Dienstag, 16. März 2010

53. Unser Sohn Eduard macht sich

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     Unsere Tochter Marie hatte im Gasthaus zur Mehlgrube Kochen und bei der Beamtengattin von Gratter Kleidermachen gelernt. Sie ging dann in Dienst, da wir sie zu Hause nicht benötigten. Luise Plank ging schon auf der Ries von uns fort zu ihren Schwestern nach Wien. Nachdem wir das Haus in der Körblergasse zwei Jahre innehatten, kam der Besitzer des Gutes Friedhofen in Obersteier und derzeit Compagnon des Eisengiessers Gottsbacher in der Oberen Körblergasse und hat uns die Realität um 3100 Gulden abgekauft.
 
      Wir bezogen in der Klosterwiesgasse bei Frau Umschaden zwei kleine Zimmer samt Küche und Holzlager für jährlich 60 Gulden Zins. Hier machte ich mir aus besonderer Passion einen Globus, 14 Zoll im Durchmesser, wozu ich vom Turnlehrer Augustin dessen Globus von 8 Zoll Durchmesser zum Muster nahm. Ich zirkelte und zeichnete in freien Stunden unermüdlich wohl mehrere Monate lang daran und hatte meine Freude am Gelingen.

Gemälde von Johann Neuhold - (Original bei Brigitte Winkler in München)

      Nebenbei hatte ich für mehrere Parteien Schreibgeschäfte über Haus, die mir monatlich 6 bis 8 Gulden eintrugen. Ich war freilich manche Nacht bis 12, auch bis 1 Uhr auf und bei der Feder, und hatte noch aus heftig erwachter Vorliebe zur Malerei mehrere Landschaften und Karikaturenbilder in Aquarell erzeugt.

Gemälde von Johann Neuhold - (Original bei Brigitte Winkler in München)

     Da bekamen wir aus der optischen Fabrik Rospini einen aus Karlsbad gebürtigen und von der Ries her mit uns bekannten Optiker-Gesellen namens Bernhard als Zimmerherren. Er war ein sehr geschickter Mann und sang sehr genau, wozu ich ihn mit der Guitarre begleitete. Er machte mir den Ring aus Messing zum Globus und brachte mir Augengläser zur Schonung der Augen wenn ich des Nachts so viel zu schreiben hatte. Er versuchte auch, mit einer elektrischen Maschine meine krummen Finger durch Elektrizität zu kurieren, da der traurige Zustand jetzt nach mehr als zwei Jahren auch an der linken Hand anfing.

     Der erwähnte Dr. Karner wurde zu Liezen in Obersteier Advokat und Notar. Da er selbst gar kein Vermögen hatte, streckte ihm der Maurermeister Mansberg die Kaution von 2400 Gulden vor, wofür  (131)   ich den Schuldschein schrieb. Alle Einrichtungen, Kleider, Wäsche, Schuhwerk, Bücher etc. wurden auf Kredit genommen. Da er meine Redlichkeit und Pünktlichkeit kannte, übertrug er mir seine in Graz zu besorgenden Kommissionen, wofür ich durch mehrere Jahre pro Monat 4 bis 5 Gulden verdiente. Nach und nach schickte er mir von seinem Einkommen Gelder zur Bezahlung des Möbelhändlers Schenk, der Wäschebesorgerin Frau von Pribeling, Schneider Fröhlich etc. Auch die 2400 Gulden erhielt ich zur Abführung an Herrn Mansberg.

     Weil es dem Dr. Karner gar so gut ging, so meinte er, alles mitmachen zu dürfen. Bei Jagden und Gebirgspartien hatte er sich ein Brustleiden zugezogen und starb nach acht Jahren Praxis an der Lungensucht. Er hatte in Wieselsdorf, Pfarre Preding, zwei verheiratete Schwestern, welche aus seinem Nachlass zusammen 4000 Gulden geerbt haben. Mir war es wirklich leid um ihn.

     Weil ich gerne Geld verdiente, hatte ich den Herrn Karner ersucht, mir noch zu jemanden zu verhelfen, dem ich Dienste leisten könnte; und wirklich hatte er dem Notar Kügerl in Rottenmann meine Aufrichtigkeit angepriesen. Für diesen hatte ich nun auch durch zwei Jahre die nämlichen Verrichtungen zu erbringen:  Gelder hier in der Sparkasse einzulegen, oder zu beheben, im Landhause oder in der Landtafel Abschriften und Extrakte zu besorgen. Alles ging immer mit beidseitiger Zufriedenheit vor sich.

     Als Herr Dr. Kügerl einst nach Graz kam, nahm er mich mit zum «Elefanten» zu einem Gabelfrühstück. Aber von dieser Zeit an hatte ich für ihn nichts mehr zu tun. Ich schrieb ihm zweimal um Bekanntgabe, auf welche Art ich bei ihm in Ungnade gefallen wäre, erhielt aber keine Antwort. Entweder hatte sich jemand anderer bei ihm eingeschmeichelt, oder hatte er an meiner Physiognomie Anstoss genommen? Für meinen von Natur aus finsteren Blick konnte ich ja nichts und je mehr ich die Augenbrauen beim Schreiben oder Malen niederzog, desto besser sah ich.

     Jetzt aber kamen gewaltige Verhängnisse über uns. Der Knabe Eduard, welcher in die Normalschule ging, wollte durchaus nichts mehr lernen und zeigte auch gar keine Lust, sich irgend einer Beschäftigung zuzuwenden.

     Der erwähnte Knaupert hatte zwei Söhne, Valentin war Seifensieder in Graz und Franz Seifensieder in Leibnitz. Zu diesem Letzteren kam Eduard in die Lehre, wurde aber – angeblich zu diesem Geschäft zu schwach – nach einem Jahr nach Hause geschickt.

     Wir haben ihn dann zu dem unserer Wohung gegenüber befindlichen Schneidermeister Korhammer gegeben, der Knabe sollte Schneider werden.  (132)  Da hier aber fast nur Militär-Kommissionsarbeit war, kam Eduard zum Schneider Maninger, wo er zu einem ordentlichen Gesellen ausgebildet wurde. Korhammer hatte einen Julius zum Sohne und vier sehr hübsche Töchter. Julius war auch Schneider. Eduard arbeitete bei den Meistern Muhr und Grosschepf. Eduard und Julius Korhammer gingen miteinander in die Fremde und hatten nach vielem Hin- und Herwandern in Pest auf einige Zeit Arbeit gefunden. Nach einiger Zeit schrieb Eduard, dass er das Herumflanieren satt habe und ich möge ihn in einer Kanzlei als Schreiber unterbringen. Beide Helden kamen dann zurück und Eduard wurde bei Dr. Wasserfall als Nachmittag-Schreiber aufgenommen.

     Vormittags war Eduard in der Kanzlei bei Dr. Rechbauer. Als dieser die Fähigkeiten des neuen Schreibers erkannte, nahm er ihn für den ganzen Tag zu sich. Infolge der Verwendbarkeit des Eduard wurde er vom Konzipienten Dr. Gmeiner ernstlich bestürmt, jetzt noch, obwohl schon 21 Jahre, zu studieren. Eduard wendete sich an den Gymnasialprofessor Richard Peinzlich, welcher ihm einen gediegenen Instruktor zum Privatstudieren verschaffte. Eduard machte solche Fortschritte, dass er in 7 Jahren das Gymnasium und alle höheren Schulen durchmachte, wobei ihm das durch 3 Jahre erhaltene Stipendium à pr. 200 Gulden aus der Mayfredy-Stiftung sehr zustatten kam. Nebstbei lernte er noch Französisch und Italienisch, dann von der Schneidertochter Maninger, Maria Aldrian, sehr geläufig das Zitterspiel. Das war doch viel!

     Nun erhielt er die Vorladung zur Rekrutenstellung und zwar damals, als er 19, resp. 21 Jahre alt war. Als die leidige Krümmung meiner Finger, ungeachtet aller mit unter sehr teuren Mitteln immer mehr zunahm, fiel mir der geniale Gedanke ein, die krummen Finger zur Militär-Befreiung des Eduard zu benützen. Der bereits erwähnte Dr. Kattowitz stellte ein Zeugnis aus, welches vom Kreisphysikus bestätigt wurde. Die zeitliche Befreiung wurde auf ein Jahr bewirkt und das Manöver gelang durch alle vier Alterklassen. Meine liebe Gattin wäre von Herzeleid gestorben, wenn Eduard hätte Soldat werden müssen.

     Wie jedes Jahr, so hatte ich auch Ende 1853 die Vermögensbilanz entworfen. Wir  hatten in der Sparkasse 2300 Gulden convenzionelle Münze. Alle Jahre haben wir die Jahrestage unserer Verlobung und unserer ehelichen Verbindung im Familienkreise mit eine paar lieben Freunden gefeiert. Dabei fiel mir immer ein, dass ich meiner Erwählten einen braven Mann versprochen hatte. Auch meine herzige Frau sagte: «Ich bekomme wohl einen braven Mann, denn er hat mich in seinem ganzen Leben nie böse gemacht». Da hatte ich immer den Schwur in mir erneuert, mein Versprechen zu halten.

     (133)  Als ich als Verzehrsteuer-Oberrevident auch beim Fleischer und Gastwirt Göbl vorhin in Stainz zu tun hatte, kamen wir zufällig auf die vor 20 Jahren von ihm sehr verehrte Anna Knölly, gegenwärtig meine liebe Gattin, zu sprechen. Oh, wie war er da hoch entzückt und begeistert und voll des Lobes für die so liebliche und tugendhafte Anna.

     Im Gasthof auf der Ries kam mit mehreren jungen Burschen aus der Stadt auch der bei Laibach gebürtige, seit mehreren Jahren bei dem Schneidermeister Blaschek als Zuschneider bedienstet gewesene Josef Schidan als Gast. Er wurde heimlicher Verehrer unserer Tochter Marie. Da sie gegen ihn heftige Zuneigung empfand, hielt er um ihre Hand an. Er wollte sich in Laibach selbständig als Schneider niederlassen. Aus unbegreiflicher Vorahnung entstand in mir eine Sympatie für diesen Krainer. Ich wollte, dass er sich in Graz etablierte.

     Die Verehelichung fand in Krain statt. Zuerst wurde das Geschäft in der Stadt Stein, drei Meilen nördlich von Laibach errichtet. Nach längerer Zeit sind wir, ich und die herzensgute Frau, per Bahn nach Laibach und von dort zu Fuss nach Stein. Marie kam per Wagen mit dem herzigen Knaben Victor uns auf halbem Wege entgegen. Nahe dem Orte entstand ein fürchterliches Donnerwetter. Nach drei Tagen reisten wir wieder zurück.
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Donnerstag, 11. März 2010

52. Dr. Wasserfallen und seine Frauen

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     Als infolge meiner erwähnten schriftlichen Ansuchen vom Advokaten Dr. Anton Wasserfall, Edler von Rheinbrausen, eine Einladung kam, trat ich am 15. November 1850 in dessen Kanzlei am Mehlplatz im Hause Café Spieler gegen monatliche 12 Gulden den Dienst an. Aber beim Auszahlen des halbmonatigen Gehaltes hatte der Herr Doktor den Monatsgehalt auf 18 bestimmt, da er meine Brauchbarkeit erkannte. Vor Antritt dieses Dienstes hatte ich beim Magistrate in Graz um eine Stelle angesucht, wurde aber abgewiesen, da ich nicht nachweisen konnte, beim Militär gewesen zu sein.

    Herr Dr. Wasserfall erhöhte nach und nach aus eigenem Antriebe meine Besoldung als Sollizitator auf 25 Gulden, dann auf 30 Gulden CM (Convertierte Münze), dann im November 1858 auf 32 Gulden und später auf 35 Gulden Wiener Währung.

     Er hatte unter seiner Frau, geb. Rossmann, Verwaltungstochter von Gutenberg viel Vermögen erworben, hatte drei Töchter, und die zwei Söhne studierten. Das Violinzel   (wahrscheinlich Violoncello) war sein Lieblingsinstrument.

     Aber von seiner neuen Geliebten, in die er unbändig vernarrt war, liess sich nichts Gutes erwarten. Sie war die Frucht aus dem erwähnten Schmiedsohn Leistentritt und der frechen Köchin beim «Goldenen Ross» bestandenen Verhältnisse, war dann beim Beamten und Vormunde Testales, dessen Gattin vorher einen höchst zweideutigen liderlichen Lebenswandel führte und jetzt Hebamme war, in Erziehung.

(127)  Sie wusste bei ihrer Schönheit und üppigen Gestalt fast alle Studenten zu betören und dann den Herrn Dr. Wasserfall in ihr Netz zu ziehen. Ungeachtet aller Warnungen von Seiten der Schwiegersöhne, Bezirkskommissar Professor Bauer und Dr. med. von Kottowitz, liess sich Herr Dr. Wasserfall, der damals der berühmte Advokat war, von der Kreatur umgarnen, dass er alle ihre Wünsche erfüllte und sie endlich heiratete, und zwar nach Übersiedlung in das Radschillersche Haus am Mehlplatz. Hier war es der frechen Person zu langweilig und der Herr Dr. musste am Hauptplatz im Lugeck eine teure Wohnung nehmen, damit sie recht unverschämt mit offener Brust am Fenster liegen, mit den im Café Nordstern gegenüber befindlichen Offizieren liebäugeln und sich von ihnen begaffen lassen konnte. Der Gehalt des Herrn Dr. als Landesausschuss per 2000 Gulden kam ihrer Verschwendungssucht sehr zustatten. Sie betrieb dieselbe so wie ihre Untreue grossartig. Was er bei seiner ersten, sehr wirtschaftlichen Frau erworben hatte, suchte die zweite in höchst ehrvergessener Weise zu vergeuden. Wenn sie in der Wohnung Gesellschaften und Konzerte veranlasste, kamen die Kosten jedesmal auf 100 Gulden. Sie mietete sogar in einem anderen Hause ein Zimmer, wohin sie ihre besonderen Besucher zitierte.

     Einst ging sie in ihrem Mutwillen einem Offizier in Marburg nach. Als der Herr Dr. sie von dort in schonendster Weie abholen wollte, schrieb sie ihm von Vöslau um Geld. Herr Dr. war wieder so gefällig, ihr einmal 50 Gulden, dann 70 Gulden zu senden, wo sie dagegen nur verdient hätte, ber Schub expidiert zu werden. Ich konnte mich nicht entschliessen, dieser schamlosen Ehrfurcht zu heucheln.

     Auf ihre Veranlassung wurde der so schöne, erträgliche sogenannte Doktorhof in Neustift oberhalb Andritz, dem Dr. Wasserfall gehörig, verkauft und dafür um 25000 Gulden ein grosser Weingarten bei Marburg samt schönem Herrenhause gekauft. Die in dasselbe nachgeschafften Möbel und Luxusgegenstände kosteten 5000 Gulden.

     Sie hatte die Kapritze, immer einen grossen Hund um sich zu haben. Da dieser jeden in das Haus Eintretenden grimmig anfiel, verlangte der Hausherr, Ritter von Warnhausen, entweder den Hund zu entfernen oder eine andere Wohnug zu suchen. Aber ehe sie ihrem Liebling entsagte, wurde eine andere Wohnung in der Herrengasse in dem Hause des Kaufmanns Stoklasa genommen. Dort hatte sie eine neue Bekanntschaft mit einem Offizier aus Prag, namens desLoges. Sie hielt dessen Schwester, eine wahre Meerkatze, längere Zeit bei sich als Gesellschafterin und vermochte sogar den Doktor zu überreden, dass alle zusammen zum Besuche der Eltern des Offiziers nach Prag reisten.

     (128) Nachdem dem grossen Hund von irgendjemanden Gift beigebracht wurde, kam die vierfüssige Bestie in das Tierspital, wo sie nach einigen Tagen verendete.

     Zufällig konnte aus einem an eine Freundin über den Tod des Hundes geschriebenen und schlecht versiegelten Briefe der Doktorin herausgelesen werden, dass sie im unermesslichen Schmerze um den Hund diesem einen grossen Kranz angeschafft und wegen Unzukömmlichkeiten mit demselben die Übersiedlung in die Schmiedgasse, Griesslersches Haus bewerkstelligte.


Als die Kanzlei noch im Radschiller'schen Hause am Mehlplatz war, lagen in einer besonderen Kammer die Akten in grösster Verwirrung durcheinander. Sooft die Conzipienten einen Akt benötigten, stöberten sie in der Rumpelkammer oft halbe Tage bis das Gesuchte gefunden wurde. Da nahm ich mir grosse Mühe, nach und nach den ganzen Kram Blatt für Blatt zu sondieren. Ich musste ein Register anfertigen und brachte über 100 Akten faszikel zusammen, wovon allein 17 den reichen Josef Sessler betrafen. Als der Herr Dr. meine sehr nötige und sehr zweckmässige Registratur bemerkte, rief er freudig aus: «Nun wird Licht!»

     Herr Dr. Wasserfall war ein grosser Bilderfreund und beschäftigte sich selbst als halber Künstler mit der Ölmalerei. Manchen Tag kam er nicht in die Kanzlei, und wenn er sich zur Durchsicht und Signierung der zu expidierenden Akten bequemte, wurde er von der nur auf Verschwendung und Zerstreuung sinnenden, aber keineswegs geistreichen Gattin zur Spazierfahrt abberufen.

     In der Kanzlei am Lugeck ging die Advokatur am stärksten. Das Personal bestand aus den Conzipierten Dr. Bartl und Dr. Karner, den Doktoren Glass und Maurer, aus mir als Sollizitator und aus 4 Schreibern.

     Die mit einem Fusse etwas hinkende Doktorin wusste einen kaum der Schule entwachsenen Bengel, Klumer, in die Kanzlei als Schreiber zu bringen. Der bekam von ihr den geheimen Befehl, das ganze Personal zu kontrollieren und ihr Bericht zu erstatten. Nachdem Dr. Maurer und Schreiber Prettenhofer entlassen waren, erfrechte sich der Bube Klumer zu sagen, dass er noch mehr wegbringe werde. Da erfasste ich ergrimmt ein Lineal, um ihn zu züchtigen. Schreiber Kreft wollte den Gauner bei seinen dichten Schopfhaaren ergreifen. Dieser aber ergriff die Flucht und kam anderntags mit glattgeschorenem Schädel, weil er sich doch vor dem Gerissenwerden fürchtete.

     Da mir einfiel, dass Klumer mutwilligerweise eine Schelmerei ausgeübt haben dürfte, und ich diesen Verdacht sogleich meiner lieben Frau mittteilte, hatte sie bei der mit uns gut bekannten Beschliesserin im Polizeihause, namens Maninger, sogleich erfahren, dass Klumer abends vorher in der Annenstrasse einem Geistlichen den Hut angetrieben habe und deshalb arretiert worden sei.

     Da der Bube zu seinem nächtlichen Ausfluge sogar den feinen Kanzleirock  (129) des neuen Konzipienten Dr. Decrinis anzog und dessen Regenschirm mitnahm, wurde die gänzliche Entlassung des Arretierten aus der Kanzlei begehrt und auch erwirkt. Den schon im Arrest gewesenen feinen Rock wollte Dr. Decrinis nicht mehr tragen und schenkte denselben mir. Mein Sohn Eduard hatte daran lange Zeit ein hübsches Kleidungsstück.

     Ich erkannte schon lange, dass die Doktorin auch meine Entfernung beabsichtigte, weil ich ihr nicht schmeichelte und huldigte, was bei meiner Abscheu aller Laster eine Unmöglichkeit war.

     Als einst sich die Kanzleiarbeiten sehr häuften, wollte der Herr Dr. noch einen Schreiber aufnehmen. Ich machte aber den Antrag, über Haus Schriften mitzunehmen und die Mundierung zu besorgen, was er bewilligte und ich dabei monatlich 5 – 6 Gulden, einmal sogar 18 Gulden verdiente.

     Alle möglichen Gelder gingen durch meine Hand. Ich hatte alle Besorgungen und Besoldungen auszuzahlen und die eingegangenen Summen an die Parteieen abzuführen, wobei ich manchen Gulden von Ihnen als Douceur erhielt. Der Herr Dr. hatte den beiden privat studierenden Schreibern Kreftet und Kratochwill zu guter Anstellung im Lande verholfen und hatte auch mir eine solche versprochen. So oft ich ihn aber daran erinnerte, sagte er immer: «Nur Zeit lassen, wird schon werden».

     Nachdem die ehrvergessene Doktorin Veränderung liebte, wurde für Wohnung und Kanzlei in der Paradeisgasse im Novak'schen Hause der 2. Stock gemietet. Nachdem sie sich hier an der Aussicht in die belebte Murgasse satt gesehen hatte, wurde in das Murmaier'sche Haus am Fliegenplatz überwandert. Da der Herr Dr. hier bei Dr. Murmaier seine Praxis einst begonnen hatte, wollte er auch in diesem Hause vollenden. Ich erinerte ihn nicht oft wegen einer guten Anstellung für mich im Landhause, aber er wollte mich nicht weglassen, weil er dann keinen so Verlässlichen mehr habe.

     Dr. Wasserfall war schon hoch in den Jahren. Da er seiner unersättlichen Fuchtel nicht mehr gewachsen war und ihre Liebhaber sich zurückzogen, wurde sie wegen unbefriedigter Leidenschaft wahnsinnig und starb an Tobsucht im Spital der Irrenanstalt. Durch ihre Verschwendug hatte sie es dahin gebracht, dass der grosse Weingarten bei Marburg samt dem schönen Hause und teurem Mobiliar wegen einer Forderung des reichen Sesslers per 16000 Gulden exekutive verkauft wurde.

     Über alle Schandtaten der nebenbei sehr dummen Doktorin könnte ein dickes Buch geschrieben werden. In der Kanzlei am Fliegenplatz war als Conzipient der Obersten-Sohn Dr. von Hofer, nachmals Advokat in Mureck.  (130)  Dessen die Medizin studierender Bruder war nachmittags Schreiber. Beide waren überaus freundliche Herren.

     Inzwischen kam der gute Dr. Wasserfall um seine durch 6 Jahre innegehabte Stelle als Landesausschuss. Da sonach die jährliche Besoldung per 2000 Gulden wegfiel und das Kanzlei-Erträgnis zur Bestreitung aller seiner Bedürfnisse nicht hinreichte, wurde er darüber so erregt, dass er im Mai 1871 am Herzschlage starb. Ich war nun nach einundzwanzigeinhalb Jahren brotlos. Ehe er seine oftmals gemachten Versprechungen, mich im Landhause unterzubringen, erfüllen konnte, hatte ihn der der Tod ereilt.
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Dienstag, 9. März 2010

51. Das Katerloch

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    In Graz hatte ich zufällig eine Broschüre vom Katerloch und der kleinen im Massstab der Adelsberger Grotte ähnlichen Grasslhöhle bei Weiz gelesen. Aus Neugierde machten wir, zusammen 9 Personen, uns an einem Sonntagnachmittag zu Fuss dahin auf und blieben in der Herrschaft Gutenberger Taverne über Nacht, wo es wieder viele Wanzen gab, wie in St. Georgen. Von dort ging der Weg tief abwärts, dann auf einem schmalen Stege über die hier noch sehr kleine aber heftig sprudelnde Raab. Im nächsten Dorfe nahmen wir einen Führer, der sich mit einer tüchtigen Tracht Spähne versah. Wir kauften Kerzen und der Eingang zur Höhle ist nah der Strasse von Weiz nach Fladnitz. Der Abstieg war aber gar nicht einladend, denn statt einer ordentlichen Leiter gab es einen Baumstrunk mit Fragmenten von Ästen, die als Sprossen dienten, auf welchen wir rückwärts hinabkrabbelten. Der Führer zündete einen Span und wir eine Kerze an und nun ging es an die Besichtigung der wirklich merkwürdigen Höhle.

     (126)  Links waren Abgründe zu vermeiden, vor denen uns der Führer ausdrücklich warnte. Da waren Wölbungen wie die grösste Kirche so hoch, dann wieder sehr niedrige, schmale Durchgänge, kleine Räume und überall die sonderbarsten Tropfsteingebilde. Auf einmal war an einer eisigen Wand ein kleines Loch, nicht grösser als würde man durch die Füsse eines Sessels schlüpfen. Als die anderen schon durchgekrochen waren, kam das Durchschlüpfen an meine liebe Gattin, aber mit ihrer Korpulenz blieb sie im engen Loch stecken. Von beiden Seiten musste geholfen werden, dass die Dicke durchkam.

     Wir kamen an einen wellenförmiger Berg, als ob das von oben herabströmende Wasser hier zu Stein geworden wäre. Wir alle waren von den gesehenen, grosserhabenen Naturkräften so begeistert, dass wir auf den versteinerten Wellen hinaufstiegen und oben in wahrer Andacht das schöne Lied «Grosser Gott, wir loben Dich» gesungen haben. Nach zwei Stunden Aufenthalt überkam fast einen jeden von uns ein Schauer und alle waren froh, schliesslich wieder draussen zu sein. Der Führer erhielt pro Person 10 Kreuzer. Im selben Dorfe hielten wir das Mittagsmal und gingen über Weiz abends nach Hause.
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Montag, 8. März 2010

50. Die Welt des Theaters

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     Bei dem Hause in der Körblergasse wollten wir eine Gärtnerei errichten. Da wurde meine arme Frau, die sonst sehr gesund und robust war, recht krank und wir gaben den Garten in Pacht.

     (124)  Nachdem ich auf der Ries meine rechte Hand fleissig mit kaltem Wasser bearbeitete, kam es mir so vor, dass ich wieder schreiben könnte. Ich machte dann mit ganz kurz gefassten schriftlichen Ansuchen meine Aufwartung bei den damals bestandenen 17 Advokaten und wartete geduldig auf eine Anstellung.

Unsere Gartenpächter hatten eine grosse Tochter; ein Sohn war Schneider und dann Feldwebel beim 27. Infanterieregiment und der zweite Sohn war Lehramtskanditat. Als dieser hörte, dass ich von jeher grosse Freude zum Theater hatte, sagte er, dass er mich unentgeltlich hineinbringen könne und da ging ich mit. Da führte er mich in den Kammersaal, wo die Ankleidung der Statisten vor sich ging und wir beide machten die Rollen der Statisten mit. Mir war zwar nicht um den Silbersechser für jede Mitwirkung zu tun. Mich interessierte hingegen, das Leben und Treiben hinter den Kulissen zu beobachten, wie der Theater-Oberintendant Ritter von Pittoni, der geistliche Oberarzt von dem Barmherzigen Spitale, der Kunstgärtner Schröfl jun. und sonstige angesehene Herren und Damen des Schauspiels und der Oper die Cour machten, wie sie mit allen möglichen Erfrischungen und seltenen Blumen aufwarteten und wie der Direktor fluchte und mit all seinem Personal lärmte und zankte.

     Da war ein Schauspieler namens Burggraf, der Fürsten, Könige und Kaiser darstellte. Wenn er von der Bühne abtrat und noch mit dem Purpurmantel angetan in sein Ankleidezimmer ging, wurde er von seinen Gläubigern heftig bestürmt.

     Der dicke Opernsänger Roth hatte ein vertrautes Verhältnis mit einer schmächtigen Choristin, worüber einst die anderen Choristinnen während der Oper «Der Prophet» hinter den Kulissen ihre Glossen machten. Herr Roth stellte diese Glossenmacherinnen zur Rede und diese beschwerten sich beim Direktor Thome, welcher den Roth mit den gröbsten Titulierungen beehrte, worüber ein gegenseitiges heftiges Beschimpfen entstand. Die Orgel spielte bereits und der Kapellmeister gab schon wiederholt das Zeichen zum Einsatz des Chores. Es war sehr komisch, wie nach den Bezeichungen Lump und Lauskerl dann der Chorgesang erschallte.

     Bei dem Stück «Die falsche Pepita» kommen recht wunderschöne Melodien vor, und bei der auf der Bühne der Pepita dargebrachten Serenade machte ich pantomimisch den Vorgeiger. Das Personal im Orchester wunderte sich über meine richtige Bogenführung und über meine gefühlvolle Haltung. Ein Trompeter hat mich nachträglich gefragt, ob ich musikalisch sei, weil ich als Vorgeiger stets graziös dastünde.

(125)  Bei der Gastrolle des Komikers Johann Nestroy kam auch ein besetztes Orchester auf der Bühne vor. Er spielte wirklich die Klarinette und ich figurierte neben ihm mit der Violine. Dabei trug ich aus der Theatergarderobe einen grossen, grauen Zylinder, der anwesende Theaterinspektor einen gleichen grossen Hut. Da er mit dem Theaterdirektor öfter sprechen musste, wurde ich von diesem irrtümlich ein paarmal für den Inspektor gehalten und auch öfter als solcher gerufen. Im Hintergrund der Bühne war auf der Mauer mit Kohle ein grosser Esel gezeichnet und in der Mitte der Zeichnung – vermutlich von böswilligen, boshaften Händen – stand der Name des Theaterintendanten von Pittoni.


     Ich kann nicht umhin, noch etwas von unserem Aufenthalt in Mureck nachzutragen, nämlich: Bei einer Rückkehr von Graz nahm ich einst den Vater meiner herzigen Gattin, Paul Knölly, mit mir. Nach einigen Tagen machte er sich zu Fuss auf die Reise nach Luttenberg, Friedau, Saurisch, Ankenstein, Dornau und Pettau, um, wie er sagte, vor seinem Hinscheiden noch alle Bekannten und Verwandten zu besuchen und von ihnen auf ewig Abschied zu nehmen. Nach kurzer Zeit packte ihn die Altersschwäche gewaltig. Ein Auge verlor sich von selbst und das Gedächtnis wurde so schwach, dass er meine holde Gattin, wenn sie nach Graz kam und ihn bei der Schwester, verehelichte Fischer, besuchte, gar nicht mehr erkannte. Wenn ich bei meinen Verzehrsteuer-Bereisungen nach Graz kam, liess ich manchen Gulden bei der Marie Fischer, die sehr zärtlich für den Alten sorgte. Es war ergreifend wehmütig zu sehen, wenn er, der 13 eigene Kinder zu ernähren im Stande war, jetzt um ein Stück Brot bat. Er erreichte ein Alter von 86 Jahren.
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Samstag, 6. März 2010

49. Wir sagen der Ries adé

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     Wegen Verkauf unseres Hauses in Mureck hatten wir immer Pech. Nach und nach kamen Käufer zum Weber Semmler, der die Verkaufskommission über sich hatte. Das Gebäude gefiele jedem und die Besichtigung der dazugehörigen Grundstücke wurde auf Nachmittag bestimmt. Als aber die Kaufsliebhaber über Mittag im Gasthause ihre Anliegen erzählten, gab es wieder solche schadenfrohen Bürger, die gegen mich aus dem Grunde unfreundlich gesinnt waren, dass ich bei ihrem Pozesse gegen meinen Chef-Syndikus Leschanz auf dessen Seite war. Daraufhin wurden die Käufer abgeredet.

     Anfang 1848 hatte der ehemals in unserem Hause wohnhaft gewesene Schneidermeister und nun als Revierjäger in der Herrschaft Oplonitz bei Windischfeistritz angestellte Herr Steinecker mir geschrieben, dass er einen Hafnermeister als Käufer wisse. Ich hatte mich entschlossen, statt einer Antwort gleich selbst dahin zu reisen und womöglich den Kauf abzuschliessen.

     Am 1. Mai 1848 fuhr ich per Bahn nach Pragerdorf, ging dann eine Stunde bis Windischfeistritz. Dort erfuhr ich aber, dass Steinecker nach Reifenstein, zwei Stunden seitwärts von Cilli überetzt worden sei. Mein Weg ging da nur durch einen Wald nach Pöltschach, und von dort zu Fuss seitwärts, unter strömendem Regen nach der Bahn zur Station St. Georgen.


     Obwohl das Gasthaus, wo ich hier übernachtete, hübsch restauriert und mit sauberer Einrichtung und neuen Betten versehen war, gab es Flöhe und Wanzen, was ich nicht vermutet hätte. Andern Tags früh entfloh ich diesen Vampiren. Als ich dann mit Reinecker zum benachbarten Hafnermeister als sein sollender Käufer kam, war dieser vor einigen Tagen mit einer Fuhre Töpferwaren nach Kroatien gefahren und wurde erst in einem Monat zurückerwartet.

     Von Wien kam einst die erwähnte Karoline Süssmeier, nun verwittwete Rechel, die mit meiner Schwester wegen Lieferung steirischer Kapauner in Geschäftsverbindung war, zu uns auf die Ries zu Besuch. Nach gemachter Bekanntschaft mit meiner holden Gattin wurde ich von Frau Rechel als sehr glücklich gepriesen, einen solchen  (122)  Juwel zu besitzen. Meine hochherzige Gattin hatte wirklich die Eigenschaft, dass sie jedem, der sie kannte, Achtung und Ehrfurcht vor ihr einflösste.

     Von den nun vielen Gästen benahmen sich auch mehrere als Verehrer unserer zur Jungfrau gereiften, aber nicht sehr gross gewachsenen, talentvollen Tochter Marie. Da waren besonders drei Gürtler Gesellen und unzertrennliche Freunde verschiedener Nationalitäten, die sich ihre Gunst erworben hatten.

    Als die unruhigen Zeiten vorüber waren und nun unser Gasthaus recht in Betrieb kam, wurden die Lokale zu klein und ich entwarf einen Plan, wegen Zubau eines Zimmers für wenigstens acht Tische. Die gerichtliche Baukommission wurde abgehalten und ich hatte wegen Baumaterialien schon Akkorde abgeschlossen. Aber meine liebe und immer mehr überlegende Gattin meinte, wir hätten uns nun glücklich aus dem Pech herausgeholfen, es wäre besser, die Realität zu verkaufen, als nur durch den Bau neuerdings in Schulden zu stecken.

     Im März 1850, nach fünfjährigem Hoffen und Harren haben wir endlich unser Murecker Haus an den in demselben gewesenen Schneidermeister Franz Zürngast um 1950 Gulden Verkauft. Nach Verhältnis der eigenen Kosten dieser Realität 350 Gulden eingebüsst. Beim Aufpacken unserer Habe im Februar 1845 in Mureck blieben einige Truhen, die auf dem Wagen nicht mehr Platz hatten, am Heuboden zurück. In dieser Truhe war nebst anderen unbedeutenden Sachen auch die in freudiger Erinnerung an meine eheliche Verbindung als Reliquie wortgehaltene Stickrahme verwahrt. Als ich diese Truhe samt Inhalt an den Hauskäufer um 9 Gulden überliess, hatte ich in unbegreiflichem Leichtsinne die Stickrahme vergessen. Bei dem ermüdlichen Eifer hatte ich gar nicht mehr daran gedacht. Als mir diese Reliquie wieder ins Gedächtnis kam, war sie nicht mehr zu haben. Ich rechnete mir diese unverzeihliche Vergesslichkeit als grosse Sünde an.

     Als wir auf unserem Acker eben mit Kukuruz-Häufeln beschäftigt waren, meinte meine liebe Frau, ob wir mit dieser Arbeit wohl vor dem Verkaufe der Landwirts-Realität fertig werden. Welcher Zufall! Da kam richtig der beim Schlögelwirt am Grazbach durch 18 Jahre als Kellner bedienstet gewesene Franz Hahn als Käufer. Wir verkauften an ihn das Ganze um 3100 Gulden CM (Convertierte Münze), dazu Weinvorräte und einige Fahrnisse um 131 Gulden. Die intabulierten Schulden hat der Käufer übernommen und nach erhaltener Darangabe per 500 Gulden wurde der Kaufschillingsrest intabuliert.

     (123)  Nun hatten wir in der mittleren Körblergasse zu Graz die Behausung des pensionierten Ingenieurs Horak samt eineinhalb Joch grossen Garten und einigen Einrichtungsstücken am letzten Juli 1850 um 2600 Gulden erkauft und bezogen. Der Ries, wo wir uns durch beinahe 6 Jahre erfolglos geplagt haben, sagten wir adé. Nach genauer Berechnung zeigte es sich, dass wir, nach Einbringung in den ersten zwei Jahren erlittenen Schadens, gerade mit heiler Haut davon kamen. Was an Werk- und Brennholz, dann Werkzeug, Kästen, Betten, leeren Fässern etc. von der Ries uns geblieben ist, liess die Resch, die Schwester, durch den Knecht in sieben einspännigen Fuhren herabführen.

     Aber mit dem Krippenspiel wusste der neue Ladenwirt nichts anzufangen und ich und der bei uns oft sonntags Aushilfe-Kellner gewesene Schneiderssohn Grimmer hatte dasselbe auf zwei Stangen nachts bei Mondlicht mit viel Beschwerden herabgeschleppt. Im Hause aber war kein Platz dafür, so stellte ich die Geschichte unter das hofseitige Vordach.


     Bei den Vorstellungen auf der Riess hatte ich bemerkt, dass der Vergolder Sagmeister nächst Maria Hilf in Graz mein Krippenspiel oftmals mit grösster Aufmerksamkeit betrachtet hatte. Als die feuchte Herbstwitterung an der Papp- und Leimarbeit und an der mechanischen Vorstellung Verderben androhte, trug ich dasselbe dem Sagmeister um 5 Gulden zum Kaufe an. Der Handel wurde abgeschlossen und Sagmeister stellte nach vorgenommener Reparatur und sonstigem Aufputz das Objekt in einem grossen Arbeitslokal auf. Er liess für Zuschauer einen schief erhöhten Stehplatz errichten und kündigte anfangs Advent für jeden Abend halbsieben Uhr die Vorstellung an.

     Natürlich konnte diese ohne mich nicht stattfinden, da ich innerhalb der Anlage alles regieren und zugleich explizieren musste. Man kann sich denken, welche gute Einnahme erzielt wurde, da ich in den Monaten Dezember und Jänner für meine Bemühung 28 Gulden und für Schreiben der Explikation 2 Gulden erhielt. Ein mit einer Drehorgel herumziehender Invalide sah die Vorstellung, kaufte dieselbe um 25 Gulden und hatte die Absicht, einen kleinen Handwagen anzuschaffen und darauf das Krippenspiel von Dorf zu Dorf zu führen. Als ich ihm aber das innere Geheimnis zeigte, sagte er, dies erlerne er sein Lebtag nie und bat den Sagmeister unter Zurücklassung der 5 Gulden vom Verkauf abzustehen. Ein Mesner von Bruck kaufte den Kram um 25 Gulden.
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Donnerstag, 4. März 2010

48. Kriegsgeschrei

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     Mit dem 15. März 1848 kam für mich wieder eine verhängnisvolle Zeit heran. (118) Als die revolutionären Unruhen begannen, getraute sich fast niemand mehr aus der Stadt heraus. Wir sassen aus Mangel an Gästen wieder in einer fatalen Soss. Mich drängte es öfter, in die Stadt zu gehen, um zu sehen, was es Neues gab. Alles war in grösster Aufregung und Verwirrung und niemand war sich klar bewusst, was bezweckt werden sollte. Die Nationalgarde wurde errichtet. Patrouillen durchstreiften die Stadt und massenhaft zog Militär bei uns vorbei nach Ungarn, welches sich empörte und sich vom Haus Österreich ganz lostrennen wollte.

      Wir hatten durch Einquartierung sehr viel zu leiden und die Nachtkreuzer für das Bett der Soldaten steckte der Gemeinderichter ein. Sogar unser Acker wurde von berittenen Militär-Kommissionen wegen allfälliger Errichtung von Schanzen besichtigt. Der Grazer Schlossberg wurde mit Palisaden, Schiessscharten und sonstigen Befestigungen versehen. Es gab immer viel zu schauen und zu hören. Studenten hatten sich bewaffnet und zogen mit Säbel schleppend mit drohenden Gebärden umher. Der vom Duell beim Brunnsee bekannte Petritsch war einer der eifrigsten Anführer.

 Ein Gemälde von Johann Neuhold (Original bei Brigitte Winkler in München)

     Goldarbeiter Benedetti und Dr. Emperer hielten dem Gouverneur Grafen Wickenburg    den Strick, mit welchem sie ihn zu erhängen drohten, unter die Nase, wenn er nicht das allgemeine Aufgebot erlasse, den durch Windischgrätz bedrohten Wienern zu Hilfe zu kommen. Auf Veranlassung des Gouverneurs erdröhnten dann am Schlossberge mehrere Kanonenschüsse als Aufruf zum Landsturm. Und sehr viele Studenten und andere zogen nach Wien.


     Nicht lange darauf kam in meinem Hause am Mühriegel zu Graz Feuer aus. Ich ging zum Nachbar Goigner, da von dessen Hause das Feuer beobachtet werden konnte. Da erscholl von der Kaserne in der Leonhardgasse her ein furchtbarer Lärm; 100 Husaren entkamen samt Pferden, sprengen über die an der Leonharder Maut zugezogenen Schranken und gallopierten über die Ries, da sie ihren Landsleuten zu Hilfe kommen wollten. Als ich von Goigner weg durch den stockfinsteren Wald hinaus auf die Strasse kam, gallopierten die Desserteure eben vorüber. Zwei davon ritten zurück, als sie mich erblickten, nahmen sie mich in ihre Mitte und mit gezogenem Säbel kommandierten sie: «Vorwärts!» Ich musste zwischen beiden wie ein Gefangener dahinschreiten. Als ich aber heftig protestierte und nur langsam ging, die Truppe auch schon weiter trappte, sagte einer der Kerle: «Geh zum Teufel!» und sie jagten den anderen nach. (120)  Uns und dem Fuchswirt geschah von dieser Rotte nichts. Aber weiter hinaus begehrten sie bei den Gasthäusern den Wein gleich schäffelweise mit dem Bedeuten: «Gott wirds zahlen!»

     Von der erwähnten Familie Plank kam im Jahre 1847 der 17jährige Sohn Heinrich zu uns auf die Ries. Er kam dann unter Vermittlug des Dr. Lener, Arzt im Transportsammelhaus zur Artillerie als Tambur, wurde nach Einnahme der Festung Ofen Leutnant und nach mehreren Jahren als Major pensioniert.


     Als im Jahre 1849 die traurigen Begebenheiten in Ungarn stattfanden, kamen von dort viele kranke Soldaten, wovon manche nicht mehr weiterkonnten und bei uns liegen blieben. Daher wir solche durch einige Tage aus Barmherzigkeit pflegten. Es war schauderhaft zu sehen, wenn in der Abenddämmerung lange Wagenzüge kranker, plessierter und toter Kroaten aus Ungarn bei uns vorbei nach Graz kamen. Die Begleitung derselben hatten in Molltönen Trauerlieder gesungen.

     Dann wurden in unserer Gegend viele gefangene Honveds einquartiert. Die Eskorte derselben waren lauter Stockpolen aus Galizien, welche kein Wort Deutsch verstanden aber ungemein erfreut waren, dass ihnen meine liebe Gattin in der zu Friedau erlernten, mit der polnischen verwandten slowenischen Sprache verkehrte.

     Als von den Ungarn 20 000 Kroaten nächst Hartberg nach Steiermark versprengt wurden, war die Angst vor diesen als Räuber und Mörder verrufenen Truppe auf das Höchste gestiegen. Da dem Vernehmen nach diese Versprengten den Weg in ihre Heimat über Graz nehmen sollten, hatten auf der ganzen Strecke hierher die Gemeindeorgane befohlen, alles Vieh und auch Wertvolles in Sicherheit zu bringen.

     Aus Angst über das Leben unserer Kinder hatte ich diese zum Schwager Peter Stadler, Bahnwärter in Spielfeld, gesendet und glaubte sie dort am besten gesichert, falls die Kroaten, die – wie alle Leute mit Bestimmtheit wissen –, auch Kinder ohne Barmherzigkeit umbringen, bei uns vorbeikämen. Die einzige Kuh hatte ich bereits viel früher verkauft.

     Ich hatte in der im Keller für Bierlager bestimmten tiefen Grube unsere besten Sachen versteckt, und leere Fässer darübergestellt. Aber alle Ängste und Mühen hätte ich mir ersparen können, denn da die Grazer Bürgerschaft unaufhörlich den Herrn Gouverneur bedrängte, die Kroaten-Invasion von unserer Gegend abzuwenden, und eine Stafette nach der anderen bei uns vorbeisauste, gelang es dem Gouverneur, zu bewirken, dass der gefürchtete Zug von Gleisdorf über Feldbach und Gleichenberg marschierte und sich in der Miseldorfer Haide teils in Natura und teils in Barem bestreiteten. So musste ich, da wir  (121)  das Haus in Mureck noch besassen, einen Kostenanteil von 1 Gulden, 25 Kreuzer als Brotgeld beisteuern.

     Von dort kam der ganze Schwarm, mehrenteils barfuss und zerlumpt durch Mureck nach Spielfeld über Marburg in den Tesenwald zum weiteren Rastlager. Wir hatten so viele Angst vor den Kroaten. Unsere nach Spielfeld gesendeten Kinder hatten von dem auf einer Anhöhe gelegenen Bahnwärterhäuschen den ganzen Zug ohne alle Unannehmlichkeiten mit angesehen. Marie erzählte oft von dem erbärmichen Aussehen dieser Karawane.
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Nachträglicher Kommentar von Eberhard am 7. März 2010:

Brigitte in München schreibt zu dem Bild von Johann Neuhold (siehe weiter oben):

     "Das schöne Bild, das bei mir an der Wand hängt, 
     ist ein Aquarell, wie alle anderen auch. 
     Ich glaube nicht, daß ich mich irre."

Eberhard dazu:  Ich vermute, es ist nicht ein Aquarell, sondern ein Guasch- bzw.  Gouache-Bild, also nicht mit lasierenden (durchschimmernden) Farben, wie im Aquarell, sondern mit deckenden Farben. Sicher bin ich nicht.   E.W.
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Montag, 1. März 2010

47. Zurück nach Graz, dort auf die Ries

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     (114)  Im Feber 1845 wanderten wir fort über Radkersburg nach Mureck, übergaben dem Webermeister Semler die Kommission wegen Verkauf unseres Hauses und fuhren dann mit dem Murecker Boten nach Graz, wo wir bei Marie, der Schwester meiner guten Frau, verehelichte Fischer, einstweilen Unterkunft hatte. Nun galt es, Beschäftigung zu suchen. Da ich wegen meiner schmerzhaften Hand in keinen Kanzleidienst eintreten konnte, suchten wir nach allen Seiten ein Gasthaus zu kaufen. Bei unserem Herumstöbern führte uns das Schicksal auf einen Berg bei Graz – die Ries – eine Stunde ausser der Stadt und handelten um das auf einem schönen Aussichtpunkte befindliche Ladenwirtshaus, welches ich schon von der Zeit her kannte, da ich als Schulknabe hier vorbei nach Hartberg auf Ferien kam. Das Gebäude samt beiläufig 2 Joch Grundstücken und einigen alten Obstbäumen kostete 2600 Gulden CMze (Convertierte Münze). Nach Übernahme der darauf liegenden Haftschulden hatte uns meine Schwester Aloisia, verehelichte Resch, Geflügelhändlerin in der Herrgottswiesgasse zu Graz, zur Tilgung des Kaufschilling-Restes und zu dringenden Bedürfnissen einstweilen ohne Schuldschein 1000 Gulden geliehen. Wir hofften, unser Haus in Mureck bald anzubringen, und aus dem Erlös die 1000 Gulden an Resch zurückzuzahlen.

Ich marschierte wieder nach Mureck (auf die Landkarte klicken), wo ein Bauer aus Gosdorf unsere Einrichtungsstücke samt Hobelbank und Werkzeug aufpackte und auf die Ries führte. Unterwegs kehrten wir in einem Gasthause am Leibnitzer Felde ein. Als ich am 23. Februar, 4 Uhr früh von dort bei grimmigster Kälte fortging, hat auf dem Wege bis Wildon meine arme Nase durch Frost sehr gelitten, sodass die Röte derselben für immer verblieb.

Am 25. Februar 1845 hatten wir den Gasthausbetrieb übernommen, aber so viel Mühe wir uns gaben, das Geschäft zu heben, es wollte uns nicht gelingen. Nachträglich hatten wir erfahren, dass der Vorfahrer Ertl, nebenbei Revierjäger des Herrn von Haidegg, sich um die Wirtschaft nie viel kümmerte, und dass seine junge, hübsche Frau ihre besonderen Liebeleien hatte, wodurch das Geschäft ganz vernachlässigt wurde. Das Gasthaus geriet so beinahe in Vergessenheit.

Unsere Bekannten von der Stadt, die an schönen Sonntagen uns gerne besuchten, waren nicht sehr zahlreich und konnten uns nicht aus der Klemme helfen. Reisende und Hebräer machten nur kleine Zechen. Das Haus in Mureck hatten wir wegen Mangel eines Käufers noch nicht verkaufen können. Auf der Realität hatten wir 3700 Gulden CM (= Convertierte Münze) zu verzinsen.

     (115)  Nebenbei befasste ich mich mit der Binderarbeit, machte wieder Wasserschäffer, Waschzuber, Krautbottiche etc., und reparierte zur Zeit der Obstmosterzeugung die Fässer bei den Nachbarn und arbeitete auch als Tischler.

     Wie gerne hätte ich meine Kenntnisse im Schreibgeschäft verwertet; aber hier ging jeder, der was brauchte, zur Herrschaft.

     Ich hatte 60 neue Obstbäume bei unserer Besitzung gepflanzt, wovon aber mehr als zwei Drittel gestohlen wurden. Nebst dem Brunnen hatte ich einen klafterhohen Pappelbaum eingesetzt, welcher sehr rasch emporschoss und von allen Gegenden zu sehen war.

     Zu den mit dem Hause übernommenen 7 Tischen verfertigte ich noch sehr viele weitere nebst Stühlen und Bänken. Das sehr schadhafte Strohdach des Wirtschaftsgebäudes musste ausgebessert werden, der Kuhstall neu gewölbt und mit neuer Türe versehen werden. Auch die Dreschtennen mussten ganz neu gemacht werden, was alles grosse Kosten verursachte.

     Der 14 Klafter tiefe Brunnen hatte vor Zeiten eine auf 4 Säulen ruhende Bedachung, dazu auf langer Kette hängende und über ein Rad laufende Wassereimer.

     Bei dem einst an diesem vormals aus Holzladen gezimmerten Hause – daher die Benennung «Ladenwirt» – entstandenen Brand fiel die brennende Bedachung des Brunnens in diesen hinein und niemand scherte sich darum. Als einst uns und den Gästen das Brunnenwasser auf einmal sehr übel schmeckend vorkam und nach Kohlengas gerochen hat, auch das ganze Leitwerk schadhaft war, versuchten wir mit Kraft-, Zeit- und Geldaufwand das 10 Schuh hohe Wasser im Brunnen auszuschöpfen und die noch darin durch Hinabfall festgekeilten, halb verbrannten Hölzer herauszubringen.

     Drei Klafter lange Leitern, eine zwei Eimer haltende Kurbel nebst langem Seil, dann zwei ganz neue Röhren, wozu das Lärchenholz gar vom Schöckel geholt wurde, und ein zweites Vetil etc. mussten angeschafft werden.

     Aber was sechs flinke Taglöhner von früh bis spät abends mit dem Kübel drei Tage lang herausschöpften, zählte nichts, denn der unterirdische Wasserlauf war zu stark.

     Wir konnten nicht alle unter Wasser gesteckten Hölzer mit grösster Anstrengung und Lebensgefahr herausbringen, und die ganze Arbeit samt Material nebst neuem Druckgeleite hat 80 Gulden gekostet. Das Wasser war jedoch wieder besser.
    
     (116)  Im Brunnenhaus war es so kalt, fast wie in einer Eisgrube, daher war im Sommer auf neunlangen Stricken ein grosses Fleischquantum mehrere Tage lang gut erhalten.


    Wenn am Sonntagnachmittag die Leute scharenweise über den Berg heraufkamen, machte ich an dieselben ehrfurchtsvoll die ergebendste Einladung, meine gewiss vortrefflichen Getränke an Bier und Wein nebst schmackhaften Speisen zu versuchen. Aber es war zum todärgern, wenn ich die Antwort erhielt, sie gingen nur so spazieren, und ich dann zusehen musste, wie sie alle beim benachbarten Fuchswirt hineinströmten!!!

     Oh Pech über Pech! Nach und nach kamen doch Soldaten von Windischgrätz Chevazlegers, darunter war ein Mann namens Vogel. Der trank nachmittags 14 halbe Bier und sein Kamerad Stiglitz 18 Halbe. Diese zwei waren Deutsch-Böhmen und die ärgsten Biersäufer. Die einheimischen Grenadiere hingegen waren gern gesehene Gäste.

      Nachdem wir hier bereits zwei traurige Jahre verpassten und bei aller Rührigkeit eine jährliche Einbusse von 400 Gulden erlitten, kam mir, um mehr Gäste heranzuziehen, endlich der Gedanke, hier wie schon in Mureck ein sogenanntes Krippenspiel mit mehr als 300 beweglichen Figuren zu verfertigen. Ich schnitzte, pappte, malte Tag und Nacht. Als dies hier bekannt wurde, kamen mehr Besucher zu meiner Arbeit; das Fertigwerden sowie der Betrieb der Vorstellung wurde mit Ungeduld erwartet.

     In zwei Monaten, während welcher Zeit ich jede Nacht nur eine Stunde geschlafen hatte, war ich fertig Die Materialien hiezu hatten uns 16 Gulden gekostet. Nun kamen häufig Gäste von allen Seiten. Während ich im Extrazimmer einen Teil der schaulustigen Gäste mit der Vorstellung eine halbe Stunde unterhielt, hatten indessen die darauf Wartenden im allgemeinen Gastzimmer gezecht. Manchen Sonntag musste ich die Vorstellung vier bis fünf mal beginnen. Ich war mit 1 - 6 Kreuzer pro Person zufrieden, was jeder nur gab, wenn das Geschäft nur vorwärts ging. Wenn alle Gäste gewissenhaft gewesen wären, hätten wir auch etwas erübrigt.

     Ich musste die sogenannte mechanische Vorstellung innerhalb regieren und zugleich explizieren, wozu ich den Text fast durchaus in Reimen zusammenstellte. Jeder Besucher war zufrieden. Es gab Familien, die das Krippenspiel schon mehrmals gesehen hatten und deshalb doch wieder gerne kamen.

     (117)  Nebenher bemühte ich mich, die Gäste mit Anekdoten, Deklamationen und komischen Liedern mit Guitarre-Begleitung zu unterhalten, während meine liebe Gattin in der Nähe emsig beschäftigt war und die Tochter Marie mit Luise Plank die Gäste bedienten.

     Ich habe sehr viele Lieder dem Geschmack meiner Zuhörer anpassend selbst verfasst. Wenn ich auf der Flöte Walzer oder Polka spielte und Marie mit der Guitarre taktmässig dazu stimmte, wurde oft bis Mitternacht getanzt.


     Wenn verschleierte Damen gekommen sind und diesen Jux sahen, begaben sie sich mit der Äusserung: «Ach, da geht es aber gemein zu ...» in das Extrazimmer. Als sie aber den alle Gesellschaftsklassen ansteckenden Jubel wahrnahmen, hielten es die zarten Damen nicht mehr aus, legten Hut und Schleier ab und tanzten ebenfalls in höchster Lust mit, selbst dann, wenn ich zur Guitarre mit dem Munde alle Tänze pfiff, wobei ich mit der Zunge die schönsten Triller und Variationen machen konnte.

     Wir hatten jährlich durchschnittlich 600 Personen, Handwerksburschen etc. gegen sehr billige Unterkunft über Nacht. Ordinäre Liegestätte im Haus oder am Zimmerboden mit Strohsack, Polster und Decke um 4 Kreuzer, ein gutes Federbett im Extrazimmer zu 12 Kreuzer.

    Die Felder hier waren sehr sandig mit schwachem Humus. Die darauf zur übrigen Zeit aufgelesenen Steine wurden zur Strassenschotterung verkauft.

     Im Jahre 1847 kam wieder eine unangenehme Begebenheit über mich. An beiden Seiten einer Linie der inneren Fläche der rechten Hand zeigten sich feine schwarze Punkte, wie mit Bleistift betupft. Ich achtete nicht weiter darauf, aber in einigen Monaten hatte ich bemerkt, dass diese Punkte in die Tiefe gingen. Ich habe sogleich unseren Arzt Wagner gefragt, ob und wann diese Punkte werden eine Bedeutung haben und er sagte mir: «Lassen Sie sich nicht auslachen, dies hat alles nichts zu bedeuten». Wieder nach mehreren Monaten bemerkte ich aber, dass die zwei Punkte immer tiefer wurden, die Linie fast holzig wurde und der Nebenfinger nicht mehr gerade war wie früher.

     Der Arzt hat sogleich Salben verschrieben, aber der Nebenfinger zeigte immer mehr und mehr einwärts, ohne dass ich dabei Schmerzen empfand.

     Von Ostern 1845 an habe ich den leidenden Oberarm täglich längere Zeit mit kaltem Wasser frottiert und nach ein paar Jahren wurden die Schmerzen weniger.
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