mann angeraten wurde. (28) Ich hatte schon das Vorgefühl der Freude, endlich einem Maler in Ausübung der Figuren- oder Landschaftsmalerei zuzusehen. Aber welche Enttäuschung! Der Künstler Streicher hatte eben ein hölzernes Friedhofkreuz angestrichen und erzählte uns dann mit Pathos, welche Paläste und Kirchen er schon gemalt, wie oft er vom Gerüst gefallen und sich die Hand oder den Fuss gebrochen und so weiter. Er verlangte fünf Jahre Lehrzeit und monatlich 8 Gulden Kostgeld. Da mir nun dies zu kostspielig und wir den Künstler zu armselig fanden, zerfloss meine Idee, ein Maler zu werden im Nebel.

     Von Wien kam einst unser Kapauner Geschäftsfreund Prüker zu uns, und da er meine zahlreichen, an allen Zimmerwänden befindlichen Zeichnungen und Malereien besah, machte er den Antrag, mir durch seine Verwendung den kostenfreien Unterricht in der Wiener Akademie zu verschaffen, wenn nur meine Eltern imstande wären, das Kostgeld und die Kleidung daselbst zu bestreiten. Dafür könnte ich bei meinen Talenten zum Künstler herangebildet werden. Ich war bei meiner Redearmut unfähig, meine Eltern für diesen Plan zu gewinnen. Und da sie überhaupt alle Kosten scheuten und für die Ausbildung vorhandener Naturgaben keinen Sinn hatten, so musste mein Genie verkümmern.

     Ein Tischler Matschek hatte uns so lange versprochen und zugesprochen, dass ich beim Tischlermeister Fessler in die Lehre kam. Aber da er nicht viel Arbeit hatte, ein grober Kumpan und selbst in Not war, und ich am immerwährenden Kimderloken, dann Heizen zum Leim- und Frühstückkochen schon satt hatte und – zu Hause gehätschelt – das Heimweh bekam, blieb ich nur 6 Wochen.

     Wie ich schon von der Heimreise der Tante Hauzendorfer erzählt habe, war das gute Einvernehmen mit ihrem Mann in Greifenburg nicht von langer Dauer. Er hatte neun heimliche Liebschaften aufgestöbert, lehrte in seiner Verblendung den eigenen Kindern auf die Schlampe bezüglich Lieder, und kränkte seine Frau derart, dass sie wieder weg und zu uns zog.

     Nach zwei Jahren kam von Greifenburg ein Weissgerbermeister, erzählte vom jetzigen soliden Leben und Benehmen des Hauzendorfer und von dessen Sehnsucht nach der Gemahlin, und wusste durch Vorspiegelung der gebesserten Verhältnisse, Tante Elise zu bestimmen, wieder nach Hause zu reisen.

     (29)  Der Weissgerber kaufte am Egidimarkte zwei kleine Schimmel und einen überbrauchten, offenen Wagen. Und nachdem die Habseligkeiten gepackt und die Fahrt über Judenburg zum Besuche des Vetters Georg Dunkel projektiert wurde, so durfte ich zur Dekoration diese Partie mitmachen. Nachmittags fuhren wir fort, blieben in Köflach über Nacht, und früh nach einer Andacht in der Lankowitzer Kirche ging es über die Stubalpe, meine erste Gebirgsreise.

     Abends kamen wir nach Judenburg. Elise hielt sich dort einen Tag auf und begab sich dann mit dem Weissgerber über Unzmarkt und St. Veit nach Hause. Ich blieb drei Wochen beim Vetter Georg, wo es mir sehr gut ging. Ich malte ihm zwei Zimmer aus, machte mit ihm Partien nach Maria Buch, Dietersdorf und Knittelfeld und erzählte von meiner Maria-Zeller-Reise.

     Lederer Frank, Bruder der Mam Dunkel, führte mich in mehrere der vierzig Gasthäuser, wobei ich die Bemerkung machte, dass er mit hübschen, drallen Kellnerinnen gern ein Gspusi hatte.

     Von dem vier Stund weit entfernten Gusterheim ging alle Wochen ein Bote mit Briefen und Gepäck nach Graz, und alle dahin zu Fusse Reisenden schlossen sich ihm an, da er die nächsten Wege über die Stubalpe wusste.

     So ging ich Anfang Oktober 1821 mit diesem Boten nebst noch dreizehn Wanderern um sechs Uhr früh von Judenburg fort. Als wir gegen Abend nicht weit von Lankowitz entfernt waren, überraschte uns ein tüchtes Schneegestöber. Unser Führer – das Unheilvolle eines solchen Sturmes ahnend – suchte mit uns Zuflucht im nächsten Bauernhause, wo wir über Nacht am Heuboden lagen. Und als wir den anderen Morgen fort wollten, war das ganze Gebäude bis an den Dachtrauf verweht. Wir mussten beim Dachfenster hinaus über die festen Schneemassen zu kommen trachten, aber kaum hundert Schritt weit war der gangbare Weg frei.

     Der junge Dunkel besuchte noch immer die Normalschule, und zu Ostern 1822 nahm er mich mit nach Hartberg über acht Tage auf Ferien, wo wir die Zeit nur mit gutem Essen, Trinken, Pistolenschiessen und Landpartien zubrachten.

     Am Christabend 1823 ging ich mit Pilz und Wadisch zur Mette. Im Nachhausegehen nahmen wir uns vor, am Stefanitage mitsammen ins Theater zu gehen. Und als die Mutter am Christtage von der Frühmesse heimkam, erzählte sie, dass das Theater brenne !!!

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