Samstag, 6. Februar 2010

34. Eine Weinprobe mit Folgen

     Eine kleine Stunde von Mureck aufwärts ist die Gemeinde Weitersfeld mit einer Seil-Überfuhr über die Mur. Von dort über einer Berggemeinde Zellnitz war ein Bauer und Weingartenbesitzer namens Heiling, welchem 1834 nacheinander zwei Winzereien und dann ein Bauernhaus abbrannten und da alle hoch assekuriert war, konnte er sein stattliches Wohnhaus herstellen, wozu ich ihm den Bauplan verfertigte. Mein Nachbar, Schlosser Peter Wach, lieferte die Schlosserarbeiten. Auf Einladung des Heiling, zu ihm zu kommen und seine 34er Weine zu kosten gingen ich und Wach am Tage vor Weihnachten bei gelinder Witterung nach vollbrachter Fahrt über die Mur auf dem eisigen Ufer dahin. Heiling gab uns von der Qualität zu kosten; der Wein vom Rossbacher Gebirge war besonders vortrefflich.

     Da ich jedoch die Wirkung des 1834er schon gut kannte, schlürfte ich aus jedem dargebotenen Glase nur einige Tropfen. Wach aber stürzte jedes Glas voll hinunter, daher er sogleich benebelt wurde und mir die Besorgnis kam, wie wir nach Hause kommen würden. Als es abends zu dunkeln begann, suchte ich den Schlosser Wach zum Rückmarsch zu bewegen, damit wir, ehe es Nacht würde, über die Mur sein könnten. Heiling aber meinte, es wäre noch Zeit und sein Sohn Natzl würde uns mit dem Schinakl schon hinüberbringen. Ich verabschiedete mich, ging vom Keller vollkommen nüchtern weg und setzte mich im Fahrzeug nieder. Wach aber ging trotz meines Zurufens eine Strecke aufwärts zum Strome und fiel hinein. Zufällig trug ihn die Strömung zu mir. Als ich mich aus dem Fahrzeug neigte, schrie der Heiling-Sohn, der vom ganzen Vorfalle in der Abenddämmerung nichts merkte und eben das mit Ketten abgesperrte Schiff loslöste:  (86)  «Was treibt ihr denn, Ihr werft ja um!» Und da erst sah er die todbringende Bescherung und kam mir zu Hilfe, den ohnehin schweren, jetzt ganz durchnässten und heftig zitternden Schlosser in den Schinakel zu bringen.


     Ich zog den Betrunkenen fest an mich, und als wir vom Fährmann Natzl auf einer Schotterbank oder Insel in der Mur aufgesetzt wurde, hatte ich viele Mühe, meine eben durch eingetretene Kälte an den Rock des Schlossers festgefroren Rock loszubringen. Ich ersuchte den Natzl, er möge uns doch die Richtung zeigen, um so schnell wie möglich vom Wasser wegzukommen. Darauf sagte er grob: «Ei was, Ihr werdet den Weg wohl finden, ich muss selber trachten, nach Hause zu kommen», und lenkte sein Schiff zur Rückfahrt.

     Jenseits dieser Insel war ein mächtiger Arm der Mur, und bei der inzwischen eingetretenen vollen Nacht suchten wir einen Übergang auf das linke Ufer und fanden glücklich einen aus einem Baumstamm hochgebauten Steg ohne Geländer. Der Schlosser torkelte trotz seines Rausches glücklich hinüber. Ich aber musste wegen meiner Schwindelhaftigkeit auf dem Stege reitend hinüberrutschen, worüber der Schlosser ausserordentlich lachte.

     Wir waren nun geborgen und ich von der Angst befreit, dass das Schicksal unseren Tod durch Ertrinken oder Erfrieren beschlossen habe. Aber von hier bis nach Hause hatte ich mit dem höchst beduselten Schlosser eine fürchterliche Plage. Ich war mit allem Kraftaufwand nicht immer im Stande, ihn aufrecht zu halten. Mehr als zwanzigmal fiel er zu Boden und manchmal riss er mich mit. Als er die Miene machte, liegen zu bleiben, ich ihm aber wieder auf die Beine geholfen hatte, wollte er gar mit gezücktem Messer auf mich losgehen. Ich konnte ihn sicher nicht liegen lassen, da er bei der nächtlichen strengen Kälte gewiss erfroren wäre.
    
Als wir endlich die Brücke ab der Weitersfelder Mühle passierten, ging es mit vielen Beschwerden, jedoch auf besseren Wegen rascher nach Mureck. Bei dem Hause des Schlossers, welcher immer lärmte, angelangt, kam dessen Gattin zur Stiege und rief äusserst roh von oben herab: «Seids schon da, Ihr Saumägen?» Ich ersuchte sie, ihren Mann sogleich zu Bette zu bringen. Kaum war ich zu Hause vom Erzählen der heutigen Begebenheit fertig, überkam mich eine Unpässlichkeit, so dass ich erbrechen musste. Der Schlosser kam nach zwei Stunden Schlaf ganz nüchtern zu uns, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen und lachte aus vollem Halse, als er von meiner Übergabe hörte, und beteuerte, dass ich im Ganzen höchstens einen halben Seitel Wein zu mir genommen hätte.

     (87)  Dieser Schlosser war ein Tiroler. Wie er erzählte, hatte er damals in Aussee als Geselle gearbeitet, als der Erzherzog Johann sich in die dortige Postmeisterstochter, die viel gepriesene Oberascher Nani, verliebte. Dieser Schlosser war sehr dem Suff ergeben, sass oft bei Tag bei uns zu Gast und sagte öfters, wenn er mich so eifrig bei der Arbeit sah: «Ach, wenn nur ich auch so fleissig sein könnte!»

     Sein ältester Sohn Hermann, ebenfalls Schlosser, war ein vortrefflicher Waldhornist und überaus glücklich, als er einst ein solches Instrument mit Klappen erhielt. Nach vollbrachter Militärzeit bei der Musik-Bande wurde er Schlossermeister in Friedau. Die hübsche Schwester dieses Hermann, Cezilia, wurde in Graz für das Theater ausgebildet, hatte eine kräftige, schöne Stimme, trat in Lustspielen und Possen auf und sang bei der Zauberflöte die Königin der Nacht. Aber ein ungenannter Kritiker referierte, dass Czilia, unter dem Theaternamen Wachmann nur in der Rolle einer Fratschlerin am Platze wäre.

     In Brünn hatte ihre Liebschaft mit einem Offizier traurige Folgen; denn ihr vorzeitiges Verlassen des Wochenbettes brachte ihr den Tod. Nach einigen Jahren kam das zurückgelassene Mädchen zu einer Putzmacherin in Graz in die Lehre.
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Freitag, 5. Februar 2010

33. Die vornehme Häckslerin - mein Tanztalent

Einst kam eine vornehme Equipage in die
Gasse, wo unser Haus stand, hereingefahren.
Und da unser Haus das letzte in dieser Gasse und über den Bach nur ein Fusssteg war, und erst jenseits eine Feldstrasse sich befand, rannten die Leute aus den Häusern aus Neugierde, wem der vornehme Besuch gelte. Aus dem Wagen stieg die leutselige Frau Fürstin Rosenberg, welche meiner Frau schon lange einen Besuch versprochen hatte. Meine Frau bezeigte ihre Ehrfurcht und führte die Fürstin in meine Werkstätte, wo ich eben einen Strohstock fertig hatte. Auf diesem probierte die Fürstin sogar eigenhändig Häcksel zu schneiden und nach einigen gelungen Schnitten bestellte sie auch sogleich einen Strohstock für ihre Wirtschaft.

     Ich kann mir zeitlebens etwas darauf einbilden, dass in meiner unscheinbaren Besitzung eine so vornehme Dame Häcksel geschnitten hat!

     (83)  Ich erinnere mich auch an das erwähnte mechanische Krippenspiel und machte ein solches in der Grösse nach Verhältnis unserer Räumlichkeiten, damit wir in unser Gasthaus mehr Gäste heranziehen können. Und wirklich verbesserte sich die Gastwirtschaft und die Bürgerfrauen, die sich genierten, bei Tage zu kommen, kamen abends zur Vorstellung bei Kerzenlichte. Kinder zahlten 1 bis 2 Kreuzer, Erwachsene 3 bis 4.


     Einst musste ich für uns ein neues Bett machen und wünschte hiezu die Füsse von Lärchenholz, da die Wohnung nicht sehr trocken war. Ich ersuchte den sehr humanen Lederermeister Simon Steurer, mir von seiner vor 140 Jahren in seinem Weingarten gezimmerten und nun als ganz defekt abgerissenen und stückweise in seinem Hofe aufgestapelten, lärchenen Presse so viel zukommen zu lassen, als zu vier Bettfüssen nötig wäre. Ich erhielt das Gewünschte mit grösster Bereitwilligkeit, sogar unentgeltlich. Herr Steurer hatte zwei Söhne, wovon der ältere, Anton, Geschäftsführer und guter Waldhornist war.

     Die ältere Tochter Marie besorgte nebst der Mutter, einer sehr resoluten Frau, eine Hauswirtschaft. Die Hübschere, Anna, war etwas stolz und die jüngeren Mädchen, Therese und Hedwig, sowie der jüngere Sohn Franz, waren etwas geistesschwach und nicht so lebhaft. Aber die ganze Familie war höchst gemütlich. Unter der Woche, abends und sonntags nachmittags kamen die Söhne aus achtbaren Bürgerhäusern dahin und unterhielten sich gesellschaftlich untereinander. Und da der alte Herr Steurer gerne lachte, so erhielt er Zutritt zur Gesellschaft, die mit meinen Anekdoten und Spässen ordentlich aufmischte. Mit Gesang und Flötenspiel und Guitarre, wobei der Maler Fritz seine Flöte meisterhaft spielte, wurden die Pausen ausgefüllt.  Wenn ich und der Bindersohn Markus Kirbis ein Duett mit dem Munde pfiffen, kamen alle ausser sich vor Lachen.

     Als ich auf einer Rückreise von Graz in Wildon im Gasthof Pichler übernachtete, wurde gegenüber ein herrliches Quartett gesungen, und da mir die Melodie so sehr gefiel und ich immer ein Freund der Dichtkunst – und ja bald der Antonitag war –, hatte ich eine Gratulation für Anton Steurer zur gemerkten Melodie mehrere Strophen in Reimen verfasst, welches Gedicht dann von den Lehrersgehilfen einstudiert und als Quartett unter Flötenbegleitung des Malers Fritz am 12. Juni abends vor dem Steurerschen Hause gesungen wurde und viel Beifall fand.

    (84)  Mit der Zeit hatte der Kammerdiener des Fürsten Rosenberg zu Freudenau das dortige hübsche und gemütvolle Zimmermädchen Johanna geheiratet und die Taverne übernommen. Auf Wunsch dieses neuen Tavernenwirtes hatten die lustigen jungen Murecker im Fasching eine Fahrt dahin beschlossen. Auf 12 Wägen hatten 48 Personen Platz genommen. Auf jedem Wagen war eine Person maskiert, und zwar ich auf einem als Zauberer. Das im einsamen Schlosse Freudenau oft von Langeweile geplagte fürstliche Ehepaar fuhr uns eine Stunde weit entgegen, stellte sich dann in der Equipage in Mirtsdorf an der Strasse auf und liess uns vorbeidefilieren und schloss sich dann dem Zuge an.

     In der Nähe der Taverne waren Fürstin und Fürst uns vorausgefahren, um sich dort wieder aufzustellen und uns vorbeidefilieren zu lassen. Wir amüsierten uns bei Gesang und eigener Musik, hatten Krapfen und süssen, neuen Lutienberger als köstliche Labung und fuhren nach berichtigter Zeche von 36 Gulden nach zwei Stunden zurück. Unterwegs aber kehrten wir bei der eine kleine Stunde von Mureck befindlichen Sixt-Mühle ein, wo der sehr gebildete und freundliche Eigentümer Ferdinand Sixt eine Gastwirtschaft betrieb und im sehr geräumigen Saale oft Gesellschaftbälle abhielt. Wo nur immer eine Unterhaltung stattfand, mussten mich die Teilnehmer wegen meiner Faxen und Bajazzo-Beweglichkeit dabeihaben, mochte ich wollen oder nicht. Und ich hatte das Gute, dass ich bei meiner Genügsamkeit fast immer zechfrei gehalten wurde.

     Mich beherrschte auch das sonderbare Geschick, dem Tanze leidenschaftlich zu huldigen. Wenn ich von der vielen anstrengenden Arbeit noch so müde war und nur eine Drehorgel oder Maultrommel hörte, so lebten alle Sehnen und Nerven frisch auf. Sehr oft erhielt ich wegen meiner Tanzlust von meiner Gattin, der guten treuen Seele, die Frage, wann ich denn einmal gescheit werden würde, worauf ich stets erwiderte: «Lieber Schatz, lass mich freuen, wer weiss, wie lange es dauert und es wird auch vergehen!».


     Als beim Sixt wieder Gesellschaftsball war, hatte ich eben eine schon mehrere Tage andauernde Kränklichkeit und musste meine Teilnahme am Balle absagen. Da war aber alles Entschuldigen und Protestieren vergeblich. Kaufmann Kolletnik kam mit seinem gedeckten Wagen und ich musste mitfahren. Am Balle aber waren lauter ledige Tänzer und Tänzerinnen versammelt. Nur ich und die Lederermeistersgattin, Frau Hammer, ein Kind der Liebe einer Pfarrersköchin von Gnas, waren die einzigen Verehelichten. Sie war von einnehmender Wohlgestalt mit zuckersüssen Blicken, und wir beide tanzten vergnügt und heiter  (85)  miteinander, denn jeder Tänzer war mit einer Tänzerin versehen.
    
     Als Ballkönigin war die Schulmeisterstochter von Halbenrain gewählt, ein äusserst niedliches, liebes Mädchen und vortreffliche Chorsängerin. Ihr wurde allseits, besonders von Herrn Tschebull, Verwalter der Herrschaft Obmureck, besondere Verehrung bezeugt. Nachdem ich beim Tanze sehr in Schweiss geriet, kam ich vollkommen gesund nach Hause.

     Wir machten einst auch auf 20 Schlitten eine Fahrt nach Spielfeld und kehrten nach Rückfahrten auch in Strass ein. Überall wurde musiziert, gesungen und gezecht, und alle Mitfahrenden waren mit von mir aus Lindenholz verfertigten Nasen versehen, worüber sehr viel gelacht wurde.
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Donnerstag, 4. Februar 2010

32. Nachbar Lustiger und der Schlamm

    Als der 80jährige Nachbar Lustiger meinen unermüdlichen Arbeitseifer sah, machte er mich aufmerksam, dass der Platz vor unserem Hause rechts zu unserer Besitzung gehöre, vor vielen Jahren ein Garten war, und der Zaun vom ärmlichen Vorbesitzer nach und nach als Brennholz vertilgt worden wäre.

     Lustiger zeigte mir die Grenzen und ich beeilte mich, diesen Flächenraum einzuzäunen. Der Magistrat, welcher die Fläche als Gemeindeeigentum erklärte, wollte über meinen vermeintlich unberechtigten Eingriff protestieren. Ich aber berief mich auf sehr alte Männer als Zeugen, dass seit dem Verschwinden des alten Zaunes noch keine 30 Jahre verflossen seien. So war der Streit behoben.

Bei dem eine Stunde entfernten Schloss Brunnsee ist ein Teich, welcher seine eigenen unterirdischen Quellen hat, daher das Schloss ursprünglich Brunnsee hiess. Das aus diesem Teiche rinnende Wasser fliesst als kleiner Bach an unserer Besitzung vorbei und fort in die Mur.

Infolge übermässiger Hitze 1834 versiegten fast alle Brunnen und Quellen, wobei auch der unsere Besitzung 30 Klafter lang begrenzende Bach ganz austrocknete. Ich hatte daraus den 2 Schuh tiefen, fetten Schlamm mit vieler Mühe herausgefasst und damit im neu eingezäunten Grunde einen Gemüse- und Blumengarten angelegt. Vor der Pflanzung hab ich in kurzer Zeit 9 Gulden eingenommen. Ein bei uns eingekehrtet Tuchmacher jammerte, dass er schon lange auf der Reise wäre, ohne Arbeit zu finden und sagte, dass er schon jede Arbeit angehe Ich trug ihm nun die Schlammarbeit an. Er wurde mit 1 Silberzwanziger-Groschen Taglohn nebst voller Verpflegung mit mir einig. Doch dieses Geschäft behagte ihm nicht. Des anderen Tages nahm er wieder sein Felleisen und sprach, es müsste wohl ein schlechter Tag sein, der ihm beim Fechten nicht 3 Silber-Zwanziger Kreuzer einbrächte. Mit diesem Fechtbruder war also nichts zu machen. Ich arbeitete aber unverdrossen an dieser Schlammgrabung fort.


     (81)  Eine halbe Stunde aufwärts war der sogenannte Eichacker, welcher den daneben fliessenden Bach oft überschwemmte. Dahin führte ich mit eigenem Fuhrwerke die ausgegrabene Erde. Der Nachbar Lustiger, der mit zwei Ochsen auch von diesem Schlamme dahin sehr viele Fuhren beförderte, erhielt dafür von mir 14 Gulden konv. Münze. Dadurch wurde der Acker bedeutend erhöht, vor Überflutung gesichert und erträglich kultiviert. Nach mehr als vierzehn Tagen lebten in dem Schlamme noch zahlreiche Fische, sogenannte Steinbeiss oder Bissgumen, welche in schwachem Essig gesotten sehr gut zu verspeisen waren. Fast alle Leute vom Markte kamen, um unseren neuen Garten voll kräftiger Gemüse und Blumen zu sehen und zu bewundern. Wir selbst hatte eine grosse Freude daran; die Bemühungen waren nicht umsonst.

     An der Sonnenseite des Hauses waren drei Weinranken, an welchen ich am Fronleichnamstage zusammen 500 Trauben zählte. Da gab es im Herbst viel zu naschen. Auch mit der Schweinezucht hatten wir Glück. Während wegen zu grosser Hitze fast bei jedem Hause kranke Schweine waren und viele verendeten, begoss ich unsere täglich ein paarmal mit frischem Wasser und sie blieben gesund.

     Wir waren für unseren Schmalzbedarf hinlänglich versorgt und konnten um 100 Gulden Schweine verkaufen. Der Nachbar Lustiger hatte mit einem Paar Ochsen auch unsere, an seinen Grund angrenzenden Acker gepflügt, und ich habe gesät. Wenn dann der Korn- oder der Weizenschnitt hermachte, sichelten seine Taglöhner zuerst sein Getreide, dann unseres, wobei ich für 11 Schnitterinnen sehr fleissig sein musste beim Garbenbinden.

    Den auf uns entfallenden Teil des zu zahlenden Arbeitslohnes hatte Lustiger immer billiger berechnet. Korn und Weizen hatten ich und meine Gattin selbst ausgedroschen. Arbeit war genug vorhanden. Das Wirtschaftsgeschäft war zu besorgen, die Kuh abzuwarten, den Geflügelhandel zu betreiben und auf das Kind zu sehen. Nebstbei hatte die äusserst emsige Frau abends so fleissig gesponnen, dass zu eigenem Bedarfe genug Leinwand erzeugt wurde.

     In unserem Hause wohnten zwei ledige Schwestern, die auf Tagwerk gingen und dann, wenn es Not tat, uns bei der Feldarbeit und beim Waschen aushelfen mussten. Als in Mureck die Volkszählung war, hatte ich dabei diese über fünfzig Jahre alten Schwestern als Jungfrauen angegeben. Da schlug der fungierende, heissblütige Oberleutnant von Baumbach mit der Faust kräfig auf den Tisch mit der Äusserung: «Dies glaubt der Teufel – fünfzig Jahre und noch Jungfrau?»

     (82) Nebenbei hatte ich nach allen Gegenden mit unserer Gelegenheit Personen zu befördern. In unserer Dreschtenne hatte ich meine Werkstätte zu verschiedenen Binder- und Tischlerarbeiten. Da der Häckselschneider nicht immer zu haben und über dies zu teuer war;
denn er verlangte für eine Stund Arbeit 10 Kreuzer, 1/8 Schnaps und ein Stück Brot. So nahm ich vom Hausknecht des Einkehrgasthauses den Strohstock zu Leih und schnitt selbst Hack, d.h. Häcksel. Als ich dann wieder die Häckselbank zu leihen nehmen wollte, erhielt ich sie nur gegen Trinkgeld und zugleich die Weisung, mir selbst eine solche anzuschaffen, da sie mit dem Ausleihen nicht besser werde. Ich schnitt nur so viel Häcksel, dass ich damit für das Pferd mehrere Monate auslangte und beschloss, selbst eine Häckselbank anzufertigen. Ich ersuchte den Lederermeister Kranzlbinder, mir seine Hobelbank zu leihen. «Nicht wahr», hat er gesagt, «diese Bank ist nett gemacht und gerade eine solche lassen Sie sich machen.» Aus Grossmut erlaubte er mir, von der Hobelbank das Mass nehmen zu dürfen.

     Beim Sixtmüller kaufte ich mir um 3 Gulden einen eichenen, starken Pfosten und verfertigte für uns selbst eine hübsche, starke Hobelbank, wozu ich die Holz- und Eisenschrauben nebst Bankhaken in Graz kaufte. Die erste Arbeit war nun der Strohstock, welcher stark und nett ausfiel, dass man damit so fein wie Kleien schneiden konnte, und ich in kurzer Zeit nach einer Bestellung 10 Stück erhielt und auch verfertigte.
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Mittwoch, 3. Februar 2010

31. Der heisse Sommer 1834

     Im Jänner 1834 wurden in den Weingärten alle Arbeiten unternommen. Die ganze Winterzeit verging ohne Kälte, ohne Schnee, ohne Regen. Allgemein wurde gejammert, dass ohne Winterfeuchtigkeit das Getreide nicht gedeihen könne. Doch gegen alle Hoffnungen waren Korn und Weizen vortrefflich geraten. Wir hatten zum Anbauen von Kartoffeln nur
den allernassesten Acker disponibel. Die grosse Hitze aber kam demselben zu Gute und wir bekamen ausserordentlich viele und lauter faustgrosse Erdäpfel, während auf sandigem Boden alle verdorrten. Bei aller unserer Schweinemästung konnten wir im nächsten Frühjahr 1835 gar viele Grundbesitzer mit Samen-Erdäpfeln aushelfen.

     Die Hitze im Sommer 1834 war so gross, dass manche Wiesen durch die Glut in den Wurzeln ganz ausbrannten. Früher kostete der Zentner Heu in dieser Gegend 1 Gulden und jetzt auf einmal 5 Gulden, daher das Husarenregiment von hier nach Oberstier dislociert wurde, wo noch vieles und billiges Pferdefutter vorhanden war. Infolge des teuren Futters hier wurden am Markte zu Radkersburg an ungarische Händler die gewöhnlichen Pferde per Stück um 5 Gulden verkauft.

     (79)  Dafür wurde der Wein auserlesen gut, fast dem von 1811 gleich. An den Hecken hingen lauter Zibeben. In den schlechtesten, sonst sauren Wein, die Mass 12 Kreuzer erzeugenden Weingärten geriet derselbe so gut, wie der Radkersburger zu 32 Kreuzer die Mass. Im nächsten Jahr war er wieder sauer zu 12 Kreuzer.

     Wegen Futterteuerung wurden Kühe massenhaft geschlachtet und in den Dörfern um Mureck zu 6 und 8 Kreuzer per Pfund verkauft. Wir hatten in unserem Gasthaus sehr viel Fleisch von jungen Kühen verbraucht und 4 Zentner auch geselcht und aufbewahrt, welches über den Winter und im nächsten Frühjahr gut zu verwenden war, da das Pfund Rindfleisch wieder 17 Kreuzer kostete.

     In den Gebirgen und Tälern waren alle Bäche und Teiche ausgetrocknet, jede Mühle stand leer, nur solche an der Mur gingen noch, was sonst für einen Sack Getreide nur 5 Kreuzer gezahlt wurden als Mahlgeld, wurden jetzt 2 Kreuzer begehrt. Zur Zeit der Weinlese wird zur Reinigung der Fässer und der Presse sehr viel Wasser nötig. Wie viele Weingartenbesitzer mussten dasselbe vier bis fünf Stunden weit von der Mur oder Drau holen. Da kam der Startin Wasser 10 bis 12 Gulden, da zu jedem Wagen 3 bis 4 Ochsen nötig waren.

     Gewöhnlich kostete ein Startinfass 3 Gulden, zur Lesezeit 8 bis 9 Gulden, da infolge des ungeheuren Weinreichtums fast überall Mangel an Geschirr eintrat. Wer dem Weingartenbesitzer zwei Fässer brachte, konnte ein drittes mit fünf Eimern Wein dafür anfüllen und wegfahren.

     Bäcker Kröll in Mureck hatte zum Betriebe seiner Branntweinbrennerei im Hofe unter einer grossen Wagenhütte einen Bottich von 80 Startin Zwetschgen in der Erde eingegraben. Dieser Bottich stand 2 Schuh aus der Erde. Der Deckel dazu war mit Ketten und Rädern zum Aufziehen und Niederlassen. Da der Bottich leer war, wurde derselbe mit dem an der Presse um 8 Gulden per Eimer gekauften Wein angefüllt und letzterer der Gährung überlassen.

Im Februar 1835 überzog Kröll den Wein aus dem Bottich in die seither wieder billiger gewordenen Fässer und verkaufte den Startin zu 10 Eimer per 20 bis 30 Gulden. Der 1834er war so geistvoll, dass ich zu 4 Halbstartin Wein einen Halbstartin Wasser mischte und kein Gast bemerkte eine Abnahme des Weingehaltes.

Der Chirurg Barth in Mureck hatte in seinem Kontobuche gegen 3000 Gulden eingetragen, über welche er wegen Uneinbringlichkeit schon lange das Kreuz machen wollte. Da er aber bemerkte, dass die ihm schuldenden Besitzer jetzt gerne mit Wein bezahlten, holte er diesen mit selbst beigestellten Fässern ab und kam somit auf  (80)  eine schönste Art zu seinen für verloren geglaubten Guthabungen. Im Frühjahr 1835 erhielt er per Startin 30 bis 40 Gulden und konnte somit für einen seiner Söhne die Chirurgen-Realität in Hartberg kaufen.

     Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es mir an Energie und Mut fehlte, mit Weinspekulationen wie so viele andere ein Geschäft zu machen und Vermögen zu erwerben. Das Schicksal hatte mich zu harter Arbeit verdammt. Ich hatte dem Bindermeister Götze, welcher zu uns ein sehr guter Nachbar war, in dringenden Fällen als Binder geholfen.
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Sonntag, 31. Januar 2010

30. Von Abstall nach Mureck

     Nach allen von uns ausgestandenen Mühseligkeiten hatten wir uns entschlossen, die Taverne zu verlassen und irgendwo eine Realität anzukaufen, da wir hier ungeachtet allen Fleisses nicht vorwärtskamen.

     (76)  Als nun zufällig wieder der erwähnte Riemenmeister Schreiber im Schloss Arbeit hatte, redete er uns nochmals zu, das vormals Kirbisch, nun Gruber'sche ebenerdige, gut ausgebaute und mit Ziegeln gedeckte Binderhaus samt Gewerbe und vier Joch Grundstücken zu kaufen, und zwar in Mureck.

Wir sind dann richtig hingefahren und wurden mit Gruber vorläufig mit 1180 Gulden einig, ohne jedoch eine Anzahlung zu geben. Da gab es wieder Leute, die die Realität recht verdächtigten und uns vom Kaufe abhielten. Ich fuhr sogar nach Graz um die Meinung meiner Eltern. Besprach mich auch mit dem in dem obigen Hause gebürtigen Sensenwirt Kirwisch an der Wiener Strasse. Überall erhielt ich aber den Rat, das Binderhandwerk in Mureck nicht zu kaufen, da darauf noch jeder Besitzer zu Grunde gegangen wäre.

     Nun plagte mich wie immer der ewige Zweifel, was ich tun sollte. Herr Schreiber tröstete mich und hatte mir zum Kauf geraten. Als wir nun nach einigen Tagen mit dem festen Vorsatz nach Mureck kamen, den Kauf abzuschliessen, sagte der uns begegnende Riemenmeister, dass wir schon zu spät kämen, indem Gruber soeben mit Heinrich Götze, einem Preussen, welcher neun Jahre als Bindergeselle in Rackersburg arbeitete, wegen Kaufabschluss am Rathaus sei. Da kam uns wirklich ein Herzweh und die Reue, dass wir uns vorher so abreden liessen und nicht rechtzeitig zum festen Entschluss gekommen sind. Nachträglich sagte Gruber, wenn er von unserer Anwesenheit gewusst hätte, so wäre er noch von der Amtskanzlei fort und hätte lieber mit uns den Kauf abgeschlosssen, statt – wie er sich ausdrückte – mit dem protestantischen Dickschädl, obwohl dieser die Realität um 1260 Gulden hatte, somit um 80 Gulden mehr als wir verhandelten. Nun, was war geschehen?

     Da zufällig am Ende der Gasse die Eheleute Kruschitz ihr stark gemauertes, jedoch mit Stroh gedecktes, vormals Wirtshaus samt Garten mit 2 Joch Grundstücken zu verkaufen hatten, so übernahmen wir diese Realität um 750 Gulden. Wir hatten den Plan, das Binderhaus in Graz zu verkaufen und den Hauskaufschilling zu tilgen.

     Am letzten April 1833 hatten wir die Taverne an den neuen Pächter Egel, Bruder des Abstaller Bäckers übergeben. Nach Abschiednahme im Schloss sind wir nach Mureck gezogen.

     Ich habe noch einiges über unseren vormaligen Aufenthalt in Graz zu berichten:  (77)  Der erwähnte Hollenstein hatte eine reiche Grudbesitzerstochter von Waltendorf geheiratet. Ich und Hollenstein waren bei dem 1831 wieder neu errichteten, uniformierten Bürgerkorps. Als von Graz alles Militär an die Grenze gegen Ungarn wegen der dort herrschenden Cholera dirigiert wurde, mussten alle Bürger in Graz die Wachen übernehmen.

     Da ich mit Hollenstein einst Tag und Nacht die Wache im Strafhaus hatte, kamen die Frauen Hollenstein und die meinige gegen Mitternacht mit Kaffee, um uns zu laben.

     Nach dem Tode dieses Hollenstein heiratete die Wittwe den Bäckermeister und Ziegeleibesitzer Portugal in Premstätten, aus dessen Ehe der im Jahre 1885 zum Bürgermeister von Graz ernannte Dr. Portugal entstand.

     In Freudenau wurden wir auch mit dem Gefällen-Respizienten Lueff bekannt, der nachher bei der Verzehrsteuer-Pachtung in Graz Kassier war, in Gasselsdorf bei Dobelbad einen Bauerngrund besass, und einer unserer besten Freunde war in Graz.

     Von Mureck ging ich nach Graz und fand glücklicherweise in der Person der Bäkerswittwe Stigler eine reale Käuferin meiner realen Fassbindergerechtssame für ihren Sohn Jakob, welcher dann das Gewerbe in der Zinsendorfstrasse ausübte.

     Herr Schreiber in Mureck hatte es mit uns wirklich gut gemeint. Herr Grundbuchführer Benedicter gab uns den Rat, unser Haus beim Verwalter und Distriktskommissär securieren zu lassen, und das Gesuch um Wirtshaus-Kommission bereit zu halten. Als Herr Verwalter Gatti in Brunnsee fragte, was wir mit dem Hause machen wollten, übergab ich ihm das Gesuch, dessen Bewilligung er freundlich zusagte. Ich nahm wieder bei dem von der Taverne her bekannten Semlitschmüller den Wein, denn mit diesem Herrn war ich sehr gut dran.

     Ich durfte nur Post schicken durch den von Mureck in das Stainztal mit Brot und Semmeln hausierenden Knecht des Bäckers, Kröll. Ich bekam unverzüglich die gewünschten Sorten: Pölleschberger, Fröhlichsberger und Radenberger. Und wenn in Mureck Jahrmarkt war, kam der Müller um die Bezahlung, welche stets ohne Anstand und zum beiderseitigen Einverständnis vor sich ging.

     Aber im September 1833 verursachte die Mur eine grosse Überschwemmung. Nur ein kleiner Platz vor dem Rathaus blieb trocken. Kein Haus, Stall oder Keller blieben vom Wasser verschont. (78)  In unserer Küche reichte dasselbe fast zur Höhe des Herdes. In die höher gelegene Tenne postierte ich die Kuh und die Schweine. Das zufällig mit einem verstauchten Fuss behaftete Pferd musste ich im Stall stehen lassen. Hinter dem Haus wogten die grössten Ströme, als ob die sonst eine viertel Stunde entfernte Mur sich ein neues Bett graben wollte. In den kleinen Zimmern hatte ich die Fussböden durch Querbalken und Bolzen gegen Aufreissen früh genug gesichert, aber im grossen Gastzimmer kam ich mit der Vorkehrung zu spät, der Fussboden wurde vom Wasser ganz aufgerissen, so dass ich denselben grösstenteils neu herstellen musste. Als nach einigen Tagen das Wasser ablief, war der überstauchte Fuss unseres Pferdes ganz gesund.


     Der Markt Mureck liegt sehr niedrig und hatte beim hohen Wasserstande der Mur sehr viel zu leiden. Die ebenerdigen Wohnung können von einer Überschwemmung bis zur anderen selten vollständig austrocknen, daher dort viele Krankheiten herrschen.

     Finken, Amseln, Lerchen und wie die Vögel alle heissen, sangen lustig und freuten sich des Frühlingswetters.
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Freitag, 29. Januar 2010

29. Tabakschnupfergesellschaft - Der Pfarrer von Abstall

     Meine arme Gattin hatte im Jahre 1832 den Schmerz über den Tod ihrer 68jährigen Mutter zu bestehen.

     Aus Veranlassung des Kaplan Lippusch wurde eine Tabakschnupfergesellschaft errichtet. Jedes Mitglied musste mit einer mit Tabak gefüllten Dose ausgestattet bei Begegnung mit einem Miglied die Dose hervorziehen, darauf klopfen und sprechen: «Also wirklich!» – und dann schnupfen. (74) Wer auf einen oder den anderen Punkt der Statuten vergass, musste einige Kreuzer Strafe zahlen. Die Strafgelder wurden dann bei mir verwixt. Auch wurde beschlossen, im Schlosse einen Landtag abzuhalten, wozu jedes Mitglied in einem selbst verfertigten und bis dahin geheimgehaltenen Kostüm erscheinen sollte.

     In einem im orientalischen Geschmack dekorierten Zimmer war ein Thronhimmel aufgeschlagen. Die Kammerjungfer, als Sultanin verkleidet, war mit fürstlichem Geldschmuck und Perlen überladen. Als jedes Mitglied in besonderer Maske erschien, gab es wohl viel zu lachen und zu bewundern. Kaplan Lippusch als Husarenoberst erregte wirklich grosses Aufsehen. Aber alle waren von dem Glanze und der Pracht, Schönheit und reizvollen Anmut der Sultanin entzückt. Als das allseitige Lachen und Bewundern endigte, wurde gerichtlich ernst über die Vergehen jedes Einzelnen gegen die Statuten verhandelt, und wer die meisten Strafvermerkungen hatte, wurde zur Tragung der Kosten verurteilt. Natürlich kam das Urteil über die Sultanin, weil sie gar nicht schnupfte. Zum Schlusse wurde auf Kosten der Herrschaft festlich geschmauset.

     Im Parke war eine Art Tempel, oben mit einer Terrasse. Wenn auf dieser manchmal unsere musikalischen Produktionen abgehalten wurden, hörte meine liebe gute Frau beim Haustore der Taverne gerne zu. Und da der Park das Echo zurückgab, so nahm sich die Musik besonders in mondhellen Nächten sehr angenehm aus.

     Ich hatte überhaupt sehr angenehme Stunden im Schlosse, und es war nicht Recht von mir, dass ich am Abend die ganze Tavernenwirtschaft und Plage mit dem allerliebsten, nudeldicken Kinde meiner viel geplagten und umsichtigen Frau überliess. Im Ganzen hatten wir wohl sehr viele Unannehmlichkeiten auszustehen.

     Da ich auch eine Spekulation mit Getreide versuchen wollte, erkannte ich, dass mir hiezu die gehörige Redekunst fehlte. Ich musste den armen Bauern sehr lange zureden, bis sie sich herbeiliessen, mir etwas käuflich zu überlassen. Dann hatten sie aber einen Preis bestimmt, der mir im Verhältnis zum Verkaufe – mit Rücksicht auf die bedeutenden Reisespesen an Zehrung, Mauten, Stallgeld und Verzehrungssteuer – nicht  gefiel.

     (75)  Der Pfarrer von Abstall war ein alter, sonderbarer Kauz. Auf der Kanzel zeterte er über die Zuhörer, die zu seiner Predigt kamen, um nur darüber zu lachen. Man konnte sich der Lachlust nicht verwehren, wenn er an seinen Fingernägeln kaute, oder einem während des Kanzelvortrages eintretenden und die Kirchentüre offenlassenden Bauern heftig zuschrie: «Mach zu!!!» Der Pfarrer erzählte von der Kanzel herab teilweise Lebensgeschichten einiger Pfarrereiinsassen, setzte aber jedesmal bei, er kenne sie nicht. Die Zuhörer aber flüsterten sich lächelnd die Namen derjenigen zu, auf die er es abgesehen und die er soeben verrissen hatte. Seine Wirschafterin und Köchin Greza war ein echter Zankteufel; wollte der Pfarrer in seinem Zimmer mit jemandem unter vier Augen sich besprechen, so ging sie trotz wiederholter Aufforderung nicht vom Flecke, sondern machte sich im Zimmer bald da und bald dort etwas zu schaffen, damit ihr ja kein Wort der Besprechung entging.

     Er gab jedem um Almosen Ansprechenden einen Kreuzer, kam aber zufälig die Köchin dazu, so schummelte sie den Armen vor die Türe und zeigte mit grober Gebärde auf das gegenüber befindliche Rezeksche Einkehrhaus und schrie: «Da, da, da gehn Sie hin! Da ist ein Wirtshaus!»

     Der Pfarrer hielt nie einen musikalischen Gottesdienst und sagte immer, er brauche keine Kerzenbrenner. Sehr oft hatte er den Wunsch, von der bösen Greza loszukommen und versprach sogar dem Wittwer Franzl, wennn er sie heirate, 2000 Gulden. Dieser wollte sehr schlau die Aussteuer vor der Hochzeit, aber der Pfarrer war vorsichtig.

     Während einer dortigen grossen Feuersbrunst liess er seine Geldtruhe in die Kirche schleppen und setzte sich darauf mit den Worten: «Hier will ich sterben!» Er konnte nur mit Gewalt entfernt werden, als die vom Feuer ergriffene Kirche mit dem Einsturz drohte. Der Kaplan Lippusch hatte mit seiner Schwester einen Weingarten bei Spielfeld und konnte sich zu einer schmalen Kost beim Pfarrer eine Aufbesserung verschaffen. Als Lippusch einst abends beim Rezek ein Glas Wein trank und wegen des Nachlesens ins Pfarrhaus geholt wurde, sagte er: «Der Pfarrer soll seinen Brei selbst fressen!»
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Donnerstag, 28. Januar 2010

28. Wo Fuchs und Hase ... / Gurgelbein-Operation

     Als meine Mutter einst an einem Sonntage zu uns auf Besuch kam und in das Theater im Schlosse geführt wurde, wo ich in der 'Teufelsmühle' das Kasperle spielte schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte in jammerndem Tone zu meiner Frau: «Ach, mein lieber Sohn muss hier den Leuten den Narren abgeben» und sie ging entrüstet fort. Da ich ein besonderer Freund vom Theater war und in Graz die Teufelsmühle drei mal sah, so konnte ich den Kasperle aus Passion und mit grösstem Beifalle darstellen.

Der herrschaftliche Kutscher Jakob Taupe war in seinen freien Stunden Jäger und schenkte mir einmal einen grossen Fuchs. Meine Gattin hatte diesen drei Wochen lang in starker Beize liegen lassen. Da wir dann einen Primling abgestochen und das Schlosspersonal samt Kaplan und Chirurgen zu einem fetten Bissen eingeladen hatten, veranstalteten meine Frau und ich ohne Vorwissen anderer, dass zuerst der Fuchs geschmackvoll gespickt gebraten und mit delikaten Rahmsossen als Hase aufgetischt werden sollte, und im Nu alles von der Tafel verschwinden und mit frischem Gedecke der Schweinsbraten serviert werden musste. (71) Mit sichtlichem Appetit fing jeder an, von Herzen zu speisen, selbst der Jäger erkannte sein Geschenk nicht. Vor lauter Plaudern war Antonia die letzte, die von gustios daliegendem Hasen ein Stück in den Mund nahm. Aber sogleich nahm sie den Brocken aus dem Gaumen und schrie: «Pfui Teufel, das ist ein Fuchs!» Und es war komisch zu sehen, wie ein Gast nach dem anderen den noch im Mund befindlichen Bissen herausnahm und unter den Tisch warf. Ehe sich alle von der Überraschung erholt hatten, war keine Spur der Ursache mehr vorhanden, und das Jungschweinerne mit famosem Bratengeruch auf dem Tische. Jeder versuchte, den Fuchsgeschmack mit Wein hinabzuschwemmmen. Nur der leicht zum Erbrechen gereizte Chirurg musste zuerst mit einem Glas Slivowitz getröstet werden. Nachdem die Gäste mit launigen Äusserungen einander und uns recht hänselten, liessen sich alle den Primling recht gut schmecken. Überhaupt waren diese Herren nebst der Kammerjungfer gern gesehene Gäste, und ich bemühte mich, alle durch Anekdoten, Deklamationen, Stegreif- und sonstige Lieder bestens zu unterhalten.

     Besonders Kaplan Lippusch war grosser Freund von zweideutigen Gesängen.  Recht zotige Texte sang er selber am liebsten. Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein, dass der erwähnte Kaplan Dirschedl auch nicht sehr sittenrein war, denn in seinem Zimmer hingen acht den Sklavenhandel darstellende Bilder mit vielen weiblichen, nackten Figuren, welche ich schon früher als damaliger Schulknabe selbst sehr gern sah.

     Ich und meine fleissige Gattin hatten unser Getreide selbst ausgedroschen. Und da der Herr Fürst Rosenberg bei seinen täglichen Spaziergängen uns öfter besuchte, wunderte er sich über unsere Tätigkeit beim Dreschen und tags darauf sah er uns beide an der Stickrahme sitzen, da meine Gattin wieder eine dringende Bestellung hatte. Ich kaufte einen neuen Wagen und ein Pferd, weil wir auch einen Handel mit Geflügel für meine Eltern nach Graz unternahmen. Meine äusserst tapfere Frau fuhr sehr oft allein gegen Luttenberg zum Einkaufen, wobei sie die slowenische Sprache sehr gut gebrauchen konnte.

    Nebenbei verdiente ich gar manches in der Binderei, dann als Tischler, Maler, Bildhauer, Sänger.

     Als einst vom oberen Orte Schöpfendorf ein Hochzeitszug bei uns vorbeikam und ein Brautführer losfeuerte, zersprang ihm der ganze Schaft der Pistole und ich hatte diese wieder brauchbar hergestellt.

     (72)  In unserer nächsten Nachbarschaft war ein dicker Bauer, Florian Stachel, gewesener Artillerie-Feuerwerker. Bei seinen täglichen Besuchen unterhielt er sich gerne mit uns, besonders mit der geistreichen Frau, wie er sagte. Der Bauer und Handelsmann, vulgo Kroatenmüller, benahm sich dienstfertig und liebevoll gegen uns, als ob wir seine Kinder wären. Er machte mich mit dem braven Weingarten- und Mühlenbesitzer Semlich im Stanzthal bekannt, von dem ich die nötigen Weine zu mässigen aber festgesetzten Preisen, samt Fass ins Haus gestellt, bezog.

     So oft Kroatenmüller nach Graz kam, meldete er sich bei meinen Eltern und hatte uns von diesen geschenkte und in unserer Wirtschaft brauchbare Artikel ins Haus gebracht.

     Von Wien kam einst der Wiener Meister Schreiber zu Arbeiten bei den herrschaftlichen Riemenzeugen. Als er erfuhr, dass ich ein Binder sei, riet er uns, das wegen Schulden verkäufliche Grubersche Binderhaus samt Gewerbe und 4 Joch Grundstück zu kaufen. Ich hatte eben im Schlosspark eine neue Einsiedelei in der Arbeit, wobei ich dem Gesellen des Tischlers zu Hilfe kam. Dieser war ein Tiroler und an mitunter zweideutigen Anekdoten unerschöpflich.

Obwohl die Fürstin, geborene Gräfin Brandis, sehr religiös war, hörte sie den Erzählungen des Tirolers gerne zu. Fand sie der Fürst den schlüpfrigen Reden lauschend, zog er sie gleich fort. Aber bald war sie wieder da und fragte den Tiroler: «Wissens nichts mehr?»

     Einst erkundigte sich der Fürst, der eine Comtesse bei zehn Jahren besass und sehr gerne einen Prinzen haben wollte bei dem Tischlermeister: «Sagen Sie mir doch, wie stellen Sie es denn an, dass Ihre Frau alle Jahre einen festen Buben hat?» (Es waren schon 9 Stück). «Durchlaucht», antwortete der Meister, «ich bin oft Monate auswärts auf der Stör, aber wenn ich nach Hause komme, spring ich um das Bett herum wie ein Hahn um die Henne und dann – hast Du nicht gesehen – aber nicht alle Tage, so und so!!» Der Fürst schlug seinen am Leib hängenden Mantel fester zusammen und –– ging.

     Die Fürstin Kunigunde Rosenberg war eine kleine liebliche und freundliche Dame. Ich hatte für ihre Wirtschaft manche Binderarbeit. Ich hatte auch die Kapelle aussen an der Parkmauer mit Betstühlen, dann mit geschnitzten Wandleuchtern zu versehen. Das fürstliche Ehepaar begab sich öfters auf Wallfahrten, um einen Sohn zu erbitten; aber alle diese diesfälligen frommen Wünsche blieben unerfüllt.

     (73)  Die Comtesse hatte am Gurgelbeine einen kleinen Auswuchs, welchen die Eltern beseitigt wünschten. Sie liessen daher den Kreisfisiker von Marburg und den Chirurg von Abstall kommen. Der Kammerdiener kam zu mir mit der Frage, ob ich blutscheu wäre und ich platzte mit der Antwort heraus, dass ich mit dem Teufel raufe, wenn es sein müsste. «Also kommen Sie!», sagte er.

     Im ersten Stock des Schlosses lag auf einem mit Matratze belegten Tische das arme weinende Kind, in Patschen gewickelt, dass es sich nicht mehr rühren konnte. Ich wurde angewiesen, Kopf und Schultern des Kindes der Comtesse festzuhalten, und der Kammerdiener war zum Festhalten ihrer Füsse bestimmt. Der Kreisfisiker machte an der Haut ihres Halses einen kleinen Schnitt, zog mit einem silbernen Häkchen den Auswuchs in die Höhe, welchen der Chirurg mit einem silbernen Messer vom Gurgelbein löste. Während dieser Prozedur sprudelten am Halse des schreienden Kindes rechts zwei und links drei kleine Fontänen Blut hervor, die mich schaudern machten, obwohl ich mich herzhaft zusammennahm.

     Vor dieser Operation war die Herrschaft zur Kirche gegangen und das Schlosspersonal begab sich in die unterirdischen Räume, um nicht den Schmerzensschrei der armen Comtesse zu hören. Nur die Kammerjungfer hielt stand, um nötigenfalls mit Labungen bei der Hand zu sein. Sie musste meine Ergriffenheit bemerkt haben, denn als ich mich entfernte und im Vorzimmer zusammenbrach, war über das Gepolter die Kammerjunger schon da, um mich mit dargereichten Spirituosen wieder aufzurichten. Nachträglich wurde ich über meine Lust, mit dem Teufel raufen zu wollen und über meine nachträgliche Schwäche ausgelacht und erkannte, dass ich zu keinem Soldaten getaugt hätte. Die Operation war glücklich vorüber, und beide Herren Ärzte machten der von der Kirche zurückgekehrten Herrschaft an der Einfahrt ein tiefes Kompliment. Nach mehren Jahren wurde Comtesse Kunigunde im Schlosse mit dem Grafen Platz vermählt. Nach Hinscheiden ihrer Mutter ehelichte der Fürst eine Comtesse Wurmbrand, mit welcher er einen Sohn zeugte. 
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