.
Niemand kann meine Traurigkeit über diese Umstände ermessen, wir hatten doch schon alle Vorbereitungen zu unserer goldenen Hochzeit getroffen. Es war nun die grösste Vorsicht geboten, die Frau in guter Laune zu erhalten. Als die Enkelin Anna in Smyrna und ihr Bräutigam, Anton Messner, alle nötigen Schriften zur Verehelichung beisammen hatten, kam ein neuer Marine-Kommandant nach Pola, der eine Verheiratung seiner Untergebenen durchaus nicht gestatten wollte. Erst durch Vermittlung des Herrn Generalkonsuls in Smyrna kam die Bewilligung zustande. Wegen des zweifelhaften Zustandes meiner lieben, armen Frau wollten wir nicht länger warten und der 30. Mai 1880 wurde zu unserem Jubiläum bestimmt.
Schon der Seltenheit wegen bei Schreibern wurde die goldene Hochzeit beschlossen. Zu dieser kam auch aus besonderer Hochachtung gegen uns die erwähnte herzensgute Karoline. Herr Meister von Pettau und dessen Sohn sandten delikate Schinken.
(150) Die Schwester des Herrn Major Plank verfertigte aus echtem Goldpapier eine schöne Krone und dazu ein prachtvolles, gesticktes Polster. Frau Anna Ressler, Tochter des erwähnten Valentin Knaupert, welche bei unserer ersten Hochzeit Kranzljungfrau war, kam auch, mit der Tochter und dem Schwiegersohn, Herrn Göbmer, welcher ein Fass guten Bieres spendete. Dann kam noch die sehr ehrenwerte Familie Wawrinek und unser Sohn Eduard.
Die ganze Gesellschaft ist dann in sechs Wägen durch die Griesgasse über die Lend zur Kirche St. Andrä gefahren. Der Knabe des Sohnes trug auf dem schönen Polster die Krone bis zum Altar. Die vom Polster herabhängenden seidenen Bänder wurden an der Seite des Knaben von den kleinen Töchtern des Herrn Gröbmer und des Sohnes Eduard gehalten. Während des langsamen Zuges zum Altar ertönte vom Chor ein Choralgesang.
Ich wollte, dass der Kaplan Posch die Trauung vornähme, aber der alte gemütliche Pfarrer wollte sie selber abhalten. Dabei erlaubte er sich den Spass, bei den gewöhnlichen Fragen der Liebe und Treue an meine, nun 79jährige liebe Frau die Frage zu richten, ob sie auch künftighin die ehelichen Pflichten erfüllen wolle. Nach glücklich vollzogener Zeremonie fuhren wir auf dem obigen Umwege zu unserer Wohnung.
Eine sehr gefällige Nachbarin stellte inzwischen die Tafel her, wozu der Hausherr eine prächtige Torte spendete. Frau Redler kam nicht dazu, da sie von der Kirche weg mit der Familie Gröbmer der Karoline zuliebe eine weitere Landspartie unternommen hatte. Doch alle bei der Tafel waren guter Laune. Nachdem davon viel übrig blieb, veranstaltete die Tochter abends eine Nachhochzeit, wozu die Schwester des Hausherrn und mehrere noch im Hause wohnhaft und gegen uns immer freundlich gewesene Personen, darunter die Sollizitatorswitwe Belowitsch geladen waren.
Die ganze Geschichte kam in Barem auf 90 Gulden, wozu Frau Redler, Frl. Karoline und unser Sohn zusammen 25 Gulden beisteuerten. Wie bereits erwähnt, wurde ich vom Dienste bei Dr. Reedi, bei dem ich 9 Jahre Sollizitator war, am 30. Juni 1880 enthoben.
Infolge der vielen ausgestandenen Schrecken mit meiner armen Frau hatte ich seit dem 31. Juli 1876 in meinen Händen ein starkes Zittern, welches immer ärger wurde. Mit der Feder ging es schon so schwer. Ich erkannte, dass ich kein Schreibergeschäft mehr antreten könnte. Wo ich mich zu anderen Beschäftigungen erkundigte, hiess es immer, es gibt junge Leute genug, die den Vorzug haben. Wir waren also auf die Gutherzigkeit des Sohnes angewiesen. Im Juli war seine Frau nach langer Krankheit gestorben, so zogen wir am 12. August 1880 zu ihm.
.
Donnerstag, 8. April 2010
Freitag, 2. April 2010
59. Der Dämon der Eifersucht erwacht
.
Von Pola bis Istrien machten die Marine-Mannschaften nach verschiedenen Gegenden per Dampfschiff öfter Exkursionen. Als einst (148) der Marine-Kommandant mit dem Schiff Pustozza nach Smyrna (Izmir) fuhr und die ganze Musikbande mitnahm, gab er dort auf dem Schiff ein grosses Konzert, wozu der Herr General-Konsul von Herzberg samt Familie und allen Nobeln geladen waren. Bei dieser Gelegenheit verliebte sich der Marine-Waffenmeister, Anton Messler, ein hübscher, angenehmer Mann aus Deutsch-Böhmen, in der Gegend der Stadt Brüx an der sächsischen Grenze in unsere Enkelin Anna, und fand Gegenliebe und die Heirat wurde mit Zustimmung der Herrschaft beschlossen.
Wir selbst wollten am 31. Jänner 1880 unsere goldene Hochzeit feiern. Anna bat uns aber brieflich, diesen Akt zu verschieben, da sie gleichzeitig mit uns in Graz ihre Vermählung halten wollte, die Schriften aber noch nicht in Ordnung wären.
Marie wurde von der Gräfin Gleisbach als Kindsfrau empfohlen. Diese Gräfin kam dann in ihrer Equipage zu uns und wollte Marie bei sich haben. Da diese aber sah, dass die arme Mutter der besten Pfege bedurfte und die eigene Tochter sich zur Wartung mehr eignete als die fremde, so konnte sie den neuen Dienstauftrag nicht annehmen und musste die monatlichen 18 Gulden verschmerzen.
Bei meiner wohl sehr bedauernswerten Frau erwachte unglücklicherweise wieder der Dämon der Eifersucht. Sie wollte in ihrem Wahn bemerkt haben, dass Marie mir besonders gewogen sei. Ich hatte nämlich in den Kanzleien, wo ich war, die nötigen Briefcouverts selbst verfertigt und machte seit 1876 viele solche, um noch einen Nebenverdienst zu erzielen. Um nun noch recht viele Couverts zu erzeugen, war ich täglich um 4 Uhr früh schon bei der Arbeit, wobei die Tochter mit Gummieren fleissig geholfen hat, bis es Zeit war, Frühstück zu machen. Nachdem meine Frau abends zeitlich zu Bett ging und ich immer noch bis 9 Uhr arbeitete, so blieb sie bei dem unausrottbaren Gedanken, zwischen mir und der leiblichen, eigenen Tochter bestehe ein heimliches, unerlaubtes Töchtelmächtel.
War ich in der Holzlage mit Holzspalten beschäftigt und die Tochter kam mit einem Korb nach, um das zerkleinerte Brennholz in die Küche zu tragen, da wurde die arme unglückliche, mit dem grundlosen Wahn behaftete Frau vom Gedanken gequält, dass die Tochter mir aus besonderer, unlauterer Absicht nachgehe.
Da ich nie eine übersprudelnde Redekraft besass, so war es mir auch diesmal nicht möglich, die arme, von so viel Leiden heimgesuchte, liebe Gattin von ihrem Hirngespinste zu befreien. So stellte ich ihr vor, dass ich in meinem Leben keinen Hang zur Schlechtigkeit hatte, sondern immer ehrlich und rechtschaffen mich betragen habe, und dass eine Niederträchtigkeit zwischen mir und der Tochter eine Unmöglichkeit sei, (149) dass ich in meiner ganzen Lebenszeit keinen Groschen für eine andere Frau ausgegeben, ausgenommen die Theaterausgabe. Aber alles blieb umsonst, ich behandelte die arme Frau noch immer mit einer unvergänglichen Liebe und Zärtlichkeit wie in den Flitterwochen.
Selbst die Wohnungsnachbarin, die sich fast den ganzen Tag bei uns aufhielt, sagte sehr oft, dass ich wohl ein guter Mann sei. Diese Marquersleute zogen später fort. Dann kam ein gewesener Offizier namens Hofer, beschäftigt in der Kanzlei des Herrn Dr. Gmeiner. Die Frau Hofer kam anfangs selten, aber dann doch mehrmals zu uns herüber.
Wenn die Tochter zum Einkaufen in die Stadt ging, blieb ich bei der lieben Gattin, bis die Tochter zurückkam, denn man durfte die arme Frau nicht alleine lassen. Als aber einst die Tochter länger in der Stadt blieb und die Kanzleistunde, 8 Uhr, schon geschlagen hatte, küsste ich meine sonst mit dem grossen Frauenherzen begabte Frau und sagte treuherzig zu ihr: «Behüt Dich Gott» und ging, in der Zuversicht, dass die Tochter bald da sein werde. Nach kaum einer halben Stunde kam die Tochter zu mir in die Kanzlei mit dem Jammer, dass sie bei ihrer Nachhausekunft die arme Frau und Mutter nicht angetroffen habe.
.
Von Pola bis Istrien machten die Marine-Mannschaften nach verschiedenen Gegenden per Dampfschiff öfter Exkursionen. Als einst (148) der Marine-Kommandant mit dem Schiff Pustozza nach Smyrna (Izmir) fuhr und die ganze Musikbande mitnahm, gab er dort auf dem Schiff ein grosses Konzert, wozu der Herr General-Konsul von Herzberg samt Familie und allen Nobeln geladen waren. Bei dieser Gelegenheit verliebte sich der Marine-Waffenmeister, Anton Messler, ein hübscher, angenehmer Mann aus Deutsch-Böhmen, in der Gegend der Stadt Brüx an der sächsischen Grenze in unsere Enkelin Anna, und fand Gegenliebe und die Heirat wurde mit Zustimmung der Herrschaft beschlossen.
Wir selbst wollten am 31. Jänner 1880 unsere goldene Hochzeit feiern. Anna bat uns aber brieflich, diesen Akt zu verschieben, da sie gleichzeitig mit uns in Graz ihre Vermählung halten wollte, die Schriften aber noch nicht in Ordnung wären.
Marie wurde von der Gräfin Gleisbach als Kindsfrau empfohlen. Diese Gräfin kam dann in ihrer Equipage zu uns und wollte Marie bei sich haben. Da diese aber sah, dass die arme Mutter der besten Pfege bedurfte und die eigene Tochter sich zur Wartung mehr eignete als die fremde, so konnte sie den neuen Dienstauftrag nicht annehmen und musste die monatlichen 18 Gulden verschmerzen.
Bei meiner wohl sehr bedauernswerten Frau erwachte unglücklicherweise wieder der Dämon der Eifersucht. Sie wollte in ihrem Wahn bemerkt haben, dass Marie mir besonders gewogen sei. Ich hatte nämlich in den Kanzleien, wo ich war, die nötigen Briefcouverts selbst verfertigt und machte seit 1876 viele solche, um noch einen Nebenverdienst zu erzielen. Um nun noch recht viele Couverts zu erzeugen, war ich täglich um 4 Uhr früh schon bei der Arbeit, wobei die Tochter mit Gummieren fleissig geholfen hat, bis es Zeit war, Frühstück zu machen. Nachdem meine Frau abends zeitlich zu Bett ging und ich immer noch bis 9 Uhr arbeitete, so blieb sie bei dem unausrottbaren Gedanken, zwischen mir und der leiblichen, eigenen Tochter bestehe ein heimliches, unerlaubtes Töchtelmächtel.
War ich in der Holzlage mit Holzspalten beschäftigt und die Tochter kam mit einem Korb nach, um das zerkleinerte Brennholz in die Küche zu tragen, da wurde die arme unglückliche, mit dem grundlosen Wahn behaftete Frau vom Gedanken gequält, dass die Tochter mir aus besonderer, unlauterer Absicht nachgehe.
Da ich nie eine übersprudelnde Redekraft besass, so war es mir auch diesmal nicht möglich, die arme, von so viel Leiden heimgesuchte, liebe Gattin von ihrem Hirngespinste zu befreien. So stellte ich ihr vor, dass ich in meinem Leben keinen Hang zur Schlechtigkeit hatte, sondern immer ehrlich und rechtschaffen mich betragen habe, und dass eine Niederträchtigkeit zwischen mir und der Tochter eine Unmöglichkeit sei, (149) dass ich in meiner ganzen Lebenszeit keinen Groschen für eine andere Frau ausgegeben, ausgenommen die Theaterausgabe. Aber alles blieb umsonst, ich behandelte die arme Frau noch immer mit einer unvergänglichen Liebe und Zärtlichkeit wie in den Flitterwochen.
Selbst die Wohnungsnachbarin, die sich fast den ganzen Tag bei uns aufhielt, sagte sehr oft, dass ich wohl ein guter Mann sei. Diese Marquersleute zogen später fort. Dann kam ein gewesener Offizier namens Hofer, beschäftigt in der Kanzlei des Herrn Dr. Gmeiner. Die Frau Hofer kam anfangs selten, aber dann doch mehrmals zu uns herüber.
Wenn die Tochter zum Einkaufen in die Stadt ging, blieb ich bei der lieben Gattin, bis die Tochter zurückkam, denn man durfte die arme Frau nicht alleine lassen. Als aber einst die Tochter länger in der Stadt blieb und die Kanzleistunde, 8 Uhr, schon geschlagen hatte, küsste ich meine sonst mit dem grossen Frauenherzen begabte Frau und sagte treuherzig zu ihr: «Behüt Dich Gott» und ging, in der Zuversicht, dass die Tochter bald da sein werde. Nach kaum einer halben Stunde kam die Tochter zu mir in die Kanzlei mit dem Jammer, dass sie bei ihrer Nachhausekunft die arme Frau und Mutter nicht angetroffen habe.
.
Mittwoch, 31. März 2010
58. Vom Sonnenstich? Vom Kohlenschleppen?
.
Als Dr. Wasserfall im Mai 1871 starb, suchte ich – 63 Jahre alt, aber noch gesund und kräftig – nochmals um eine Stelle beim Magistrat an. Ich wurde aber mit der lügenhaften Behauptung: «Der Magistrat ist keine Versorgungsanstalt» abgewiesen, obwohl damals mehrere im gleichen Alter mit mir dort bedienstet waren. Da bemerkte ich, dass keiner sehr angestrengt war; ich selbst fühlte noch die Kraft in mir, bei meinem Fleisse das Doppelte zu leisten. Meine Schrift war zwar zierlich, doch flink und leserlich.
Im Monat Juni 1871 war ich beim knauserigen Dr. Blamer, der alles selbst verrichten wollte, um 25 Gulden Monatsgeld. Vom 1. Juli 1871 bis Ende Juni 1880 war ich 9 Jahre in der Kanzlei des sehr geschickten Dr. Reddi für ein Monatsgeld von 35 Gulden. Da hier anfangs nicht viel zu tun war, fing ich in den müssigen Stunden und in Abwesenheit des Herrn Dr. Reddi an, meine Erlebnisse niederzuschreiben, kam aber nur bis zum Doppelstrich.
Nachdem jedoch dieser Herr Dr. Reddi die meiste Zeit im Kaffeehaus zubrachte und mit den für Parteien eingegangenen Geldern sehr gewissenlos umging, verlor er nach und nach das Vertrauen und alle seine Klienten, so dass er sein Geschäft in Graz aufgeben musste und nach Windischfeistritz übersiedelte.
(145) Am 31. Juli 1876 gingen ich und meine Frau, dann die Enkelin Gabriele und Wawrinek Elisa früh nach Gösting zum Annenfest. An diesem Tag war die grösste Hitze des ganzen Sommers. Wir besichtigten die Kapelle, den lieblichen Garten und das Glashaus. Bei Dr. Wasserfall war immer sonn- und feiertags die Kanzlei geschlossen. Dr. Reddi hatte aber die Kaprizze, dass auch an diesen Tagen alle Schreiber um 9 Uhr in der Kanzlei sein mussten. Ich konnte also nicht bei meiner Frau bleiben, trug ihr aber recht ernstlich auf, wenn sie noch länger dableiben wollte, bei dieser Hitze ja nicht zu fuss, sondern per Stellwagen den Rückweg zu nehmen.
Ich eilte zur Stadt und die liebe Gattin ging mit den Kindern in das Göstinger Bräuhaus. Da sie aber bei ihrer gewohnten Sparsamkeit die Kosten der Stellwagenfahrt ersparen wollte, ging sie mit den Kindern bei der Hitze gegen Mittag nach hause. Da kam die Nachricht, dass von Pettau der mit meiner lieben Gattin verwandte Hafnermeisterssohn des bereits verstorbenen Johann Maister samt Familie nach Graz kam, und dass wir nachmittags zum Gasthaus Köflacher Bahnhof kommen sollten. Familie Wawrinka kam auch, und so war eine heitere Gesellschaft von 17 Personen beisammmen. Alle waren sehr fröhlich. Da gleichzeitig beim Gasthaus Häuslbauer eine Art Volksfest stattfand, ging die ganze Gesellschaft da hin. Wir alle unterhielten uns sehr gut, denn es gab zu schauen und zu lachen.
Auf einmal wurde meine liebe Frau ganz still. Ihre sonst so heiteren und lebensfrohen Gesichtszüge waren momentan auffallend verändert, entstellt und fremd. Mein Schrecken und meine Traurigkeit hierüber war grenzenlos. Ich zitterte am ganzen Körper und die ganze Gesellschaft wollte von mir erfahren, was sie denn verdrossen oder wer sie etwa beleidigt haben könnte. Sie gab keine Antwort und verlangte, gleich nach hause zu gehen. Ich war bis in das Innerste der Seele betrübt und brachte sie in unserer Wohnung gleich zu Bett und weinte bitterlich, in der Vorahnung, dass ich so aus meiner Seligkeit gerissen, mein liebes Weib, meinen Schutzengel bald verlieren würde.
Andern Tages kamen alle Bekannten, um sich über das Befinden meiner armen Frau zu erkundigen, sie bedauerten sie herzlich. Unbegreiflich war es, dass selbst unser sonst so braver Arzt Rauch ihren Zustand nicht begriff. Die arme Frau verlor allen Appetit und wurde entsetzlich mager. Seit langer Zeit weinte sie wieder und bat mich, mit ihr Geduld zu haben. Wenn mir meine Angst und Trostlosigkeit häufig Tränen entlockten, frug ich mich, warum ich so viel weinte, worauf ich ihr meinen Schmerz über den baldigen Verlust meines innigst geliebten Weibes vorstellte. Sie kannte keine Uhr und kein Geld mehr.
(146) Bis jetzt hatte ich ihr seit 1850 all meinen Verdienst gewissenhaft übergeben und sie hatte auch damit getreu gewirtschaftet. Ich selbst hatte keine eigenen Bedrüfnisse ausser Zeichnen und Farben zur passionierten Malerei. Ich musste die ganze Wirtschaft selbst besorgen.
Da las ich einst in der Zeitung, dass in St. Pölten beim Exerzieren 9 Mann am Sonnenstich erkrankten. So kam ich auf den Gedanken, dass der unselige Zustand meiner armen Frau auch durch die übermässige Hitze am 31. Juli entstanden sei. Im darauffolgenden September hatte sie sich wieder so weit erholt, dass sie wieder kleinere Spaziergänge machen konnte. Aber das unergründliche Schicksal hörte nicht auf, uns zu quälen. Wenn wir Steinkohle benötigten, nahm ich immer auf einmal 20 Zentner, zerkleinerte sie und schleppte sie korbweise allein in die Holzlege.
Als wir am 17. Oktober mittags wieder 20 Zentner erhielten, machte ich mich gleich an die Arbeit, um noch vor der Kanzleistunde fertig zu werden. Da kam meine liebe Ehegattin vom 2. Stock herab, um mir zu helfen. Ich bat sie wiederholt dringend, in ihrem Zimmer zu bleiben, denn die 20 Zentner waren für mich ein Kinderspiel. «Ja, was würden die Leute sagen und von mir denken, wenn ich untätig im Zimmer bliebe, statt zu helfen», sagte die gute Frau und liess sich durchaus nicht abhalten, die verkleinerten Kohlen in den Korb zu klauben. Doch das mehrfache zu Boden Bücken muss ihr eine Gehirn-Konfusion verursacht haben; denn wie ich abends nach hause kam, lag die arme Frau schwerkrank darnieder und ich erkannte sogleich zu meinem Schrecken, dass jetzt unser Glück für immer dahin sei.
Ich hatte sonst niemand ausser der Enkelin Gabriele, die noch in die Schule ging. Ich nahm sogleich die Schwester der ersten Frau des Herrn Dr. Wawrinek, Viktoria Wengert als Wärterin auf, bis sie Ende Februar 1877 bei der Kranken war und die irtschaft (den Haushalt) führte. Ich hätte sie zur Pflege der armen Gattin noch länger bei uns behalten, aber meiner Frau fiel es ein, dass die Wärterin in ihrer Jugend im Stande war, allen Männern den Kopf zu verrücken, sonach bei mir vielleicht die Gefahr vorhanden wäre. Welche kuriose Vermutung! Die Wärterin war weit über 60 Jahre, von ihrer einstigen Schönheit und sonstigen Reizen war keine Spur mehr vorhanden. Als meine Frau den Typhus hatte, waren alle ihre Kopfhaare ausgefallen, wuchsen dann aber wieder dunkelbraun wie früher nach.
Den Arzt, Dr. Rauch, der meine liebe Gattin behandelte, bat ich während der Krankheit wohl sehr oft und recht dringend, sie vom Sterben zu retten. Er tröstete mich und meinte, dass sie noch fünf bis sechs Jahre leben werde. Er hat mir geraten, die feuergefährliche Wohnung im (147) Dachgeschoss schon wegen des für die arme Frau unbequemen Aufganges zu verlassen. Mehrere Monate gingen wir in das Gasthaus zum Flossmeister Grengg zur Mittagskost, denn die arme Frau konnte sich mit eigener Küche nicht befassen.
Nach vielem Herumsuchen fanden wir endlich im Hause des Herrn Wastian in der Sterngasse nächst dem Griesplatze eine lichte Wohnung im ersten Stock mit 2 Zimmern, Küche und Holzlage für montlich 12 Gulden. Der neben uns wohnhafte Herr war Marqueur und hatte eine kleine, freundliche Frau.
Meine Gattin wollte nun wieder selbst kochen. Als ich einst im Landtafel-Amte zu tun hatte, kam eilig ein Dienstmann mit der Weisung, ich solle sogleich nach hause kommen, denn meine Frau hätte der Schlag getroffen. Man kann sich denken, wie bei dieser Schreckensnachricht mein Herz erbebte. Ich eilte, was ich konnte und fand meine arme Frau noch lebend unter den Händen der braven Marqueursleute, die noch immer die halb Bewusstlose zu laben bemüht waren.
Kaum hatte sich die so schwer betroffene, arme Frau nach einigen Wochen von diesem Schlaganfall etwas erholt, kam der dritte, denn ich rechnete die traurige Begebenheit vom 31. Juli 76 als den ersten. Ich hatte an einem Sonntag früh gerade eine wichtige Schreiberei. Meine Gattin sass ganz stille im Armstuhl nicht weit von mir, da merkte ich im Schreibeifer nicht, dass sie zusammensank. Zufällig ging die Nachbarin an unserer offenen Zimmertür vorüber, und das Zusammensinken gewahrend, eilte sie mit dem Ausruf: «Um Gottes Willen, die arme Frau Neuhold!» zu Hilfe. Wir brachten sie zu Bett, labten sie so viel wie möglich und bemühten uns, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen.
Den ganzen Monat Mai 1879 litt ich an Herzkrankheit; der Arzt wollt mir die Herzbeutel-Wassersucht profezeien. Meine liebe Gemahlin, die Bewegung und fleissige Arbeit gewohnt war, siechte nun dahin. sie konnte nichts mehr tun. Der Arzt behauptete, gegen Altersschwäche gebe es kein Mittel.
Das böse Geschick liess meine arme Frau nicht mehr in Ruhe. Plötzlich wurde sie wieder vom Rotlauf befallen. In der Lagergasse fand ich eine Tischlersfrau als sehr brave Krankenwärterin, namens Sininger, deren Mann beim Zimmermeister Pucher arbeitete.
Unsere Tochter Marie war 4 Jahre bei der Gräfin Bathyany als Kindsfrau und als die gräflichen Kinder eine Gouvernante bekamen, wurde Marie als Kindsfrau entbehrlich. so kam Marie nach hause und löste die Wärterin ab.
.
Als Dr. Wasserfall im Mai 1871 starb, suchte ich – 63 Jahre alt, aber noch gesund und kräftig – nochmals um eine Stelle beim Magistrat an. Ich wurde aber mit der lügenhaften Behauptung: «Der Magistrat ist keine Versorgungsanstalt» abgewiesen, obwohl damals mehrere im gleichen Alter mit mir dort bedienstet waren. Da bemerkte ich, dass keiner sehr angestrengt war; ich selbst fühlte noch die Kraft in mir, bei meinem Fleisse das Doppelte zu leisten. Meine Schrift war zwar zierlich, doch flink und leserlich.
Im Monat Juni 1871 war ich beim knauserigen Dr. Blamer, der alles selbst verrichten wollte, um 25 Gulden Monatsgeld. Vom 1. Juli 1871 bis Ende Juni 1880 war ich 9 Jahre in der Kanzlei des sehr geschickten Dr. Reddi für ein Monatsgeld von 35 Gulden. Da hier anfangs nicht viel zu tun war, fing ich in den müssigen Stunden und in Abwesenheit des Herrn Dr. Reddi an, meine Erlebnisse niederzuschreiben, kam aber nur bis zum Doppelstrich.
Nachdem jedoch dieser Herr Dr. Reddi die meiste Zeit im Kaffeehaus zubrachte und mit den für Parteien eingegangenen Geldern sehr gewissenlos umging, verlor er nach und nach das Vertrauen und alle seine Klienten, so dass er sein Geschäft in Graz aufgeben musste und nach Windischfeistritz übersiedelte.
(145) Am 31. Juli 1876 gingen ich und meine Frau, dann die Enkelin Gabriele und Wawrinek Elisa früh nach Gösting zum Annenfest. An diesem Tag war die grösste Hitze des ganzen Sommers. Wir besichtigten die Kapelle, den lieblichen Garten und das Glashaus. Bei Dr. Wasserfall war immer sonn- und feiertags die Kanzlei geschlossen. Dr. Reddi hatte aber die Kaprizze, dass auch an diesen Tagen alle Schreiber um 9 Uhr in der Kanzlei sein mussten. Ich konnte also nicht bei meiner Frau bleiben, trug ihr aber recht ernstlich auf, wenn sie noch länger dableiben wollte, bei dieser Hitze ja nicht zu fuss, sondern per Stellwagen den Rückweg zu nehmen.
Ich eilte zur Stadt und die liebe Gattin ging mit den Kindern in das Göstinger Bräuhaus. Da sie aber bei ihrer gewohnten Sparsamkeit die Kosten der Stellwagenfahrt ersparen wollte, ging sie mit den Kindern bei der Hitze gegen Mittag nach hause. Da kam die Nachricht, dass von Pettau der mit meiner lieben Gattin verwandte Hafnermeisterssohn des bereits verstorbenen Johann Maister samt Familie nach Graz kam, und dass wir nachmittags zum Gasthaus Köflacher Bahnhof kommen sollten. Familie Wawrinka kam auch, und so war eine heitere Gesellschaft von 17 Personen beisammmen. Alle waren sehr fröhlich. Da gleichzeitig beim Gasthaus Häuslbauer eine Art Volksfest stattfand, ging die ganze Gesellschaft da hin. Wir alle unterhielten uns sehr gut, denn es gab zu schauen und zu lachen.
Auf einmal wurde meine liebe Frau ganz still. Ihre sonst so heiteren und lebensfrohen Gesichtszüge waren momentan auffallend verändert, entstellt und fremd. Mein Schrecken und meine Traurigkeit hierüber war grenzenlos. Ich zitterte am ganzen Körper und die ganze Gesellschaft wollte von mir erfahren, was sie denn verdrossen oder wer sie etwa beleidigt haben könnte. Sie gab keine Antwort und verlangte, gleich nach hause zu gehen. Ich war bis in das Innerste der Seele betrübt und brachte sie in unserer Wohnung gleich zu Bett und weinte bitterlich, in der Vorahnung, dass ich so aus meiner Seligkeit gerissen, mein liebes Weib, meinen Schutzengel bald verlieren würde.
Andern Tages kamen alle Bekannten, um sich über das Befinden meiner armen Frau zu erkundigen, sie bedauerten sie herzlich. Unbegreiflich war es, dass selbst unser sonst so braver Arzt Rauch ihren Zustand nicht begriff. Die arme Frau verlor allen Appetit und wurde entsetzlich mager. Seit langer Zeit weinte sie wieder und bat mich, mit ihr Geduld zu haben. Wenn mir meine Angst und Trostlosigkeit häufig Tränen entlockten, frug ich mich, warum ich so viel weinte, worauf ich ihr meinen Schmerz über den baldigen Verlust meines innigst geliebten Weibes vorstellte. Sie kannte keine Uhr und kein Geld mehr.
(146) Bis jetzt hatte ich ihr seit 1850 all meinen Verdienst gewissenhaft übergeben und sie hatte auch damit getreu gewirtschaftet. Ich selbst hatte keine eigenen Bedrüfnisse ausser Zeichnen und Farben zur passionierten Malerei. Ich musste die ganze Wirtschaft selbst besorgen.
Da las ich einst in der Zeitung, dass in St. Pölten beim Exerzieren 9 Mann am Sonnenstich erkrankten. So kam ich auf den Gedanken, dass der unselige Zustand meiner armen Frau auch durch die übermässige Hitze am 31. Juli entstanden sei. Im darauffolgenden September hatte sie sich wieder so weit erholt, dass sie wieder kleinere Spaziergänge machen konnte. Aber das unergründliche Schicksal hörte nicht auf, uns zu quälen. Wenn wir Steinkohle benötigten, nahm ich immer auf einmal 20 Zentner, zerkleinerte sie und schleppte sie korbweise allein in die Holzlege.
Als wir am 17. Oktober mittags wieder 20 Zentner erhielten, machte ich mich gleich an die Arbeit, um noch vor der Kanzleistunde fertig zu werden. Da kam meine liebe Ehegattin vom 2. Stock herab, um mir zu helfen. Ich bat sie wiederholt dringend, in ihrem Zimmer zu bleiben, denn die 20 Zentner waren für mich ein Kinderspiel. «Ja, was würden die Leute sagen und von mir denken, wenn ich untätig im Zimmer bliebe, statt zu helfen», sagte die gute Frau und liess sich durchaus nicht abhalten, die verkleinerten Kohlen in den Korb zu klauben. Doch das mehrfache zu Boden Bücken muss ihr eine Gehirn-Konfusion verursacht haben; denn wie ich abends nach hause kam, lag die arme Frau schwerkrank darnieder und ich erkannte sogleich zu meinem Schrecken, dass jetzt unser Glück für immer dahin sei.
Ich hatte sonst niemand ausser der Enkelin Gabriele, die noch in die Schule ging. Ich nahm sogleich die Schwester der ersten Frau des Herrn Dr. Wawrinek, Viktoria Wengert als Wärterin auf, bis sie Ende Februar 1877 bei der Kranken war und die irtschaft (den Haushalt) führte. Ich hätte sie zur Pflege der armen Gattin noch länger bei uns behalten, aber meiner Frau fiel es ein, dass die Wärterin in ihrer Jugend im Stande war, allen Männern den Kopf zu verrücken, sonach bei mir vielleicht die Gefahr vorhanden wäre. Welche kuriose Vermutung! Die Wärterin war weit über 60 Jahre, von ihrer einstigen Schönheit und sonstigen Reizen war keine Spur mehr vorhanden. Als meine Frau den Typhus hatte, waren alle ihre Kopfhaare ausgefallen, wuchsen dann aber wieder dunkelbraun wie früher nach.
Den Arzt, Dr. Rauch, der meine liebe Gattin behandelte, bat ich während der Krankheit wohl sehr oft und recht dringend, sie vom Sterben zu retten. Er tröstete mich und meinte, dass sie noch fünf bis sechs Jahre leben werde. Er hat mir geraten, die feuergefährliche Wohnung im (147) Dachgeschoss schon wegen des für die arme Frau unbequemen Aufganges zu verlassen. Mehrere Monate gingen wir in das Gasthaus zum Flossmeister Grengg zur Mittagskost, denn die arme Frau konnte sich mit eigener Küche nicht befassen.
Nach vielem Herumsuchen fanden wir endlich im Hause des Herrn Wastian in der Sterngasse nächst dem Griesplatze eine lichte Wohnung im ersten Stock mit 2 Zimmern, Küche und Holzlage für montlich 12 Gulden. Der neben uns wohnhafte Herr war Marqueur und hatte eine kleine, freundliche Frau.
Meine Gattin wollte nun wieder selbst kochen. Als ich einst im Landtafel-Amte zu tun hatte, kam eilig ein Dienstmann mit der Weisung, ich solle sogleich nach hause kommen, denn meine Frau hätte der Schlag getroffen. Man kann sich denken, wie bei dieser Schreckensnachricht mein Herz erbebte. Ich eilte, was ich konnte und fand meine arme Frau noch lebend unter den Händen der braven Marqueursleute, die noch immer die halb Bewusstlose zu laben bemüht waren.
Kaum hatte sich die so schwer betroffene, arme Frau nach einigen Wochen von diesem Schlaganfall etwas erholt, kam der dritte, denn ich rechnete die traurige Begebenheit vom 31. Juli 76 als den ersten. Ich hatte an einem Sonntag früh gerade eine wichtige Schreiberei. Meine Gattin sass ganz stille im Armstuhl nicht weit von mir, da merkte ich im Schreibeifer nicht, dass sie zusammensank. Zufällig ging die Nachbarin an unserer offenen Zimmertür vorüber, und das Zusammensinken gewahrend, eilte sie mit dem Ausruf: «Um Gottes Willen, die arme Frau Neuhold!» zu Hilfe. Wir brachten sie zu Bett, labten sie so viel wie möglich und bemühten uns, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen.
Den ganzen Monat Mai 1879 litt ich an Herzkrankheit; der Arzt wollt mir die Herzbeutel-Wassersucht profezeien. Meine liebe Gemahlin, die Bewegung und fleissige Arbeit gewohnt war, siechte nun dahin. sie konnte nichts mehr tun. Der Arzt behauptete, gegen Altersschwäche gebe es kein Mittel.
Das böse Geschick liess meine arme Frau nicht mehr in Ruhe. Plötzlich wurde sie wieder vom Rotlauf befallen. In der Lagergasse fand ich eine Tischlersfrau als sehr brave Krankenwärterin, namens Sininger, deren Mann beim Zimmermeister Pucher arbeitete.
Unsere Tochter Marie war 4 Jahre bei der Gräfin Bathyany als Kindsfrau und als die gräflichen Kinder eine Gouvernante bekamen, wurde Marie als Kindsfrau entbehrlich. so kam Marie nach hause und löste die Wärterin ab.
.
Montag, 29. März 2010
57. Der Gesichtsrotlauf --- Unsere Enkelinnen
.
(143) Meine liebe, gute Frau wurde nach dem glücklich überstandenen Typhus wieder kerngesund. Wir machten sehr fleissig Spaziergänge. Ich war von ihrem stattlichen Aussehen so entzückt, dass ich sogar die Frage wagte, als sie 60 Jahre alt war, wie sie es denn anstelle, dass sie immer schöner werde; sie antwortete: «Dies macht das Vergnügen, die Zufriedenheit und das gute Gemüt.» Ich bat den lieben Himmel, dass es doch immer so bliebe.
Und doch kam wieder furchtbares Unglück über die arme Frau. Aus unergründlicher Ursache oder Veranlassung überfiel sie der wilde Gesichtsrotlauf, diese Krankheit ist fürchterlicher als der Typhus und Blattern. Die Ärzte Rauch und Dittertag taten alles Mögliche, meine mir so ans Herz gewachsene Gattin, meine zweite Seele von den schrecklichen Qualen zu befreien. Nach vielen Wochen erholte sie sich wieder, aber die vorigen Kräfte waren sehr vermindert.
Unsere Enkelin Anna, die inzwischen sehr vieles gelernt und auch im Bad Rauch auch schwimmen lernte, kam nach Triest zu einer Gräfin in Dienst und machte sich dort auch die italienische Sprache zu eigen.
Wenn sie dort im Meer badete und alle Schwimmkünste zeigte, hatte sie stets eine Menge Zuschauer. Weil aber ihr Vater, der sich bald in Fiume, Pipiano und Triest herumtrieb, sie immer um Geld quälte, so kam sie wieder nach Graz, war mit der Mutter Maria Schidan eine Badesaison im Hotel Holzer in Bad Gleichenberg und nahm Dienst bei der Gräfin Kesslstadt in Graz. Als eine Baronin Herzberg von Wien kam und im Hotel Elefant logierte, machte diese ihr Verlangen nach einem Kindermädchen in der Zeitung bekannt. Als sich hierzu viele Dienstboten meldeten, war unsere Anna die 32. Vorgemerkte und bekam diese Stelle, weil sie die deutsche Sprache rein und korrekt konnte, und überdies krainerisch und italienisch geläufig sprach.
Mittlerweile wurde der Herr Baron Herzberg als Konsul in Smyrna ernannt. Anna wurde kontraktlich auf drei Jahre aufgenommen mit der Bestimmung, dass wenn sie drei Jahre aushält, die Kosten der Rückreise von ihrer Herrschaft bestritten würden. Hält sie aber die drei Jahre nicht aus, hat sie die Rückreisekosten aus Eigenem zu tragen. Die Familie v. Herzberg reiste auf der Donau von Wien bis Rustschuk (Ruso, Bulgarien) in der Türkei, von dort per Bahn nach Warna (Varna, Bulgarien) am Schwarzen Meer und dann mit dem Dampfschiff nach Konstantinopel. Nach dortigem Aufenthalt von zwei Tagen ging die Weiterreise nach dem noch drei Tagereisen entfernten Smyrna (Izmir) in Asien. Dort war Anna sechseinhalb Jahre lang. Es ging ihr sehr gut. Weil dort keine Sparkasse besteht, sandte sie nach und nach 300 Gulden in Gold, welches ich samt Agio à 14 Gulden in Graz für sie in die Sparkasse gab.
(144) Enkelin Paula in Fiume war bei einer Herrschaft bedienstet und heiratete dort. Die Herrschaft übersiedelte nach Pola. Dort starb Paulas Mann und hinterliess zwei Kinder. Paula ehelichte dann in Pola einen bei der Marine Angestellten.
Eine Gräfin Dietrichstein, eigentlich Fürstin, errichtete aus den in Graz angekauften Mildschuh'schen Gründen mit drei Häusern in der Schlögelgasse eine Stiftung für arme, pensionierte Offiziere, die sich für das Haus Österreich besonders verdient gemacht hatten. Eduard wurde Inspektor dieser Häuser und übersiedelte dahin. Da meine arme Frau nach dem grässlichen Rotlauf nicht mehr so leicht in den 4. Stock hinauf konnte, gingen wir mit unserem Sohn Eduard mit. Neunzehneinhalb Jahre hatten wir in diesem Haus zugebracht.
Den bei uns durch 18 Jahre gewesenen Zimmerherrn, Peter Schantl, Frauenkleidermacher, konnten wir wegen Mangel an Raum nicht mitnehmen. Meine arme Frau musste die Wirtschaft für die beiden Familien fortführen, was ihr beim besten Willen schon schwer ankam. Wir waren vom 1. Oktober 1874 bis 4. August 1875 bei Eduard, welcher in dieser Zeit das Doktor-Diplom erhielt und Adjunkt beim k. u. k. Bezirksgericht Umgebung Graz wurde.
Wir zogen dann am Nikolei-Quai beim Zeugschmied Herzog in ein Zimmer samt Küche und waren in allem still und vergnügt.
_____________________________________
Eberhard
(143) Meine liebe, gute Frau wurde nach dem glücklich überstandenen Typhus wieder kerngesund. Wir machten sehr fleissig Spaziergänge. Ich war von ihrem stattlichen Aussehen so entzückt, dass ich sogar die Frage wagte, als sie 60 Jahre alt war, wie sie es denn anstelle, dass sie immer schöner werde; sie antwortete: «Dies macht das Vergnügen, die Zufriedenheit und das gute Gemüt.» Ich bat den lieben Himmel, dass es doch immer so bliebe.
Und doch kam wieder furchtbares Unglück über die arme Frau. Aus unergründlicher Ursache oder Veranlassung überfiel sie der wilde Gesichtsrotlauf, diese Krankheit ist fürchterlicher als der Typhus und Blattern. Die Ärzte Rauch und Dittertag taten alles Mögliche, meine mir so ans Herz gewachsene Gattin, meine zweite Seele von den schrecklichen Qualen zu befreien. Nach vielen Wochen erholte sie sich wieder, aber die vorigen Kräfte waren sehr vermindert.
Unsere Enkelin Anna, die inzwischen sehr vieles gelernt und auch im Bad Rauch auch schwimmen lernte, kam nach Triest zu einer Gräfin in Dienst und machte sich dort auch die italienische Sprache zu eigen.
Wenn sie dort im Meer badete und alle Schwimmkünste zeigte, hatte sie stets eine Menge Zuschauer. Weil aber ihr Vater, der sich bald in Fiume, Pipiano und Triest herumtrieb, sie immer um Geld quälte, so kam sie wieder nach Graz, war mit der Mutter Maria Schidan eine Badesaison im Hotel Holzer in Bad Gleichenberg und nahm Dienst bei der Gräfin Kesslstadt in Graz. Als eine Baronin Herzberg von Wien kam und im Hotel Elefant logierte, machte diese ihr Verlangen nach einem Kindermädchen in der Zeitung bekannt. Als sich hierzu viele Dienstboten meldeten, war unsere Anna die 32. Vorgemerkte und bekam diese Stelle, weil sie die deutsche Sprache rein und korrekt konnte, und überdies krainerisch und italienisch geläufig sprach.
Mittlerweile wurde der Herr Baron Herzberg als Konsul in Smyrna ernannt. Anna wurde kontraktlich auf drei Jahre aufgenommen mit der Bestimmung, dass wenn sie drei Jahre aushält, die Kosten der Rückreise von ihrer Herrschaft bestritten würden. Hält sie aber die drei Jahre nicht aus, hat sie die Rückreisekosten aus Eigenem zu tragen. Die Familie v. Herzberg reiste auf der Donau von Wien bis Rustschuk (Ruso, Bulgarien) in der Türkei, von dort per Bahn nach Warna (Varna, Bulgarien) am Schwarzen Meer und dann mit dem Dampfschiff nach Konstantinopel. Nach dortigem Aufenthalt von zwei Tagen ging die Weiterreise nach dem noch drei Tagereisen entfernten Smyrna (Izmir) in Asien. Dort war Anna sechseinhalb Jahre lang. Es ging ihr sehr gut. Weil dort keine Sparkasse besteht, sandte sie nach und nach 300 Gulden in Gold, welches ich samt Agio à 14 Gulden in Graz für sie in die Sparkasse gab.
(144) Enkelin Paula in Fiume war bei einer Herrschaft bedienstet und heiratete dort. Die Herrschaft übersiedelte nach Pola. Dort starb Paulas Mann und hinterliess zwei Kinder. Paula ehelichte dann in Pola einen bei der Marine Angestellten.
Eine Gräfin Dietrichstein, eigentlich Fürstin, errichtete aus den in Graz angekauften Mildschuh'schen Gründen mit drei Häusern in der Schlögelgasse eine Stiftung für arme, pensionierte Offiziere, die sich für das Haus Österreich besonders verdient gemacht hatten. Eduard wurde Inspektor dieser Häuser und übersiedelte dahin. Da meine arme Frau nach dem grässlichen Rotlauf nicht mehr so leicht in den 4. Stock hinauf konnte, gingen wir mit unserem Sohn Eduard mit. Neunzehneinhalb Jahre hatten wir in diesem Haus zugebracht.
Den bei uns durch 18 Jahre gewesenen Zimmerherrn, Peter Schantl, Frauenkleidermacher, konnten wir wegen Mangel an Raum nicht mitnehmen. Meine arme Frau musste die Wirtschaft für die beiden Familien fortführen, was ihr beim besten Willen schon schwer ankam. Wir waren vom 1. Oktober 1874 bis 4. August 1875 bei Eduard, welcher in dieser Zeit das Doktor-Diplom erhielt und Adjunkt beim k. u. k. Bezirksgericht Umgebung Graz wurde.
Wir zogen dann am Nikolei-Quai beim Zeugschmied Herzog in ein Zimmer samt Küche und waren in allem still und vergnügt.
_____________________________________
(888) Die Zahlen in Klammern sind für Euch nicht wichtig, aber für mich. Es sind die Seitenzahlen im Schreibmaschinen-Transskript, das der Onkel Blinz als Abschrift des von Johann Neuhold handschriftlich verfassten Originals mühsam vollbracht hat. Also nur zur Information. -
Denkt auch dran: Die Bilder lassen sich per Doppelklick vergrössern. Und unterstichene Wörter im Text solltet Ihr auch anklicken, dann erscheint ein Erklärungstext (Google und Wikipedia sei Dank).
Samstag, 27. März 2010
56. Die Turner-Reise nach Judenburg
r .
Am Pfingstsamstag 1866 machten 90 Grazer Turner einen Ausflug nach Judenburg, welchen Eduard als Turner und ich als unterstützendes Mitglied mitmachten. Mit dem Köflacher Zug ging die Fahrt nach Köflach, wo Nachtlager gehalten wurde. Anderntags fuhren wir durch Lankowitz über die Stubalpe. Auf der Höhe derselben wehte ein gewaltiger Sturm, dass ein Mann allein nicht imstande war, fortzukommen. Drei und drei, Arm in Arm – nur so war es möglich, dem Sturm Trotz zu bieten. In einer Stunde jenseits, abwärts steht ein grosser Bauernhof «Zum Stübler», damals dem Judenburger Baumeister Zerro gehörig, wo uns eine Depudation der Judenburger Turner bewillkommte und auf Veranlassung des Bürgermeisters Habiantschitsch eine Mittagstafel hergerichtet war. Da gab es Schinken, Käse, Salami, Brot, Eier und Wein im Überfluss. Jeder konnte vertilgen, was er wollte – eine Gebirgsreise macht ja einigen Appetit. Nach einigen, vom Grazer Musikvereins-Lehrer Genser dirigierten Gesangsvorträgen setzte sich die gestärkte Gesellschaft nach Ausser-Feistritz am Fusse der Stubalpe in Bewegung, wo wieder für jeden Mann eine Halbe Bier samt 1 Stück Brot gratis bereit war. Auf 18 Leiterwägen mit darauf angebrachten Sitzen kam der ganze Zug – die Weisskirchner Musikbande voran – zu diesem Markte, wo sich die Musiker aufstellten und wir vorbeidefilierten. Dann ging es in grösstem Trapp in starker Sonnenhitze und heftigem Staube gegen Judenburg.
Vor der Stadt erwarteten und bewillkommten uns die Judenburger Turner mit Fahnen und einem schönen Gedichte. Dann hielten wir – die gut geschulten Musiker, 12 Mann in Bergmannstracht voran, in militärischem Schritt – unsern feierlichen Einzug in die Stadt, wo nach beendigtem Abendgottesdienst noch eine ungeheure Menge Menschen von nahe und fern versammelt war, um den Einzug zu sehen.
Alle Gassen, durch welche wir marschierten, waren mit Fahnen und Blumen geschmückt; wir wurden mit Blumen beworfen und vom Bräuhause herab kam ein grossartiger Blumenregen. Die Frontaufstellung geschah am Hauptplatze, da wurden Quartierkarten ausgeteilt. Ich kam zu einer freundlichen Professorenfamilie und Eduard mit einem Handlungs-Comis zu einem Kaufmann. (142) Abends war sogenannter Zapfenstreich und dann auf der Post grosse Tafel, wie bei einer reichen Hochzeit. Bewillkommnungs-Deklamationen, Gesang und Tanz kamen abwechselnd vor, und die jugendliche, schöne Welt war zahlreich vertreten.
Für das Gastmahl zahlte jeder Turner 60 Kreuzer. Am andern Tage früh zog die Musikbande durch die Stadt. Dann wurde ein Ausflug über einen nahen, niedrigen Berg und zurück zur Schiessstätte organisiert. Im grossen Hof des ehemaligen Klosters war herrliches Schauturnen, bei welchem die Judenburger und Grazer Turner an Künsten und Körperkraft wetteiferten.
Mittags war wieder reich besetzte Tafel. Dann, nach herzlichem Abschiednehmen von den überaus freundlichen Judenburgern, platzierten wir uns wieder auf den bereitgehaltenen 18 Leiterwägen. Unter Jubel, Jauchzen und Hüte Schwenken kam der Zug fort nach Ausser-Feistritz. Dort machte ich auf den näheren Weg über die Stubalpe aufmerksam, den ich vor 45 Jahren gegangen war. Die Hälfte der Gesellschaft machte mit dem Tambour den Weg über die Strasse, die andere Hälfte mit dem Trompeter entschied sich für den Feistritzgraben. Nach ein paar Stunden kamen wir zum kleinsten Pfarrorte, Klein- oder Innerfeistritz.
Hier trat uns der Pfarrer entgegen und sagte: «Meine Herren, Sie dürfen hier nicht still vorbeiziehen, ein kleiner Imbiss wird nicht schaden, denn ich bin ein Turnerfreund!» Er bewirtete uns mit delikatem Bier, Käse, Brot und 2 Mass sehr guten Weins. Drei herzige Mädchen von 10, 12 und 14 Jahren bedienten uns abwechselnd. Herr Pfarrer sagte, diese Kinder wären seine Cousinen, für die er zu sorgen habe.
Die andere Gesellschaft hoch oben auf der Strasse bemerkte uns, und der Trommler meldete sich, worauf unser Trompeter Antwort gab. Nach ein paar Gesangsvorträgen erstatteten wir dem freigebigen Herrn Pfarrer unseren Dank. Dann ging es jäh bergauf. Um 12 Uhr nachts kamen wir auf der höchsten Höhe mit der anderen Gesellschaft zusammen. Ich war immer der erste voraus und alle wunderten sich, wie ich mit 58 Jahren so tapfer marschieren konnte. Um 4 Uhr früh waren wir in Köflach. Um 5 Uhr ging es per Bahnzug nach Graz. Nach Begrüssung meiner Kinder und zärtlicher Liebkosung meiner braven Gattin nahm ich den Kaffee und ging dann in die Kanzlei. Mittags machte ich ein Schläfchen.
Diese Reise bleibt mir wohl unvergesslich. Um den Judenburgern ein Andenken zu geben, sendete ich an den Turner Egyd Frank, Cousin der Anna Frank von den «Biertrinkern» 2 Bilder, eines für ihn und eines mit dem Wunsche, dass dasselbe im Bräuhause, wo wir so sehr mit Blumen überschüttet wurden, angebracht werde. Nach 2 Jahren schrieb Edyd Frank, dass alle Jahre am Pfingstsonntag das Bild im Bräuhause mit frischen Blumen gekränzt werde.
.
Am Pfingstsamstag 1866 machten 90 Grazer Turner einen Ausflug nach Judenburg, welchen Eduard als Turner und ich als unterstützendes Mitglied mitmachten. Mit dem Köflacher Zug ging die Fahrt nach Köflach, wo Nachtlager gehalten wurde. Anderntags fuhren wir durch Lankowitz über die Stubalpe. Auf der Höhe derselben wehte ein gewaltiger Sturm, dass ein Mann allein nicht imstande war, fortzukommen. Drei und drei, Arm in Arm – nur so war es möglich, dem Sturm Trotz zu bieten. In einer Stunde jenseits, abwärts steht ein grosser Bauernhof «Zum Stübler», damals dem Judenburger Baumeister Zerro gehörig, wo uns eine Depudation der Judenburger Turner bewillkommte und auf Veranlassung des Bürgermeisters Habiantschitsch eine Mittagstafel hergerichtet war. Da gab es Schinken, Käse, Salami, Brot, Eier und Wein im Überfluss. Jeder konnte vertilgen, was er wollte – eine Gebirgsreise macht ja einigen Appetit. Nach einigen, vom Grazer Musikvereins-Lehrer Genser dirigierten Gesangsvorträgen setzte sich die gestärkte Gesellschaft nach Ausser-Feistritz am Fusse der Stubalpe in Bewegung, wo wieder für jeden Mann eine Halbe Bier samt 1 Stück Brot gratis bereit war. Auf 18 Leiterwägen mit darauf angebrachten Sitzen kam der ganze Zug – die Weisskirchner Musikbande voran – zu diesem Markte, wo sich die Musiker aufstellten und wir vorbeidefilierten. Dann ging es in grösstem Trapp in starker Sonnenhitze und heftigem Staube gegen Judenburg.Vor der Stadt erwarteten und bewillkommten uns die Judenburger Turner mit Fahnen und einem schönen Gedichte. Dann hielten wir – die gut geschulten Musiker, 12 Mann in Bergmannstracht voran, in militärischem Schritt – unsern feierlichen Einzug in die Stadt, wo nach beendigtem Abendgottesdienst noch eine ungeheure Menge Menschen von nahe und fern versammelt war, um den Einzug zu sehen.
Alle Gassen, durch welche wir marschierten, waren mit Fahnen und Blumen geschmückt; wir wurden mit Blumen beworfen und vom Bräuhause herab kam ein grossartiger Blumenregen. Die Frontaufstellung geschah am Hauptplatze, da wurden Quartierkarten ausgeteilt. Ich kam zu einer freundlichen Professorenfamilie und Eduard mit einem Handlungs-Comis zu einem Kaufmann. (142) Abends war sogenannter Zapfenstreich und dann auf der Post grosse Tafel, wie bei einer reichen Hochzeit. Bewillkommnungs-Deklamationen, Gesang und Tanz kamen abwechselnd vor, und die jugendliche, schöne Welt war zahlreich vertreten.
Für das Gastmahl zahlte jeder Turner 60 Kreuzer. Am andern Tage früh zog die Musikbande durch die Stadt. Dann wurde ein Ausflug über einen nahen, niedrigen Berg und zurück zur Schiessstätte organisiert. Im grossen Hof des ehemaligen Klosters war herrliches Schauturnen, bei welchem die Judenburger und Grazer Turner an Künsten und Körperkraft wetteiferten.
Mittags war wieder reich besetzte Tafel. Dann, nach herzlichem Abschiednehmen von den überaus freundlichen Judenburgern, platzierten wir uns wieder auf den bereitgehaltenen 18 Leiterwägen. Unter Jubel, Jauchzen und Hüte Schwenken kam der Zug fort nach Ausser-Feistritz. Dort machte ich auf den näheren Weg über die Stubalpe aufmerksam, den ich vor 45 Jahren gegangen war. Die Hälfte der Gesellschaft machte mit dem Tambour den Weg über die Strasse, die andere Hälfte mit dem Trompeter entschied sich für den Feistritzgraben. Nach ein paar Stunden kamen wir zum kleinsten Pfarrorte, Klein- oder Innerfeistritz.
Hier trat uns der Pfarrer entgegen und sagte: «Meine Herren, Sie dürfen hier nicht still vorbeiziehen, ein kleiner Imbiss wird nicht schaden, denn ich bin ein Turnerfreund!» Er bewirtete uns mit delikatem Bier, Käse, Brot und 2 Mass sehr guten Weins. Drei herzige Mädchen von 10, 12 und 14 Jahren bedienten uns abwechselnd. Herr Pfarrer sagte, diese Kinder wären seine Cousinen, für die er zu sorgen habe.
Die andere Gesellschaft hoch oben auf der Strasse bemerkte uns, und der Trommler meldete sich, worauf unser Trompeter Antwort gab. Nach ein paar Gesangsvorträgen erstatteten wir dem freigebigen Herrn Pfarrer unseren Dank. Dann ging es jäh bergauf. Um 12 Uhr nachts kamen wir auf der höchsten Höhe mit der anderen Gesellschaft zusammen. Ich war immer der erste voraus und alle wunderten sich, wie ich mit 58 Jahren so tapfer marschieren konnte. Um 4 Uhr früh waren wir in Köflach. Um 5 Uhr ging es per Bahnzug nach Graz. Nach Begrüssung meiner Kinder und zärtlicher Liebkosung meiner braven Gattin nahm ich den Kaffee und ging dann in die Kanzlei. Mittags machte ich ein Schläfchen.
Diese Reise bleibt mir wohl unvergesslich. Um den Judenburgern ein Andenken zu geben, sendete ich an den Turner Egyd Frank, Cousin der Anna Frank von den «Biertrinkern» 2 Bilder, eines für ihn und eines mit dem Wunsche, dass dasselbe im Bräuhause, wo wir so sehr mit Blumen überschüttet wurden, angebracht werde. Nach 2 Jahren schrieb Edyd Frank, dass alle Jahre am Pfingstsonntag das Bild im Bräuhause mit frischen Blumen gekränzt werde.
.
Donnerstag, 25. März 2010
55. So oft ich nur das Wort Laibach hörte ....
.
(137) Nachdem meine Frau den Wunsch hatte, Triest zu sehen, sind wir per Bahn bis Laibach, besuchten die Tochter und fuhren mit Stellwagen über den Karst nach Triest. Dort besichtigten wir die schöne Stadt, besuchten Bruder und Schwester unseres Schwiegersohnes und sind dann andern Tages wieder zurück.
Nach zwei Jahren drang meine liebe Gattin darauf, Venedig zu sehen. Wir beide, dann Eduard und Marie, die Tochter meiner Schwester Resch, fuhren am Pfingstmontag nach Adelsberg, wo wir die berühmte Grotte besuchten. Wir schlossen uns dem ebenfalls nach Venedig reisenden Grazer Fleischhauer Pferschy an, kamen um 11 Uhr nachts in Triest an, wo wir nach eingenommenem Kaffee um 12 Uhr auf dem Dampfschiffe nach Venedig fuhren und dort um halbneun Uhr früh ankamen.
Im deutschen Gasthaus «Zur Stadt München» kehrten wir ein und ein Führer geleitete uns den ganzen Tag für 7 Silbergulden zu verschiedenen Merkwürdigkeiten. In der «Stadt München» haben wir für Essen, Bier und Betten 6 Gulden bezahlt. Vom Markus-Turm aus sahen wir, so weit das Auge reicht, alle Berge mit Schnee bedeckt. Es war empfindlich kalt, so dass abends am Markusplatz die Musik nebst Korso unterblieb. Anderntags fuhren wir zurück. Auf dem Schiffe hin und zurück hatte die Resch Marie und unsere Tochter unter der Seekrankheit sehr zu leiden. Uns war es leid, dass wir nicht noch einen Tag länger geblieben sind, um noch mehr zu sehen.
In Laibach gab es zwei Schneidermeister, deren Gattinen nebenbei Gastwirtegeschäfte betrieben und dabei zu Vermögen gekommen sind. So wollte es unsere Tochter auch machen. Wir schossen wieder Geld vor, aber das Gasthaus anzufangen und ihr Mann ein Lump zu werden, war eins. Er vernachlässigte sein Geschäft und wir konnten nicht genug Schulden zahlen. So oft ich nur das Wort Laibach hörte, flossen mir die Tränen, denn die Tochter erbarmte mich, dass sie an diesen Wüterich gebunden war. Wie oft kamen von ihr die traurigen Briefe. Da musste immer meine Frau oder ich oder Eduard hinein, um den Frieden herzustellen.
Als ich einst dort war, kam ein benachbarter Kaufmann Fischer dahin als Gast. Er brachte das so eben in Wien gekaufte Bild mit, ein Bauernbursch mit sehr lachendem Gesicht, in der rechten Hand einen Krug in der linken ein überschäumendes Glas Bier. Mir gefiel dieser Biertrinker und auf mein Ersuchen hat Herr Fischer mir das Bild nach Graz zur Nachahmung desselben geliehen. Als ich eine Kopie fertig hatte, sandte ich das Original sogleich mit vielem Dank zurück und malte nach und nach im ganzen 30 Stück. (138) Davon verkaufte ich wieder 16 Stück zu 3 Gulden und 14 Stück erhielten gute Bekannte gratis.
Zu der Zeit, in der meine liebe Gattin an Typhus darniederlag, starb ihre Schwester Maria Fischinger. Deren Tochter Elise war eine zeitlang bei uns, kam dann zu einem guten Bekannten, Herrn Schuhmachermeister Wawzinek, wo sie in dessen Gewölbe in der Franziskanergasse eine sehr talentvolle Verkäuferin wurde. Als die Frau Wawzinek nach langer Krankheit wieder gesund wurde, hatten wir ihr zu Ehren ein Genesungsfest veranstaltet, wozu ich ein Theaterstück verfasste, worin ich, Eduard und Maria Aldrian als Schauspieler aufgetreten sind. Zu einer nachherigen Krankheit der Frau Wawzinek kam noch die Lungenentzündung, und die arme Frau war nicht mehr. Nach ihrem Tode heiratete Herr Wawzinek obige Elise Fischer, die eine vortreffliche Frau wurde.
Als Johann Manninger seine Wohnung im Eisentor-Gebäude hatte, drang er darauf, dass unsere silberne Hochzeit bei ihm abgehalten werde. Alle dabei Gewesenen unterhielten sich sehr gut. Nur meine liebe Gattin wollte sich nicht recht freuen, obwohl ich alles aufgeboten hatte, sie zu zerstreuen. Ich meinte, ihre Mücken seien rebellisch geworden. Nachträglich hatte sie erzählt, dass sie während der Mahlzeit den Entschluss gefasst hatte, sich unbemerkt von der Gesellschaft zu entfernen und sich in die Mur zu stürzen. Wie weit es doch der unselige Wahn bringen kann!
Als wieder von Laibach ein herzzerreissender Brief kam, begab sich die liebe Frau dorthin und nahm das Letztgeborene, aber am Kostorte verwahrloste Kind der Tochter, einen Knaben mit zwei Jahren, namens Albin aus Barmherzigkeit mit nach Graz. Dieser Knabe hatte ein schadhaftes Auge. Unzählige Male trug ihn die gute Frau zu den Doktoren im Krankenhaus. Während vier Jahren hat sich meine liebe Gattin mit dem Armen Knaben abgeplagt. Als sein Schreien Tag und Nacht nicht mehr auszuhalten war, gaben wir ihn zur Bäurerin vulgo Schögler in Mitterlassnitz, drei Stunden ausserhalb Graz gelegen, gegen Gleisdorf. Diese Bäuerin war uns bekannt, da sie sich immer mit dem Aufziehen fremder Kinder mit Erfolg befasste. Aber aus diesem Knaben wurde nichts. Er blieb klein, war ohne Bewusstsein seines Daseins und machte alle Kinderkrankeiten durch. Wir hatten gehofft, dass frische, freie Landluft ihm bestens behagen würde, als in Graz die Zimmerluft. Wie oft hatten wir ihn besucht und immer unverbesserlich gefunden. Er war schon bald 18 Jahre alt, als er dahinsiechte und wir von den erheblichen Kosten befreit wurden.
(139) Inzwischen hatten wir auch das siebenjährige Mädchen Paula zu uns genommen. Nach zwei Jahren kam sie wieder zu uns. Wir wollten sie zu häuslichen Beschäftigungen abrichten, aber bei ihrem krainerischen Dickschädel war alle Mühe umsonst.
Nach allen für meine Wege nach Laibach verausgabten Geldern, für Vorschüsse, bezahlte Schulden, die vielen Reisen und Postporti etc., die unzähligen von mir verfertigten und dahingegebenen Bilder dazugerechnet, betrugen dieselben beinahe 1200 Gulden. Es war auch sonderbar, dass so oft mir von entzückend schönen Gegenden träumte, von der beklagenswerten Tochter ein recht jammervoller Brief kam. Endlich, als ihr gewissenloser Mann alles durchbrachte, sein Plan, uns ganz zugrunde zu richten, nicht gelang, kam die Tochter Marie mit zwei Mädchen, Anna, 10 Jahre alt und Gabriela, 2 Jahre alt, zu uns. der Sohn Viktor und die widerspenstige Paula blieben beim Vater, welcher sich nie mehr um seine bei uns befindlichen Angehörigen kümmerte. Wir konnten doch nicht unser ganzes geringes Vermögen nach Laibach opfern, da wir unsere alten Tage besorgen mussten. Unsere Tochter Marie musste Dienste nehmen, ihre Tochter Anna lernte in Preindelsberg die Putzmacherei und Gabriela, als sie schulfähig war, lernte gar fleissig. Beide Mädchen waren sehr talentvoll.
Unser Sohn Eduard hatte die Stieftochter des Bad-Inhabers Rauch geheiratet und wohnte bei uns. Deren Bruder, Jakob Rauch, wurde unser Hausarzt.
Die nach Laibach verschwendeten Summen für Studium und Heirat des Sohnes und unsere mehrfachen Krankheiten haben unser Vermögen aufgezehrt. Mittlerweile nahm das Krummwerden meiner Mittelfinger und Nebenfinger so überhand, dass ich Flöten- und Gitarrespiel, bei welchem ich öfter für die Nacht 3 Gulden verdiente, nicht mehr produzieren konnte.
Die im Jahre 1821 bei meinen Eltern in Graz gewesene Tante Hauzendorfer kam einst wieder nach Graz und hat uns auf der Ries besucht. Diese Tante hatte vier Töchter: Eine war mit Herrn Taurer in Dellach, eine mit dem Seifensieder Kerschbaumer in Brixen und die dritte, Priska, mit dem Arzte Amman in Greifenburg verehelicht. Über alle drei kam das traurige Verhängnis, schon nach dem ersten Kinde sterben zu müssen. Die vierte Tocher, Karoline, wollte aber länger leben und blieb ledig.
Die Tante Elise so wie der Schuhmacher Socher rühmten sehr das liebe Kärntnerland und redeten mir zu, dasselbe noch einmal zu besuchen. Als Karoline im Jahre 1857 in Graz war und wieder heimreisen wollte, fuhren ich und Karoline und Herr Valentin Knaupert mit dessen Equipage in das Kainachtal bis zum Wirte Weiss in Krottendorf. (140) Nach dem dortigen Gabelfrühstück marschierten wir nach Edelschrott per Pedes zum Mittagsmahl. Nachdem dort kein Fuhrwerk zu haben war, kamen wir zu Fuss gegen 3 Uhr nachmittags zum Gasthaus auf der Pack . Von dort weg überraschte uns ein fürchterliches Donnerwetter und wir kamen ganz durchnässt um 6 Uhr nach Breiteneck. Zum Glück war dort zum Brotbacken tüchtig eingeheizt. Wir konnten uns trocknen und dann mit einem erhaltenen Fuhrwerk nach Wolfsberg im Lavanttal fahren, wo wir um 10 Uhr abends ankamen.
Anderntags ging es per Post nach Völkermarkt, wo wir um 12 Uhr mittags mit dem von Leibnitz eingetroffenen Franz Knaupert zusammentrafen und dann per Post weiter nach Klagenfurt fuhren und dort über Nacht blieben.
Fräulein Karoline ist von dort andern Tages gleich nach Hause und wir drei Männer per Dampfschiff über den Wörtersee fort nach Villach zu Herrn Franz Dunkel, Sohn des Bruders meiner Mutter, gewesener Gendarmeriewachtmeister und nun Lebzelter . Dieser führte uns anderen Tags nach Tarvis. Am nächsten Tag fuhr er zurück und wir stiegen dreieinhalb Stunden lang auf den Luschariberg, von wo wir auf zwei Handschlitten durch schneebedeckte Schluchten in dreiviertel Stunden wieder herabkamen. Nach meiner Landkarte mussten wir jenseits der nach Malpogeth führenden Strasse in ein Felsental einbiegen, um nach Vordernberg im Gailtal zu gelangen. Bis wir um 6 Uhr abends dahinkamen, hatte es seit 1 Uhr Mittag tüchtig geregnet. Der Marsch über die hohen Berge war beschwehrlich.
Im nächsten Dorfe erhielten wir einen Wagen, welcher uns um 10 Uhr abends nach Hermagor brachte. Es war der Fronleichnamstag. Die im Jahre 1848 entstandene Nationalgarde war schon überall aufgehoben, aber hier durchzog eben eine Musikbande noch die ganze Stadt. Weil wir so spät angekommen waren, wollten die Gastwirte uns nicht mehr beherbergen, aber nach energischer Drohung mit der Gendarmerie des Valentin Knaupert wurden wir endlich bei einem Gasthofe sehr kalt empfangen. Nach Eintragung unserer Namen und Beschäftigungen wurden wir aber wider Erwarten gut bewirtet und die Rechnung war nicht zu hoch.
Den nächsten Tag liess uns der Wirt zwei Stunden weit bis zu einem hohen Berg führen, nach dessen Überschreitung wir zu Mittag in Greifenburg unseren Einzug hielten. Wir wurden bei Herrn Hauzendorfer freundlich empfangen. Mit seiner Gelegenheit machten wir den anderen Tag einen Abstecher nach Lienz in Tirol und kamen am Sonntag Abend wieder zurück. Nach einigen Tagen Aufenthalt liess uns Herr Hauzendorfer bis Sachsenburg zurück führen, von wo wir zu fuss abends wieder beim Dunkler in Villach eintrafen. Anderntags ging's bis Velden per Post, dann über den Wörthersee und von Klagenfurt weg die ganze (141) Nacht per Post nach Marburg, von wo wir per Bahn glücklich wieder nach hause kamen. Für die ganze Reise kamen auf mich nur 6 Gulden. Alles Übrige, nämlich 120 Gulden bestritt Herr Valentin Knaupert allein. Während ich in Kärnten war, hat meine liebe Ehegattin wieder die Tochter in Laibach besucht. Im nächsten Jahr zu Pfingsten bin ich und Herr Wawrinek mit dem Vergnügungszug nach Wien gefahren. Pfingstsonntag früh sind wir dort angekommen und Montag nachts 11 Uhr wieder abgefahren.
.
(137) Nachdem meine Frau den Wunsch hatte, Triest zu sehen, sind wir per Bahn bis Laibach, besuchten die Tochter und fuhren mit Stellwagen über den Karst nach Triest. Dort besichtigten wir die schöne Stadt, besuchten Bruder und Schwester unseres Schwiegersohnes und sind dann andern Tages wieder zurück.
Nach zwei Jahren drang meine liebe Gattin darauf, Venedig zu sehen. Wir beide, dann Eduard und Marie, die Tochter meiner Schwester Resch, fuhren am Pfingstmontag nach Adelsberg, wo wir die berühmte Grotte besuchten. Wir schlossen uns dem ebenfalls nach Venedig reisenden Grazer Fleischhauer Pferschy an, kamen um 11 Uhr nachts in Triest an, wo wir nach eingenommenem Kaffee um 12 Uhr auf dem Dampfschiffe nach Venedig fuhren und dort um halbneun Uhr früh ankamen.
Im deutschen Gasthaus «Zur Stadt München» kehrten wir ein und ein Führer geleitete uns den ganzen Tag für 7 Silbergulden zu verschiedenen Merkwürdigkeiten. In der «Stadt München» haben wir für Essen, Bier und Betten 6 Gulden bezahlt. Vom Markus-Turm aus sahen wir, so weit das Auge reicht, alle Berge mit Schnee bedeckt. Es war empfindlich kalt, so dass abends am Markusplatz die Musik nebst Korso unterblieb. Anderntags fuhren wir zurück. Auf dem Schiffe hin und zurück hatte die Resch Marie und unsere Tochter unter der Seekrankheit sehr zu leiden. Uns war es leid, dass wir nicht noch einen Tag länger geblieben sind, um noch mehr zu sehen.
In Laibach gab es zwei Schneidermeister, deren Gattinen nebenbei Gastwirtegeschäfte betrieben und dabei zu Vermögen gekommen sind. So wollte es unsere Tochter auch machen. Wir schossen wieder Geld vor, aber das Gasthaus anzufangen und ihr Mann ein Lump zu werden, war eins. Er vernachlässigte sein Geschäft und wir konnten nicht genug Schulden zahlen. So oft ich nur das Wort Laibach hörte, flossen mir die Tränen, denn die Tochter erbarmte mich, dass sie an diesen Wüterich gebunden war. Wie oft kamen von ihr die traurigen Briefe. Da musste immer meine Frau oder ich oder Eduard hinein, um den Frieden herzustellen.
Als ich einst dort war, kam ein benachbarter Kaufmann Fischer dahin als Gast. Er brachte das so eben in Wien gekaufte Bild mit, ein Bauernbursch mit sehr lachendem Gesicht, in der rechten Hand einen Krug in der linken ein überschäumendes Glas Bier. Mir gefiel dieser Biertrinker und auf mein Ersuchen hat Herr Fischer mir das Bild nach Graz zur Nachahmung desselben geliehen. Als ich eine Kopie fertig hatte, sandte ich das Original sogleich mit vielem Dank zurück und malte nach und nach im ganzen 30 Stück. (138) Davon verkaufte ich wieder 16 Stück zu 3 Gulden und 14 Stück erhielten gute Bekannte gratis.
Zu der Zeit, in der meine liebe Gattin an Typhus darniederlag, starb ihre Schwester Maria Fischinger. Deren Tochter Elise war eine zeitlang bei uns, kam dann zu einem guten Bekannten, Herrn Schuhmachermeister Wawzinek, wo sie in dessen Gewölbe in der Franziskanergasse eine sehr talentvolle Verkäuferin wurde. Als die Frau Wawzinek nach langer Krankheit wieder gesund wurde, hatten wir ihr zu Ehren ein Genesungsfest veranstaltet, wozu ich ein Theaterstück verfasste, worin ich, Eduard und Maria Aldrian als Schauspieler aufgetreten sind. Zu einer nachherigen Krankheit der Frau Wawzinek kam noch die Lungenentzündung, und die arme Frau war nicht mehr. Nach ihrem Tode heiratete Herr Wawzinek obige Elise Fischer, die eine vortreffliche Frau wurde.
Als Johann Manninger seine Wohnung im Eisentor-Gebäude hatte, drang er darauf, dass unsere silberne Hochzeit bei ihm abgehalten werde. Alle dabei Gewesenen unterhielten sich sehr gut. Nur meine liebe Gattin wollte sich nicht recht freuen, obwohl ich alles aufgeboten hatte, sie zu zerstreuen. Ich meinte, ihre Mücken seien rebellisch geworden. Nachträglich hatte sie erzählt, dass sie während der Mahlzeit den Entschluss gefasst hatte, sich unbemerkt von der Gesellschaft zu entfernen und sich in die Mur zu stürzen. Wie weit es doch der unselige Wahn bringen kann!
(139) Inzwischen hatten wir auch das siebenjährige Mädchen Paula zu uns genommen. Nach zwei Jahren kam sie wieder zu uns. Wir wollten sie zu häuslichen Beschäftigungen abrichten, aber bei ihrem krainerischen Dickschädel war alle Mühe umsonst.
Nach allen für meine Wege nach Laibach verausgabten Geldern, für Vorschüsse, bezahlte Schulden, die vielen Reisen und Postporti etc., die unzähligen von mir verfertigten und dahingegebenen Bilder dazugerechnet, betrugen dieselben beinahe 1200 Gulden. Es war auch sonderbar, dass so oft mir von entzückend schönen Gegenden träumte, von der beklagenswerten Tochter ein recht jammervoller Brief kam. Endlich, als ihr gewissenloser Mann alles durchbrachte, sein Plan, uns ganz zugrunde zu richten, nicht gelang, kam die Tochter Marie mit zwei Mädchen, Anna, 10 Jahre alt und Gabriela, 2 Jahre alt, zu uns. der Sohn Viktor und die widerspenstige Paula blieben beim Vater, welcher sich nie mehr um seine bei uns befindlichen Angehörigen kümmerte. Wir konnten doch nicht unser ganzes geringes Vermögen nach Laibach opfern, da wir unsere alten Tage besorgen mussten. Unsere Tochter Marie musste Dienste nehmen, ihre Tochter Anna lernte in Preindelsberg die Putzmacherei und Gabriela, als sie schulfähig war, lernte gar fleissig. Beide Mädchen waren sehr talentvoll.
Unser Sohn Eduard hatte die Stieftochter des Bad-Inhabers Rauch geheiratet und wohnte bei uns. Deren Bruder, Jakob Rauch, wurde unser Hausarzt.
Die nach Laibach verschwendeten Summen für Studium und Heirat des Sohnes und unsere mehrfachen Krankheiten haben unser Vermögen aufgezehrt. Mittlerweile nahm das Krummwerden meiner Mittelfinger und Nebenfinger so überhand, dass ich Flöten- und Gitarrespiel, bei welchem ich öfter für die Nacht 3 Gulden verdiente, nicht mehr produzieren konnte.
Die im Jahre 1821 bei meinen Eltern in Graz gewesene Tante Hauzendorfer kam einst wieder nach Graz und hat uns auf der Ries besucht. Diese Tante hatte vier Töchter: Eine war mit Herrn Taurer in Dellach, eine mit dem Seifensieder Kerschbaumer in Brixen und die dritte, Priska, mit dem Arzte Amman in Greifenburg verehelicht. Über alle drei kam das traurige Verhängnis, schon nach dem ersten Kinde sterben zu müssen. Die vierte Tocher, Karoline, wollte aber länger leben und blieb ledig.
Die Tante Elise so wie der Schuhmacher Socher rühmten sehr das liebe Kärntnerland und redeten mir zu, dasselbe noch einmal zu besuchen. Als Karoline im Jahre 1857 in Graz war und wieder heimreisen wollte, fuhren ich und Karoline und Herr Valentin Knaupert mit dessen Equipage in das Kainachtal bis zum Wirte Weiss in Krottendorf. (140) Nach dem dortigen Gabelfrühstück marschierten wir nach Edelschrott per Pedes zum Mittagsmahl. Nachdem dort kein Fuhrwerk zu haben war, kamen wir zu Fuss gegen 3 Uhr nachmittags zum Gasthaus auf der Pack . Von dort weg überraschte uns ein fürchterliches Donnerwetter und wir kamen ganz durchnässt um 6 Uhr nach Breiteneck. Zum Glück war dort zum Brotbacken tüchtig eingeheizt. Wir konnten uns trocknen und dann mit einem erhaltenen Fuhrwerk nach Wolfsberg im Lavanttal fahren, wo wir um 10 Uhr abends ankamen.
Anderntags ging es per Post nach Völkermarkt, wo wir um 12 Uhr mittags mit dem von Leibnitz eingetroffenen Franz Knaupert zusammentrafen und dann per Post weiter nach Klagenfurt fuhren und dort über Nacht blieben.
Fräulein Karoline ist von dort andern Tages gleich nach Hause und wir drei Männer per Dampfschiff über den Wörtersee fort nach Villach zu Herrn Franz Dunkel, Sohn des Bruders meiner Mutter, gewesener Gendarmeriewachtmeister und nun Lebzelter . Dieser führte uns anderen Tags nach Tarvis. Am nächsten Tag fuhr er zurück und wir stiegen dreieinhalb Stunden lang auf den Luschariberg, von wo wir auf zwei Handschlitten durch schneebedeckte Schluchten in dreiviertel Stunden wieder herabkamen. Nach meiner Landkarte mussten wir jenseits der nach Malpogeth führenden Strasse in ein Felsental einbiegen, um nach Vordernberg im Gailtal zu gelangen. Bis wir um 6 Uhr abends dahinkamen, hatte es seit 1 Uhr Mittag tüchtig geregnet. Der Marsch über die hohen Berge war beschwehrlich.
Im nächsten Dorfe erhielten wir einen Wagen, welcher uns um 10 Uhr abends nach Hermagor brachte. Es war der Fronleichnamstag. Die im Jahre 1848 entstandene Nationalgarde war schon überall aufgehoben, aber hier durchzog eben eine Musikbande noch die ganze Stadt. Weil wir so spät angekommen waren, wollten die Gastwirte uns nicht mehr beherbergen, aber nach energischer Drohung mit der Gendarmerie des Valentin Knaupert wurden wir endlich bei einem Gasthofe sehr kalt empfangen. Nach Eintragung unserer Namen und Beschäftigungen wurden wir aber wider Erwarten gut bewirtet und die Rechnung war nicht zu hoch.
Den nächsten Tag liess uns der Wirt zwei Stunden weit bis zu einem hohen Berg führen, nach dessen Überschreitung wir zu Mittag in Greifenburg unseren Einzug hielten. Wir wurden bei Herrn Hauzendorfer freundlich empfangen. Mit seiner Gelegenheit machten wir den anderen Tag einen Abstecher nach Lienz in Tirol und kamen am Sonntag Abend wieder zurück. Nach einigen Tagen Aufenthalt liess uns Herr Hauzendorfer bis Sachsenburg zurück führen, von wo wir zu fuss abends wieder beim Dunkler in Villach eintrafen. Anderntags ging's bis Velden per Post, dann über den Wörthersee und von Klagenfurt weg die ganze (141) Nacht per Post nach Marburg, von wo wir per Bahn glücklich wieder nach hause kamen. Für die ganze Reise kamen auf mich nur 6 Gulden. Alles Übrige, nämlich 120 Gulden bestritt Herr Valentin Knaupert allein. Während ich in Kärnten war, hat meine liebe Ehegattin wieder die Tochter in Laibach besucht. Im nächsten Jahr zu Pfingsten bin ich und Herr Wawrinek mit dem Vergnügungszug nach Wien gefahren. Pfingstsonntag früh sind wir dort angekommen und Montag nachts 11 Uhr wieder abgefahren.
.
Freitag, 19. März 2010
54. Wo viel Licht ist, ist viel Schatten
.
Als wir in der Klosterwiesgasse Wohnung bezogen hatten, wohnte neben unserem Nachbar Vorhammer ein Damenschneider Appel mit Frau und Kindern. Die älteste Tochter, bei 30 Jahre alt, hatte zwei uneheliche Kinder, hatte eine etwas vorgebeugte Haltung und Vorliebe für Schnupftabak.Ihr Name war Kathi. Die zweite Tochter, Marie, eine Putzmacherin, hatte ein Mädchen. Die Dritte war ein Backfisch von 14 Jahren. Wenn ich von der Kanzlei nach Hause kam, brachte ich immer das Abendblatt der Grazer Zeitung mit. Da kam Kathi immer, nahm ein Paar Prisen aus der Tabakdose meiner Frau, welche schon seit mehreren Jahren gerne schnupfte – gegen Augenweh, wie sie sagte!
Dann las die Schneiderstochter das Abendblatt, ohne dass ich mit ihr ein Wort sprach; denn ich machte mich stets gleich an die Schreiberei. Da kam meiner innigst geliebten Gattin die unglückliche Idee, dass die Kathi nur deshalb herüberkäme, um mit mir ein Verhältnis anzubandeln.
Von diesem schaudervollen Argwohn wurde die liebe, arme Frau so gepeinigt, dass sie in ihrer ganz grundlosen Eifersucht mich ganz Schuldlosen unbändig quälte. Alle meine Bestrebungen, sie von ihrer Einbildung zu befreien und sie von dem Verdachte zu heilen, waren vergebens. (134) Wie könnte es mir einfallen, das grosse Frauenherz so zu kränken, da ich täglich die Erinnerung hatte, wie ich nur ihr nach meiner grossen Krankheit mein Leben und meine Gesundheit zu verdanken hatte. Durch die ganze Zeit unserer Ehe habe ich jeden Tag dem lieben Gott für die Gnade innigst gedankt, ein so liebes und echtes Juwel empfangen zu haben. Ich habe stets sehr oft gebetet, dass uns der gütige Himmel bis in das höchste Alter beisammen lassen soll.
Der Gedanke auf Abwechslung fiel mir nie ein, denn ich war bei meinem Sparsystem ein Feind jeden Luxus, und war von jeher nur zur angestrengten Arbeit verdammt. Beschäftigung ist das beste Mittel gegen unlautere und sündhafte Gedanken. Überhaupt war bei mir kein Bedürfnis und kein Hang zu extremen Vorhaben. Nur für fortwährende, aufrichtige und treue Liebe zu meiner holden Ehegattin, dem Schutzgeist meines Lebens, dann zur Arbeit und zum Bildermalen war meine grösste Sehnsucht.
Mir war unendlich leid, kein Dichter zu sein. Die liebe Frau hätte es bei allen ihren sonstigen herrlichen Eigenschaften wirklich verdient, in den erhabensten Gedichten gepriesen zu werden. Wenn mir die innigsten Gedichte, «Lob der Frauen» etc. in die Hände kamen, las ich ihr dieselben mit seligster Begeisterung vor.
Wenn ich von der Kanzlei oft Gänge zu Gericht oder zur Post hatte und ich ihr zufällig begegnete, da hüpfte mein Herz voll Freude, dass ich sie hätte umarmen und küssen mögen. Sie sagte, dass es ihr ebenso ginge.
In ihrer durch hochgradige Eifersucht entstandenen Verblendung hatte sie mit Hilfe der erwähnten Frau Manninger im 1. Stock neben Kleinoscheg für uns im 4. Stock eine Wohnung mit 3 Zimmern und Küche genommen, ohne dass ich es wusste. Als ich dann eines Tages mittags nach Hause kam, war die ganze Einrichtung schon aufgepackt und die arme, bedauernswerte Frau sagte ganz kurz: «Wir ziehen aus!» Ich erwiderte: «Ist ganz recht» und glaubte, dass sie beruhigt werden würde, wenn wir uns von dem Gegenstand ihres Argwohns entfernen.
Meine Schwester, Aloisia Resch, hatte wohl einen Mann, der in Bezug auf eheliche Treue ungeheuer leichtsinnig war. Der hatte seine Liebschaften an allen Ecken und Enden, hatte immer viel Geld bei sich und benahm sich sehr verschwenderisch. Als ich und meine Frau einst bei meiner Tante Theresia Dunkel auf Besuch waren, jammerte ihr eben meine Schwester das Elend mit ihrem Manne vor. Da entschlüpfte dieser die höchst unüberlegte Äusserung: «Ah, geht's, die Männer machen's alle so!» Das war erst Öl ins Feuer gegossen und meine Frau wurde fast wahnsinnig. Es ist nicht zu beschreiben, was (135) ich da gelitten habe. Sie verfluchte sogar den Tag, an dem sie mich kennengelernt hatte, drohte, mich unter Polizei-Aufsicht zu stellen, wenn ich die verbotenen Wege nicht meide und hat geschworen, ebensolchen liederlichen Lebenswandel zu betreten wie ich. Ich selbst war bei alledem ganz und gar unschuldig.
Wenn ich zurückdenke, wie ich die Pepi Kleinholz 55 Jahre lang rein platonisch liebte, mich in Wien ein Jahr aufhielt und beim Verzehrsteuergeschäft oft mehrere Wochen von meiner innigst geliebten Gattin abwesend war und mich jederzeit, trotz aller zweideutigen Gelegenheiten entsagend und treu, redlich und ordentlich benommen habe, so konnte ich es nicht begreifen, wie die arme Frau mir solche Schändlichkeiten zutrauen konnte. Ich hatte doch nicht und niemals Anlass zu Argwohn gegeben.
Wenn die bedauernswerte Gattin einige ruhige Stunden hatte, versuchte ich oft in möglichst freudlicher Art ihren Verdacht als ein unglückliches Hirngespinst zu erklären. Aber da kam sie immer in eine grenzenlose Wut, wobei mir auch manches harte Wort daherplatzte, denn nichts konnte mich derart in Harnisch bringen, als wenn meine unerschütterliche Redlichkeit angezweifelt wurde.
Allen meinen Versicherungen glaubte sie nicht. Oft bat ich sie auf den Knien, ihren grundlosen Mucken zu entsagen und meiner Ehrlichkeit zu glauben. Alles war vergebens.
Unbegreiflich war es wirklich, wie die einst so geistreiche, verstandesreiche Frau sich durch ihre unglückliche Idee so martern lassen konnte. Wie hätte ich so unvernünftig und gewissenlos sein können, meine herzensgute Frau, die ich immer hoch schätzte und als eine Heilige verehrte, mit frechen Absichten zu kränken. Oft kam es vor, dass sie im Augenblick meines Fortgehens in die Kanzlei einen Streit anfing und heftig über ihr Unglück weinte. Da hatte ich unendlich grosse Mühe, sie zu beruhigen. Ich konnte ja nicht eher fort, als bis sie besänftigt wurde. Es war zum Verzweifeln! Ich hatte die grösste Besorgnis, dass sie sich in meiner Abwesenheit ein Leid antun würde und kam während der Kanzleistunden mehrmals nachschauen.
Es wird noch schlimmer
Als einst unsere Tochter in Laibach an Typhus erkrankte, ist meine liebe Frau dahin und hat die arme Tochter sorgfältig gepflegt bis sie ausser Gefahr war. Um diese Zeit hatten die 6 Kinder meiner Schwester Maria Stadler zu Kitzbichl in Tirol (vermutlich Kitzbühel) eine Erbschaft gemacht. Ich wurde als Vormund bestellt und musste einen Advokaten dort bevollmächtigen. (136) Zu meiner in Laibach zurückgekehrten armen Frau sagte ich am nächsten Sonntag, dass ich wegen Legalisierung der Vollmacht zu Gericht gehen müsse und dann meine Gattin in der Ursulinen-Kirche abholen werde, da wir beide in das kalte Bad bei Rauch gehen wollten. Zufällig war der die Legalisierung vornehmende Beamte, v. Azula, noch nicht da. Ich musste warten und stand schon auf Nadeln. Ich fand dann meine arme Frau in der Kirche nicht mehr. Sie dachte in ihrem Wahn, die Legalisierung sei eine Lüge und ich auf einem Spaziergang mit der von ihr Verhassten.
Entweder diese heftige Erregung oder die Ansteckung an der Krankheit meiner Tochter in Laibach war Ursache, dass meine arme Frau ins Bett musste, denn der Typhus stellte sich ein. Ich nahm sogleich eine Wärterin auf, welche sie bediente und ich pflegte meine arme Frau zu jeder Stunde der Nacht. Der ausgezeichnete, berühmte Dr. Hinterthür war 9 Wochen hindurch unermüdlich für uns tätig. Aber der unglückliche Wahn verliess sie nicht. Vor- und nachmittags kam ich immer aus der Kanzlei, um nachzuschauen. Als ich ihr erzählte, dass ich von der Post zurück in die Stadtpfarrkirche ging, um dort inbrünstig für das Gesundwerden meiner innigst geliebten Gattin zu beten, erhob sie sich im Bette und schrie: «Das ist erlogen! Du hast das Luder hineingehen sehen und bist ihr nach!» Wie wehe es mir zu Herzen war, kann man sich nicht denken. Ich hatte nicht die mindeste Furcht vor Ansteckung und nur die grösste Sehnsucht um die Gesundheit meiner Frau an Leib und Seele. Die Wärterin, eine grosse, starke Frau, vom Arzt selbst empfohlen, starb bald darauf an Typhus und meine Frau kam aus dem Bette. Als sie im Spiegel ihr gräulich entstelltes Gesicht erblickte, ergriff sie als erstes eine namenlose Furcht, dass ich mit ihr nicht mehr Vorlieb nehmen würde.
Ich tröstete die arme Frau so gut ich konnte und versicherte sie zum tausendsten Male meiner unvergänglichen Treue und Hochachtung, denn es war mir ja unmöglich, die mit so viel Leiden behaftete, sonst so gute Seele weniger zu lieben, als in unserer Rosenzeit. Dennoch dauerte diese traurige Zeit mehrere Jahre.
Erst nach dem im Spitale erfolgten Tode der Verhassten wurde meine wieder in bester Gesundheit strahlende, liebe Gattin ruhiger. Ich musste mich aber sehr hüten, ihren gewesenen Argwohn rege zu machen, weil sie dann wieder in höchste Wut geriet. Ganz geheilt vom Verdacht wurde sie nicht.
.
Als wir in der Klosterwiesgasse Wohnung bezogen hatten, wohnte neben unserem Nachbar Vorhammer ein Damenschneider Appel mit Frau und Kindern. Die älteste Tochter, bei 30 Jahre alt, hatte zwei uneheliche Kinder, hatte eine etwas vorgebeugte Haltung und Vorliebe für Schnupftabak.Ihr Name war Kathi. Die zweite Tochter, Marie, eine Putzmacherin, hatte ein Mädchen. Die Dritte war ein Backfisch von 14 Jahren. Wenn ich von der Kanzlei nach Hause kam, brachte ich immer das Abendblatt der Grazer Zeitung mit. Da kam Kathi immer, nahm ein Paar Prisen aus der Tabakdose meiner Frau, welche schon seit mehreren Jahren gerne schnupfte – gegen Augenweh, wie sie sagte!
Dann las die Schneiderstochter das Abendblatt, ohne dass ich mit ihr ein Wort sprach; denn ich machte mich stets gleich an die Schreiberei. Da kam meiner innigst geliebten Gattin die unglückliche Idee, dass die Kathi nur deshalb herüberkäme, um mit mir ein Verhältnis anzubandeln.
Von diesem schaudervollen Argwohn wurde die liebe, arme Frau so gepeinigt, dass sie in ihrer ganz grundlosen Eifersucht mich ganz Schuldlosen unbändig quälte. Alle meine Bestrebungen, sie von ihrer Einbildung zu befreien und sie von dem Verdachte zu heilen, waren vergebens. (134) Wie könnte es mir einfallen, das grosse Frauenherz so zu kränken, da ich täglich die Erinnerung hatte, wie ich nur ihr nach meiner grossen Krankheit mein Leben und meine Gesundheit zu verdanken hatte. Durch die ganze Zeit unserer Ehe habe ich jeden Tag dem lieben Gott für die Gnade innigst gedankt, ein so liebes und echtes Juwel empfangen zu haben. Ich habe stets sehr oft gebetet, dass uns der gütige Himmel bis in das höchste Alter beisammen lassen soll.
Der Gedanke auf Abwechslung fiel mir nie ein, denn ich war bei meinem Sparsystem ein Feind jeden Luxus, und war von jeher nur zur angestrengten Arbeit verdammt. Beschäftigung ist das beste Mittel gegen unlautere und sündhafte Gedanken. Überhaupt war bei mir kein Bedürfnis und kein Hang zu extremen Vorhaben. Nur für fortwährende, aufrichtige und treue Liebe zu meiner holden Ehegattin, dem Schutzgeist meines Lebens, dann zur Arbeit und zum Bildermalen war meine grösste Sehnsucht.
Mir war unendlich leid, kein Dichter zu sein. Die liebe Frau hätte es bei allen ihren sonstigen herrlichen Eigenschaften wirklich verdient, in den erhabensten Gedichten gepriesen zu werden. Wenn mir die innigsten Gedichte, «Lob der Frauen» etc. in die Hände kamen, las ich ihr dieselben mit seligster Begeisterung vor.
Wenn ich von der Kanzlei oft Gänge zu Gericht oder zur Post hatte und ich ihr zufällig begegnete, da hüpfte mein Herz voll Freude, dass ich sie hätte umarmen und küssen mögen. Sie sagte, dass es ihr ebenso ginge.
In ihrer durch hochgradige Eifersucht entstandenen Verblendung hatte sie mit Hilfe der erwähnten Frau Manninger im 1. Stock neben Kleinoscheg für uns im 4. Stock eine Wohnung mit 3 Zimmern und Küche genommen, ohne dass ich es wusste. Als ich dann eines Tages mittags nach Hause kam, war die ganze Einrichtung schon aufgepackt und die arme, bedauernswerte Frau sagte ganz kurz: «Wir ziehen aus!» Ich erwiderte: «Ist ganz recht» und glaubte, dass sie beruhigt werden würde, wenn wir uns von dem Gegenstand ihres Argwohns entfernen.
Meine Schwester, Aloisia Resch, hatte wohl einen Mann, der in Bezug auf eheliche Treue ungeheuer leichtsinnig war. Der hatte seine Liebschaften an allen Ecken und Enden, hatte immer viel Geld bei sich und benahm sich sehr verschwenderisch. Als ich und meine Frau einst bei meiner Tante Theresia Dunkel auf Besuch waren, jammerte ihr eben meine Schwester das Elend mit ihrem Manne vor. Da entschlüpfte dieser die höchst unüberlegte Äusserung: «Ah, geht's, die Männer machen's alle so!» Das war erst Öl ins Feuer gegossen und meine Frau wurde fast wahnsinnig. Es ist nicht zu beschreiben, was (135) ich da gelitten habe. Sie verfluchte sogar den Tag, an dem sie mich kennengelernt hatte, drohte, mich unter Polizei-Aufsicht zu stellen, wenn ich die verbotenen Wege nicht meide und hat geschworen, ebensolchen liederlichen Lebenswandel zu betreten wie ich. Ich selbst war bei alledem ganz und gar unschuldig.
Wenn ich zurückdenke, wie ich die Pepi Kleinholz 55 Jahre lang rein platonisch liebte, mich in Wien ein Jahr aufhielt und beim Verzehrsteuergeschäft oft mehrere Wochen von meiner innigst geliebten Gattin abwesend war und mich jederzeit, trotz aller zweideutigen Gelegenheiten entsagend und treu, redlich und ordentlich benommen habe, so konnte ich es nicht begreifen, wie die arme Frau mir solche Schändlichkeiten zutrauen konnte. Ich hatte doch nicht und niemals Anlass zu Argwohn gegeben.
Wenn die bedauernswerte Gattin einige ruhige Stunden hatte, versuchte ich oft in möglichst freudlicher Art ihren Verdacht als ein unglückliches Hirngespinst zu erklären. Aber da kam sie immer in eine grenzenlose Wut, wobei mir auch manches harte Wort daherplatzte, denn nichts konnte mich derart in Harnisch bringen, als wenn meine unerschütterliche Redlichkeit angezweifelt wurde.
Allen meinen Versicherungen glaubte sie nicht. Oft bat ich sie auf den Knien, ihren grundlosen Mucken zu entsagen und meiner Ehrlichkeit zu glauben. Alles war vergebens.
Unbegreiflich war es wirklich, wie die einst so geistreiche, verstandesreiche Frau sich durch ihre unglückliche Idee so martern lassen konnte. Wie hätte ich so unvernünftig und gewissenlos sein können, meine herzensgute Frau, die ich immer hoch schätzte und als eine Heilige verehrte, mit frechen Absichten zu kränken. Oft kam es vor, dass sie im Augenblick meines Fortgehens in die Kanzlei einen Streit anfing und heftig über ihr Unglück weinte. Da hatte ich unendlich grosse Mühe, sie zu beruhigen. Ich konnte ja nicht eher fort, als bis sie besänftigt wurde. Es war zum Verzweifeln! Ich hatte die grösste Besorgnis, dass sie sich in meiner Abwesenheit ein Leid antun würde und kam während der Kanzleistunden mehrmals nachschauen.
Es wird noch schlimmer
Als einst unsere Tochter in Laibach an Typhus erkrankte, ist meine liebe Frau dahin und hat die arme Tochter sorgfältig gepflegt bis sie ausser Gefahr war. Um diese Zeit hatten die 6 Kinder meiner Schwester Maria Stadler zu Kitzbichl in Tirol (vermutlich Kitzbühel) eine Erbschaft gemacht. Ich wurde als Vormund bestellt und musste einen Advokaten dort bevollmächtigen. (136) Zu meiner in Laibach zurückgekehrten armen Frau sagte ich am nächsten Sonntag, dass ich wegen Legalisierung der Vollmacht zu Gericht gehen müsse und dann meine Gattin in der Ursulinen-Kirche abholen werde, da wir beide in das kalte Bad bei Rauch gehen wollten. Zufällig war der die Legalisierung vornehmende Beamte, v. Azula, noch nicht da. Ich musste warten und stand schon auf Nadeln. Ich fand dann meine arme Frau in der Kirche nicht mehr. Sie dachte in ihrem Wahn, die Legalisierung sei eine Lüge und ich auf einem Spaziergang mit der von ihr Verhassten.
Entweder diese heftige Erregung oder die Ansteckung an der Krankheit meiner Tochter in Laibach war Ursache, dass meine arme Frau ins Bett musste, denn der Typhus stellte sich ein. Ich nahm sogleich eine Wärterin auf, welche sie bediente und ich pflegte meine arme Frau zu jeder Stunde der Nacht. Der ausgezeichnete, berühmte Dr. Hinterthür war 9 Wochen hindurch unermüdlich für uns tätig. Aber der unglückliche Wahn verliess sie nicht. Vor- und nachmittags kam ich immer aus der Kanzlei, um nachzuschauen. Als ich ihr erzählte, dass ich von der Post zurück in die Stadtpfarrkirche ging, um dort inbrünstig für das Gesundwerden meiner innigst geliebten Gattin zu beten, erhob sie sich im Bette und schrie: «Das ist erlogen! Du hast das Luder hineingehen sehen und bist ihr nach!» Wie wehe es mir zu Herzen war, kann man sich nicht denken. Ich hatte nicht die mindeste Furcht vor Ansteckung und nur die grösste Sehnsucht um die Gesundheit meiner Frau an Leib und Seele. Die Wärterin, eine grosse, starke Frau, vom Arzt selbst empfohlen, starb bald darauf an Typhus und meine Frau kam aus dem Bette. Als sie im Spiegel ihr gräulich entstelltes Gesicht erblickte, ergriff sie als erstes eine namenlose Furcht, dass ich mit ihr nicht mehr Vorlieb nehmen würde.
Ich tröstete die arme Frau so gut ich konnte und versicherte sie zum tausendsten Male meiner unvergänglichen Treue und Hochachtung, denn es war mir ja unmöglich, die mit so viel Leiden behaftete, sonst so gute Seele weniger zu lieben, als in unserer Rosenzeit. Dennoch dauerte diese traurige Zeit mehrere Jahre.
Erst nach dem im Spitale erfolgten Tode der Verhassten wurde meine wieder in bester Gesundheit strahlende, liebe Gattin ruhiger. Ich musste mich aber sehr hüten, ihren gewesenen Argwohn rege zu machen, weil sie dann wieder in höchste Wut geriet. Ganz geheilt vom Verdacht wurde sie nicht.
.
Abonnieren
Posts (Atom)
















